Die Tage der Kommune

Kerle Michal Witkowski will mit "Lubiewo" den polnischen Tunten ein Denkmal setzen, und lässt seinen Affekten gegen die westliche Massenkultur freien Lauf

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Als Rosa von Praunheims Film 1971 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, markierte das eine Zeitenwende. Nicht nur, weil da einer zeigte, wie aus Menschen "Randgruppen" werden. Sondern auch, weil Praunheim diese Randgruppen attackierte, endlich ihre Nischen zu verlassen: "Raus auf den Klappen. Rein in die Straßen" lautete sein Kampfruf damals. Inzwischen hat sich das, was früher verschämt als "schwule Subkultur" bezeichnet wurde, zu einem machtvollen Mainstream ausgewachsen. Schwuler Lebensstil ist Trumpf, schwule Promis sind Kult und schwules Ghetto ist out.

Wer Michal Witkowskis jüngst erschienenen Roman Lubiewo liest, muss den Eindruck gewinnen, der junge Mann aus Warschau wünsche sich die klammheimlichen Verhältnisse von einst wieder zurück, so liebevoll gräbt der 1975 geborene Autor die guten alten Zeiten wieder aus. Die Zeiten, als Schwule in Polen sich noch in verrosteten Pissoirs trafen, hinter baufälligen Kasernen russischen Soldaten die ungewaschenen Schwänze bliesen oder sich in dem kleinen Kaff an der Ostsee in den Dünen verstecken mussten, nach dem er sein Buch benannt hat.

Witkowskis Buch beginnt mit einem Besuch des Autors bei einem schwulen Freundespaar in einem Plattenbau am Standrand von Warschau. Dort trifft er zwei alte Männer, die sich Patrycja und Lukrecja nennen. In Lubiewo trifft er zwei alte Pensionistinnen, die schon im Sozialismus Ferien an dem FKK-Strand machten. Eine Geschichte reiht sich an die andere, skurrile Figuren, längst gestorbene Freunde, Feinde und Rivalen stehen vor dem geistigen Auge der Befragten auf: die onanierende "Regenkavalier" im Park, der schöne Jüngling Milan aus Bratislava, die Klofrau Urinella. Nach und nach entsteht mit diesen Geschichten ein facettenreiches Mosaik schwulen Lebens in den Tagen der "Kommune" - so nennen die freundlichen Tunten wehmütig die Zeit des untergegangenen Systems.

Es ließe sich darüber streiten, ob dieser semiliterarische Bericht wirklich ein Roman ist. Denn die Mischung aus Klatsch und Tratsch und Erinnerungen, SMS-Texten und Reflexionen des Erzählers erinnert mehr an eine etwas wahllose, postmoderne Collage. Und für ein Projekt, mit dem der Verfasser ein polnisches Tunten-Dekameron im Geiste Boccaccios und Pasolinis schaffen, diese selbst zu Erzählerinnen ihrer Geschichte machen wollte, drängt sich Witkowski störend häufig selbst ins Bild. Doch letztlich erweist sich das Fragmentarische dieses äußerst lose geschnürten Textbündels als adäquate Form für eine Bevölkerungsschicht, der die feste soziale Form fehlte.

Dass Witkowskis Buch einen Skandal verursachte, als es 2005 in Krakau zum ersten Mal veröffentlicht wurde, versteht man auf Anhieb. So oft wie in diesem Buch die Wörter "blasen", "Schwanz" und "Sperma" vorkommen, müsste das eine Provokation für das Polen der Gebrüder Kaczynski oder für Roman Giertychs "Liga polnischer Familien" sein, die überall "homosexuelle Propaganda" witterten. Und Witkowski gelingt es, die Kontinuität einer Lebensform aufzuzeigen, die diese reaktionäre Koalition ignorierte und notfalls auch mal niederknüppeln ließ, wenn sie sich doch zeigte. In Polen gibt es zwar ein "Institut für nationales Gedenken". Doch es bedurfte eines akademischen Außenseiters, um ein wichtiges Kapital polnischer Kulturgeschichte ans Tageslicht zu bringen. Mit Lubiewo sind die Schwulen, die es in Polen schon immer gab, unwiderruflich ein Teil des kollektiven Gedächtnisses an der Weichsel.

