Grässliches Bulgarien

Trauerzug Sibylle Lewitscharoffs „Apostoloff“ ist ein makabres Roadmovie und eine wunderbar bösartige Groteske

Von Ost nach West. In den zwei Jahrzehnten nach dem Mauerfall war dies die vorherrschende zivilisatorische Bewegung – politisch wie ästhetisch. Die Heimat hinter sich lassen, das gelobte Land im Westen erobern. So lautete allenthalben die Devise. Prototypisch führte das in der Literatur Ilija Trojanow vor. Sein Debütroman Die Welt ist groß und Rettung lauert überall von 1996 beginnt in einer Kleinstadt in Bulgarien und endet in Manhattan.

Mittlerweile hat zwar eine leise Gegenbewegung eingesetzt. Autoren wie der Pole Andrzej Stasiuk oder der Ukrainer Juri Andruchowytsch beharren auf den Vorzügen der Provinz am Rande Europas. Doch das Interesse des Westens am Osten hält sich immer noch in Grenzen. Lässt man Ostreisende wie den Historiker Karl Schlögel oder den Reporter Wolfgang Büscher einmal außen vor.

Gerade weil sie so selten ist, hat es also einen gewissen Reiz, wenn diese Suchbewegung einmal umgekehrt wird. In Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman Apostoloff ist das so. Allerdings ist es eine ziemlich skurrile Gruppe, die da aus dem Schwäbischen von West nach Ost, von Stuttgart nach Sofia reist. Die meisten von ihnen sind nämlich mausetot.

Zugegeben: Die Reise ist nicht ganz freiwillig zu Stande gekommen. Zwei Schwestern haben sich dazu überreden lassen. Sie sind aber nicht mit von der Partie, weil sie großes Interesse an dem Heimatland ihres toten Vaters treibt, sondern reine Geldsucht. Ein reicher, aber zwielichtiger Freund ihres Vaters hat ihnen 70.000 Euro geboten, wenn sie dessen sterbliche Überreste in die Heimat überführen lassen – zusammen mit achtzehn anderen im deutschen Südwesten dahin geblichenen Bulgaren. Wer würde dazu Nein sagen?

Die ketzerische Energie, die Lewitscharoff treibt, ist sofort zu spüren, wenn sie diese Schwestern von Land und Leuten demonstrativ unbeeindruckt geben lässt. Ihr Chauffeur, Rumane Apostoloff, möchte den beiden „die Schätze Bulgariens“ zeigen. Doch die Kinder eines bulgarischen Einwanderers, der sich in Stuttgart erhängte, wissen von vornherein: „Bulgarien ist ein grauenhaftes Land“.

Jeder Gedanke an eine tour sentimentale ist den Beiden fremd. Von der Landschaft („krüppelhafte Platanen“) über die Architektur („verwahrloste Hochbauten“) bis zum Frühstück im Hotel („pressspanartiges Brot“) finden sie alles entweder ärmlich oder erbärmlich: „Idioten wie wir kommen hierher oder eingefleischte Ostromantiker, die jedes korrosionszerfresse Blech mit feiner, wisserischer Rührung begrüßen“. Das „lächerliche Land“, das die beiden bereisen, beweist ihnen: „Uns ist kein wertvoller Vater weggestorben, sondern bloß ein alberner Bulgare.“ Wer vom Westen in den Osten reist, begegnet dieser terra neglecta wahlweise mit übertriebener Ehrfurcht oder mit der projektiven Melancholie des zivilisationsmüden Westlers. Gemessen daran hat es etwas Befreiendes, wenn mal jemand kein Blatt vor den Mund nimmt.

Wie kommt Sibylle Lewitscharoff auf so ein Motiv? Im Biografischen zu suchen, ist bekanntlich verpönt. Und wer die schwäbelnde Autorin kennt, wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie irgendetwas mit dem Osten am Hut haben könnte. Lewitscharoff glänzte bislang durch eine virtuose, quasi reine Sprachartistik. In Pong, dem kleinen Text, mit dem sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewann, gelang es ihr auf faszinierend Weise, die Welt aus der (Binnen-)Sicht eines Verrückten darzustellen.

Das ändert nichts daran, dass Lewitscharoff eben Lewitscharoff heißt und einen bulgarischen Vater hat. Und in Stuttgart geboren wurde – genauso wie die Schwestern aus Apostoloff. Ganz abwegig ist es also nicht, in der einen, besonders heftig von der Daihatsu-Rückbank giftenden Schwester, ein Alter Ego der Autorin zu vermuten.

Mag sich diese Ich-Erzählerin auch noch so spöttisch den biografisch-bulgarischen-Komplex vom Leibe halten, mit dem sie auf dieser Reise konfrontiert wird. Oder sich mit ihrem galligen Humor gegen das immunisieren, was man die „wahren Empfindungen“ nennen könnte. Gerade in der forciert negativen Ethnologie und der demonstrativen Distanz der Ich-Erzählerin zu allem, was mit Familien- und Emigrationsgeschichte zu tun hat, scheint ein Trauma auf, das sie mit der Autorin teilt– das Trauma der Herkunft. So gesehen ist Apostoloff ein Gradmesser dafür, wie tief die Entfremdung zwischen Ost und West noch immer sitzt.

Der rasant geschriebene Roman läuft oft Gefahr, in ein reines Sprachspiel auszuarten, in eine Suada um der Suada willen. Doch das Buch beweist auch erneut: Sibylle Lewitscharoff beherrscht eine Prosa von bösartiger Eleganz, die ihresgleichen sucht in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Mit Apostoloff hat sie ihrem Oeuvre ein Buch wie ein makabres Roadmovie hinzugefügt, angesiedelt irgendwo zwischen Harold und Maude und den Filmen Emir Kusturicas. Und sie bestärkt uns in der Ansicht, dass der Welt- und Selbsterkenntnis nicht nur Empathie dient, sondern auch das, was Lewitscharoffs Protagonistin den „gutmütig gepflegten Hass“ nennt.

ApostoloffSibylle Lewitscharoff, Roman, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 251 S., 19,80

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