Endstation Galatabrücke

Mikrokosmos Der holländische Schriftsteller Geert Mak erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. In seinen Büchern beschreibt er den Kontinent von innen und von außen

Rundbögen, Viadukte, Steinstege - auf jedem Geldschein findet sich eine Variante. Der Symbolgehalt war nicht zu übersehen, als die EU sich 1996 entschied, Brücken auf der Rückseite der neuen Euro-Banknoten abzubilden. Verglichen mit den Sonnenblumen auf den alten holländischen Banknoten ein eher bemühtes Symbol. Aber ganz falsch war diese Wahl auch nicht. Denn wenn dieses vielgestaltige Europa überhaupt etwas Konkretes ist, dann eine Über-Setzungsleistung.

Wie man von der Metapher zur Realität kommt, die hinter ihr steckt, zeigt der holländische Schriftsteller Geert Mak. Er hat sich eine Brücke einmal genauer angesehen. Nicht ohne Bedacht eine außerhalb EU-Kerneuropas: die Galatabrücke von Istanbul. Fünf Wochen hat er auf diesem Mikrokosmos verbracht, einer Art Stadt in der Stadt. Und in dem Buch, das er über diese Zeit geschrieben hat, schrumpft der abendländische Brückeneuphemismus von Seite zu Seite. Diese Brücke verbindet zwar auch: das Goldene Horn und den europäischen Teil der Megalopolis am Bosporus nämlich. Für ihre "Bewohner" ist sie aber eine Sackgasse der Hoffnungen.

Auch wenn Peripherie ein so relativer wie fragwürdiger Begriff ist. Europa von dieser Position aus zu spiegeln, ist vielleicht genauso wichtig, wie sich seine Geschichte zu vergegenwärtigen. Insofern komplettiert Maks Istanbul-Buch seinen viel gelobten Essayband In Europa (Freitag 10/2006). In dieser groß angelegten Reise durch das 20. Jahrhundert hat Mak Schauplätze der europäischen Geschichte von Paris bis Sarajevo aufgesucht, die den Kontinent geprägt haben. Wer ihn mit solcher Leidenschaft vermisst, musste über kurz oder lang ins Fadenkreuz der Leipziger Buchmesse geraten. Kein Wunder also, dass der 1946 geborene Autor im März den Buchpreis für Europäische Verständigung erhält, den die Messe seit 1994 vergibt.

Die Stärke dieses Reporters, Orte aufzusuchen, "wo die Geographie Geschichte provoziert", ihre Daten und Fakten mit konkreten Schicksalen zu verbinden, machen auch Die Brücke von Istanbul zu einer faszinierenden Lektüre. Die Geschichte der Stadt und ihrer vier Galata-Brücken - nichts ist neu, was Mak in diesem Buch erzählt. Doch das fortwirkende Moment des Niedergangs seit dem Fall Konstantinopels an die Osmanen 1453, das er an der Brücke festmacht, meint man an den Menschen ablesen zu können, die ihm dort begegnen.

Da ist der Sohlenverkäufer, der nicht zum Zahnarzt gehen kann, weil er erst einem Freund Geld zurückzahlen muss. Da ist der Teebrüher, bei dem die Polizisten wie die Jungs mit den geklauten Handys ihren Tee bestellen. Da ist der feinsinnige Buchhändler, der seine schäbigen Thriller auf acht Zeitungsseiten ausbreitet. Jeder von ihnen kommt aus irgendeinem Dorf im Südosten, in dem es keine Arbeit mehr gab. Nach manchen Irrwegen sind sie auf der Unterseite der Brücke gelandet, einer zweiten Ebene für fliegende Händler. Bei Wind und Wetter sitzen sie an einem festen Platz, verkaufen kopierte CDs, Damenpullover oder Kugelschreiber. In der Stadt hofften sie auf bessere Zeiten. Doch inzwischen können sie nicht einmal mehr ihren Familien Geld nach Hause schicken. Selbst die Freundesgruppe, die sich auf einem Containerfrachter illegal nach Europa ausschiffen wollte, wurde aufgegriffen und zurückgeschickt - die Brücke in die Zukunft als Endstation Sehnsucht.

Mak liefert in seinem Buch nicht nur eine aufschlussreiche Soziologie der Brücke: ein lebendiger Organismus, der dem Touristen auf den ersten Blick gar nicht auffällt: unendlich ausdifferenziert, gleichzeitig mit festen Grenzen und Ritualen. Die Fischverkäufer kommen alle aus Erzincan im Osten. Kurden brauchen gar nicht erst versuchen, Fischbratstände aufmachen. Die Schirmverkäufer bilden eine "sozialistische Enklave". In diesem Biotop der Gestrandeten rechnen die Bewohner noch in den Millionenwerten der alten Lira vor der Währungsreform, während eine "Ökonomie der Cents und halben Cents" herrscht. Auch wenn sie sich selbst quasi als Kriminelle betrachten. Eines dürfen selbst sie nicht: Ehre und Würde verlieren. Wer bettelt, verkauft seine Seele. Also hockt man lieber vor einem improvisierten Stand voller Hehlerware mit würdiger Miene im Regen. Und gibt jedem Besucher selbst dann einen Tee aus, wenn man noch nichts eingenommen hat.

Maks Stärke ist seine akribische Beobachtungskunst. Manchmal schlägt sie ins Poetische um. Etwa wenn er den alten Bettler auf der Treppe beschreibt, bei dem an der Stelle des Kehlkopfs ein Metallplättchen sitzt: "Darunter hat einmal seine Stimme gewohnt, die ist nun rausgeschnitten und fort für immer". Er findet aber nicht nur schöne Bilder, sondern fängt Stimmungen ein. Bei den erregten Diskussionen auf der Brücke über den Karikaturen-Streit in Dänemark geht ihm die Funktion der Religion für diese mäßig Gläubigen auf: "Wer ihren Gott verhöhnt, beleidigt also keine Institution und verletzt kein religiöses Gefühl, nein, der trifft sie dort, wo ihr Selbstwertgefühl sitzt, das letzte Bollwerk gegen grenzenlose Demütigung". So bündeln sich im Bild dieser Gestrandeten, die stoisch ihr Schicksal ertragen, wie in einem Brennglas alle Probleme einer gebrochenen Kultur im Schatten einer übermächtigen Geschichte im Banne des gelobten Westens - eine verwirrende Dialektik aus Stagnation und Dynamik, Beharren und Überwinden. Die Brücke wird zum Symbol eines Schwebezustandes, für ein Leben zwischen zwei Welten.

Als Plädoyer für eine EU ohne Türkei kann man Die Brücke von Istanbul deswegen aber nicht lesen. Die globalisierungsgebeutelte EU selbst ist in keiner besseren Geistesverfassung. Mak wünscht sich die Türkei als "Brücke in die islamische Welt", wie er einmal in einem Interview ausführte. Aber so, wie er sie beschreibt, kann man sich unschwer vorstellen, dass es - selbst nach einem EU-Beitritt - noch lange dauern wird, bis die Brücken auf den Euro-Geldscheinen auch für die Galatabrücke in Istanbul stehen.

Geert MakDie Brücke von Istanbul. Eine Reise zwischen Orient und Okzident. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Pantheon, München 2007. 126 S., 9,95 EUR

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