Helden wie wir

FRANKFURTER BUCHMESSE Sturm im Wasserglas

Mut! Die neuen Siegertypen. Mit diesem Titel empfahl sich das Weltbild Magazin seinen Lesern letzte Woche in den Gängen der Frankfurter Buchmesse. Nichts passte weniger auf ihre unspektakuläre 52. Ausgabe. Frankfurt war eine Messe der Normalität. Welcher Verlag spricht von Siegen im McKinsey-Zeitalter? Überleben ist alles.

Natürlich traten auch Superstars auf. Leni Riefenstahl oder Boris Jelzin. Doch keiner dominierte diesen Marktplatz. Niemand achtete auf Christoph Schlingensief, als er allein an einer Säule lehnte und wegen eines Büchercontainers telefonierte. Von Hans Eichel bis Klaus Staeck - alle gingen in der Masse der ganz normalen Besucher unter. Helden sind verblasste Ikonen. Lech Walesa war ein Held. Die Fotos, die im Jahr des Polen-Schwerpunkts noch einmal an die Solidarnosc-Revolte erinnerten, die kaum zwanzig Jahre zurückliegt: der Arbeiterführer vor Arbeitern, Panzer vor polnischen Kinos, wirkten wie aus einer anderen Welt. Selbst Michel Houellebecq sah in der Frankfurter U-Bahndiskothek U60311 in seinem zerknitterten roten Hemd und der grauen Hose überhaupt nicht wie ein Held aus, vielmehr wie der unscheinbare, unbefriedigte Kleinbürger, dessen geheime sexuelle Obsessionen durch ihn eine Stimme gefunden haben. Er sagt »vögeln« so oft, wie Helden wie wir es höchstens denken. Höchstens war der charismatische Performer ein Held der Frechheit. Wenn es stimmt, dass er die Bitte einer Verehrerin, ihr seinen neuen Gedichtband zu signieren, mit den Worten zurückwies, dass er das vielleicht besser auf ihren Brüsten könne.

Aber vielleicht ist Jochen Jung ein Held? Der über Nacht vom österreichischen Staat wegen seines zu anspruchsvollen Programms an die Luft gesetzte, ehemalige Chef des Salzburger Residenz-Verlages. Weil er es gewagt hat, einen kleinen, feinen Autorenverlag ins vermachtete Feld der Konzern- und Stabsverlage zu setzen? Mit dieser Schar von Autoren einer feinen, kunstvollen Literatur wird es heldenhafter Anstrengungen bedürfen, den Verlag über die Runden zu bringen. Zum Glück hat Jung eine reiche Frau. Verlegen heisst verschwenden: so kann man sein Erbe auch durchbringen. Literatur und Heldentum dagegen vertragen sich immer weniger. Hatte Friedbert Pflüger von der CDU noch mit staatsmännisch aufeinandergepressten Lippen die große Leitfiguren wie den ganz und gar unstaatsmännischen polnischen Aussenminister und Autor Bartoszewski für die Demokratie in Europa gefordert, schüttelte sich der Übersetzer Frank Neubauer im »Comic-Quartett» des neuen Messeschwerpunkts: »Ich hasse Superhelden. Das ist ein antidemokratisches nonsens-Gewäsch«.

Bestes Beispiel war Nobelpreisträger Gao Xingjian. Literatur ist diesem programmatischen Minimalisten eher »Herzenssache» als gesellschaftliches Fanal. Bescheiden erklärt der lächelnde kleine Mann, hunderte chinesischer Autoren gelesen zu haben, »die sehr viel besser sind als ich«. Aber was ist mit Assia Djebar? Ist die neue Friedenspreisträgerin nicht eine Heldin? Die Frau, die nur durch einen Zufall nicht in den Harem in ihrer Heimat Algerien kam und heute als Professorin in den USA lehrt, hat den unbekannten Frauen aus dem arabischen Untergrund eine Stimme gegeben, den Heldinnen des islamischen Alltags. Djebar bekam den Preis, wie der rechtschaffene Börsenvereinsvorsteher Roland Ulmer sagte, »weil sie eine mutige Frau ist.« Doch die couragierte Stimmenkünstlerin pflegt einen »Stolz, der im Abseits bleiben möchte.« Vielleicht färbt wirklich gute Literatur deswegen so selten auf die Politik ab. Keine Miene verzog Roland Koch, der Held der Halbwahrheiten, in der ersten Reihe der Frankfurter Paulskirche, als die beeindruckende Historikerin klar und unpathetisch vom unnachsichtigen »Schreiben als ein Graben in die Tiefe» sprach.

Frankfurt ist ein sechstägiger Sturm im Wasserglas. Und ein Symbol der beschränkten Selbstwahrnehmung des Betriebs. An den Ständen suchen Verleger in den Buchbeilagen nach Rezensionen ihrer Neuerscheinungen. Und die Kritiker schauen, ob die Verleger auch nachgucken. Literarische Öffentlichkeit ist ein Zirkelschluss. Ob die vielen Buchbeilagen und Prospekte, die eifrige Allessammler in dicken Plastiktüten abschleppen, wirklich gelesen werden? In der U-Bahn nach Hause am Samstagabend reagierte ein gedankenverlorerener junger Mann unwirsch auf das sakkogewandete Pack, das an der Station Messe handypiepsend in den Waggon gespült wurde. Auf Graffitipolster saß da mit einem zerfransten Taschenbuch als letzter Held: der unbekannte Leser.

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