Ein Vertrag für die Liebe

Spritztour Victoria Wolffs himmelblauer Sommer-Roman "Die Welt ist blau" führt nach Ascona

Blau beruhigt. Glaubt man der Farbpsychologie, macht die beliebteste Farbe den Menschen zufrieden, versöhnt mit der Welt. Doch spätestens seit Novalis´ blauer Blume der Romantik leuchtet Blau auch in eine Welt hinter der Welt. "Hier herrscht ein Blau", schwärmte die französische Schriftstellerin Colette einmal von der Cote d´Azur, "das alle Wirklichkeit badet".

Die Blau-Ingredienzien Eskapismus und Projektion bilden auch den Antrieb für die Fahrt ins Blaue, zu der sich die junge Ursula Eisenlohr und ihr Geliebter Peter Mack im Sommer 1933 aus Berlin aufmachen. Die beiden haben sich erst vor kurzem kennen gelernt. Und wie es bei frisch Verliebten so ist. Man redet dummes Zeug, steigert sich in die Vorfreude. Die Welt ist schön und das Leben kurz. Wie könnte man diesen Moment besser genießen als mit einer spontanen Reise?

Die Welt ist blau ist der dritte Roman der Schriftstellerin Victoria Wolff. Die 1903 in Heilbronn geborene Autorin war in der Weimarer Republik so etwas wie ein frühes "Fräuleinwunder" der deutschen Literatur. Von Haus aus Naturwissenschaftlerin, schaffte die junge Frau ein sensationelles literarisches Debüt, als sie im Frühjahr 1932, mit 29 Jahren, eine Biographie der englischen Schriftstellerin George Sand vorlegte. Der Achtungserfolg macht die Tochter eines jüdischen Lederfabrikanten über Nacht zu einer gefeierten Schriftstellerin. 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, emigriert sie in die Schweiz, nach ihrer Ausbürgerung dort zog sie 1939 weiter in die USA. 1992 starb sie in Los Angeles.

Das Drollige und Beschwingte des 1933 erstmals erschienenen Buchs, Wendungen wie "Er zog ein Schnäuzchen" und "Es war eine tolle Hetze", sind für heutige Leser gewöhnungsbedürftig. Doch es ist keine historische Nesthäkchenprosa, die man da in de Händen hält. Und auch keine naive Apotheose von Süden, Sonne, Sommerfrische. Auch wenn die beiden einfach so drauf los fahren und nach einigen Umwegen schließlich im legendären Hotel Monte Verità in Ascona laden. Schon zu Beginn der Reise ist der gerade zwanzigjährigen Ursula nämlich klar, dass sie auf ihr hofft, "Antworten zu finden auf ein paar Fragen, die ihr das Leben stellt". Sorgloses Gemüt, das sie ist, soll der Trip dennoch "Einsicht bringen und Entscheidung".

Es ist diese Innensicht, die dem luftigen Erzählton ganz beiläufig psychologische Tiefe gibt. Ein abgeklärter Erzähler beobachtet die beiden Verliebten sichtlich gerührt. Und die sich selbst - mit unerwarteten Ergebnissen. Nicht nur Ursula, auch ihr neuer Freund merken auf dieser Reise in die Zweisamkeit nämlich, dass sie auch für andere Menschen offen sind. Ursula ist die freigeistige, die auch ihre "peterlosen Stunden" genießen will und sich überhaupt fragt, ob man allein nicht besser zu Rande kommt. Sie lässt sich von der lässigen Eleganz des Zauberers Reuchlin beeindrucken, der eines Tages im Hotel auftaucht und sich später als Betrüger erweist.

Peter, der Rechtsanwalt, eigentlich amusisch und "steif wie ein Portier", fühlt sich plötzlich von Gabriele Schilling angezogen, einer mondänen, ledigen Frau, die alle im Hotel das "Titelbild" nennen, weil sie in ihr eine Prominente wittern. Unversehens wandelt sich der Urlaub zu einem Ausnahmezustand, der verborgene Seiten der Persönlichkeit freilegt. Sanft beginnen Risse den frischen Zuckerguss der Liebe zu durchziehen. Der Urlaub wird zu einer Charakterprüfung, an deren Ende das junge Glück zwar nicht zerbricht, aber doch der Glaube daran, dass es sich ganz zwanglos einstellt.

"Von Politik wird nicht geredet" - an ihren gemeinsamen Vorsatz halten sich die beiden Protagonisten. So schwerelos der Roman daherkommt, durchsetzen ihn doch politische Andeutungen. Ascona war der erste Exilort Wolffs nach ihrer Flucht. Noch Jahrzehnte später schwärmt sie von der "himmelblauen Zeit" in der Künstlerboheme dort. Als Ursula auf dem Weg zum Gotthard plötzlich sagt: "Lassen wir das Tiefland, Peter, das Primitivland, wir wollen es vergessen", kann man darin durchaus eine Abrechnung mit dem Nazi-Deutschland herauslesen, das Wolff selbst verlassen musste. Und als sie auf dem Weg in den Süden bei einer verspießerten Schulfreundin Ursulas Station machen, umweht sie im Vorgaren der Geruch von Maggi-Würze - eine Anspielung auf das reaktionäre Frauenbild des beginnenden NS-Staats ebenso wie auf den Lieferanten von Hitlers Armee. Es macht die Qualität dieses Romans aus, wie subtil Wolff solche Verweise in dieses luftige literarische Sommerkleid webt, ohne ihm etwas von seiner Leichtigkeit zu nehmen.

Die Welt ist blau ist also eine Wiederentdeckung, für die man dem Verlag und der Herausgeberin Anke Heimberg dankbar sein darf. Und zwar nicht nur, weil er die deutsche Literaturgeschichte um eine vergessene Größe komplettiert. Oder weil er eine erstaunlich emanzipierte junge Frau vorführt, neben der die Girlies der Popliteratur und die Neuen Deutschen Mädchen plötzlich wie alte Jungfern wirken. Sondern auch wegen der Vertragstheorie, die darin aufscheint. So wie sich Gustav Stresemann und Aristide Briand 1925 in der Nachbarstadt Asconas, Locarno, auf die Westgrenze Deutschlands einigten, einigen sich Ursula und Peter nämlich nach einem folgenreichen Zerwürfnis im Nachbarort auf den "Vertrag von Bignasco". Liebe, so muss man dessen Paragrafen interpretieren, funktioniert am besten, wenn sie auf "Offenheit", "Einsicht in die eigene Natur" und "Größerwerden als Ziel des Zusammenlebens" beruht. Es widerspricht der Rationalität dieser Idee nicht, wenn Ursula im letzten Paragrafen ihr Credo festschreibt: "Ich fordere, dass die Welt blau ist, auch wenn sie grau scheint, muss sie blau sein." Gemeint ist damit nicht das Recht auf Blauäugigkeit, sondern die Hoffnung, ohne die kein noch so guter Vertrag mit Leben erfüllt werden kann. Schließlich ist Blau auch die Farbe der Utopie.

Victoria Wolff Die Welt ist blau: Ein Sommer-Roman aus Ascona" target="_blank">Die Welt ist blau. Sommer-Roman aus Ascona. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. AvivA, Berlin 2008, 222 S., 18 EUR

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