Die Reportage als radikale Kunst

Ausstellung Für den Polen Artur Żmijewski ist Kunst eine "soziale Methode". Aufschlüsse über das Verhältnis von Ästhetik und Demokratie bleibt "Democracies" indes schuldig

Was hat das Begräbnis von Jörg Haider im österreichischen Klagenfurt mit der 1.-Mai-Randale in Berlin-Kreuzberg zu tun – etwa, dass beide Ereignisse im öffentlichen Raum stattfinden? Man fragt sich, was der polnische Künstler Artur Żmijewski im Sinn gehabt hat, als er seine Videos drehte, die jetzt in einer renommierten Berliner Galerie zu sehen sind.

Zugegeben: Żmijewskis Bilder lassen einen nicht kalt. Ein Kärntner Bischof ruft: „Unser Führer ist tot.“ Palästinensische Frauen in Gaza skandieren: „Rache.“ Zwischen brennenden Autos am Kottbuser Tor in Berlin sieht man den an Häuserwände gesprühten Spruch „Fuck the Police“. Aber hat man solche Sequenzen nicht erst kürzlich im Fernsehen gesehen?

Wer sich von dem schweren Titel Democracies tiefere Aufschlüsse über das Verhältnis von Ästhetik und Demokratie erhofft hat, wird enttäuscht. Kunst kommt in diesen Videos nicht vor, auch nicht in Spurenelementen. Es sei denn, man sieht die Installation von gut zehn Bildschirmen samt Kopfhörern als multimediales Panorama politischer Manifestationen. Die Kuratoren verkaufen den Fakt, dass Żmijewski von seinen „Re-inszenierungen“ zu Kurz-Dokus gewechselt ist, als Fortschritt kunsthistorischen Ausmaßes. Und verkünden die weltstürzende Weisheit, dass in seinen Bildern „der menschliche Körper Ausgangspunkt jeglicher Aktion“ ist.

Man kann sich auch mit banaleren Botschaften begnügen: Demokratie sind viele. Mal findet sie spontan statt, wie auf der Demonstration von Solidarnosc-Anhängern 2008, die „menschenwürdig leben“ wollen. Mal geordnet, wie bei der nordirischen Loyalisten-Parade im selben Jahr.

Artur Żmijewski, 1966 in Warschau geboren, ist kein Unbekannter auf dem Felde der Provokationskunst. Für seinen umstrittenen Film Fangen ließ er 1999 acht nackte Männer und Frauen in den Vernichtungskellern eines Konzentrationslagers umherlaufen. In einem anderen Film, Gesangsstunde II von 2003, sang ein Chor gehörloser Jugendlicher Bachkantaten. 2004 überredete er einen 92-jährigen einstigen KZ-Häftling, sich die verblasste Nummer auf seinem Unterarm auffrischen zu lassen, die ihm die Nazis verpasst hatten.

Nur aus Lust am Obszönen macht Żmijewski dergleichen nicht. An der Kunstakademie als Bildhauer ausgebildet, ließ er bald von der klassische Disziplin ab: „Wie soll man denn damit zu Menschen sprechen?“ So grübelt der Künstler nun seit Jahren, wie man „direkten Zugang zu den Leuten“ bekommt.

Gegen die Kunstschocker der letzten Jahre muten seine neuen Arbeiten fast ­diskursiv an. Den Rollenwechsel vom Künstler zum Reporter hat er vollzogen, um ­einmal „keinerlei Kunst“ zu machen. Żmijewski nervt die Erwartung, dass Kunst raffiniert, „tricky“ und ausgeklügelt zu sein habe. Also macht er das Gegenteil. Realismus als Schocktherapie. Wie radikal.

Das alles mag in der Logik eines Mannes liegen, der Kunst als „soziale Methode“ definiert – aber dann hätte er der ästhetischen Sozialwissenschaft, der er huldigt, wenigstens jene Zusatzstoffe „Traum, Imagination, Verantwortung, Wiederholung und Risiko“ hinzufügen sollen, die er für sich in Anspruch nimmt. Kunst, die im Museum erhaben auf ihrem Hintern sitzt, unterläuft man nicht mit ihrer Negation, sondern höchstens mit guter Kunst.

Democracies Artur Żmijewski DAAD-Galerie, Berlin, bis 9. Mai

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