Die Schattenseite der Aufklärung ist freilich der Mythos. Und der beginnt in diesem Buch da, wo diese voremanzipatorischen Lebensform einen Heiligenschein verliehen bekommt. Auf der einen Seite gelingt es Witkowski gut, aus seinen Protagonistinnen das Gefühl der Entfremdung in der Transformationsperiode nach 1989 hervorzukitzeln. Aus ihrer Sicht haben Patrycja und Lukrecja tatsächlich Grund zu klagen: Aus dem Erholungsheim für Werktätige wurde eine Schönheitsfarm, der Treff im Park musste einer Shopping-Mall weichen. Manchmal, klagen sie mit nationalistischem Unterton, fühlen sie sich wie "Foreigner" im eigenen Land. Und die Jungs sind auch viel zu clean: "Das sind schon keine Schwulen mehr, sondern Gays, Solarium, Techno, Firlefanz. Keiner von denen hat mehr ein Bewusstsein von Schmutz oder Verworfenheit. Alles dreht sich nur noch ums Vergnügen", begründen die beiden Michal ihr Missvergnügen an den neuen Zeiten, wo "Journalisten und Elitaristen" den Ton angeben. Dass sie nun aber auch die polnische Miliz los sind, die ihnen notfalls einen Arschtritt verpasste, scheint ihnen nicht der Rede wert.

So weit, so nostalgisch. Doch so dichotomisch wie Witkowski nun selbst die effeminierte Ost-Tunte der Vergangenheit, die vor jedem Schwanz im Dreck kniet, dem keimfreien West-Gay mit gepiercten Brustwarzen und Hang zum Gynäkologen-Sex gegenüberstellt, macht er das Verklärungsspielchen vom Heiligen des Schmuddeleros mit. Als ihm in den Dünen in Lubiewo einer von den sauberen Mittelschicht-Gays ein eindeutiges Angebot macht, tut er ihn als "Plastikfatzke" ab. Vollends die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wird, wer liest, wie der Kulturanthropologe Witkowski Weisheiten wie die zum Besten gibt, dass es echte Kerle im Westen nicht gibt: "Diese Spezies taucht erst östlich der Oder auf und zieht sich bis an den Rand Russlands". Eigentlich wollte Witkowski Polens Tunten ein Denkmal setzen. Doch an dieser Stelle klingt der unkonventionelle Versuch einer literarischen Milieustudie wie ein Pamphlet gegen die westliche Massenkultur.

Trotz dieser Einwände: Witkowskis Buch ist ein besonders anrührendes Beispiel von Ostalgie. Und ein seltenes Dokument kulturellen Wandels. Denn es zeigt, wie sich die Lebensstile und die Emotionen in Osteuropa nach dem Epochenbruch verändern. Zugleich spiegelt es eine aufschlussreiche Angst vor der Profanisierung der abweichenden Existenz in einer immer gleichförmigeren Moderne. Doch dass man in der durchaus anstößig bleiben kann, hat ausgerechnet eine Pioniertunte West bewiesen. Seine Autobiographie hatte Rosa von Praunheim 1992 noch demonstrativ 50 Jahre pervers übertitelt. Und als der Filmemacher dieser Tage 65 Jahre alt wurde, gab er in einem Interview auf die Frage, was er am liebsten mache, unverdrossen eine Leidenschaft zu Protokoll, die Patrycja und Lukrecja sicher gefallen dürfte: "Onanieren".

Michal WitkowskiLubiewo. Roman. Aus dem Polnischen übersetzt von Christina Marie Hauptmeier, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, 339 S., 19,80 EUR

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