Hypothek

VERSÖHNUNGSKLISCHEES Wie Ignatz Bubis und Adolf Eichmann zusammenhängen

Ich habe nichts oder fast nichts bewirkt. Gemessen an der Bedeutung des bitteren Resümees, das Ignatz Bubis vor wenigen Wochen unter seine Versuche zur deutsch-jüdischen Aussöhnung zog, mutet der Streit um die Veröffentlichung der Erinnerungen Adolf Eichmanns makaber an. Das Echo, das die Empfehlung des israelischen Generalstaatsanwaltes zur Veröffentlichung gefunden hat, zeigt nicht nur, wie groß der faszinierte Schrecken ist, den dieses Kapitel der deutschen Geschichte noch immer auf die kollektive Psyche der Deutschen ausübt. Die jahrzehntelange Diskursarbeit eines Augenzeugen des Holocaust wird eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Der leiseste Anblick eines authentischen Reliktes seiner Mörder legt dagegen alle Nerven eines labilen historischen Selbstbewußtseins blank. Und wenige Tage nach Bubis Tod bedient Der Spiegel mit einem gewinnenden Hitler-Werbeporträt für seine Geschichtsserie über das 20. Jahrhundert mit akkurat gescheiteltem Glamour ein Identifikationsobjekt.

Merkwürdig, daß die Tatsache, daß der personifizierte Beelzebub Eichmann ein Konvolut namens Meine Memoiren hinterlassen hat, nun solche Schauer öffentlichen Interesses weckt. Hannah Arendt erwähnte sie und den Fakt, daß der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch sie für eine halbe Stunde einsehen konnte, in ihrem bereits 1964 erschienenen Buch Eichmann in Jerusalem - Ein Bericht von der Banalität des Bösen (das ich mir in den siebziger Jahren aus dem Sperrmüll von Bekannten kramte). Diese »Memoiren« der Öffentlichkeit nun womöglich nur eingeschränkt, in der Deutung der Experten, vorzulegen, würde unweigerlich den Vorwurf einer Manipulation nach sich ziehen. Ihre Publizierung könnte dagegen die Gestalten des NS-Verbrechersystems weiter entmystifizieren. Der Mythos nährt sich nämlich vom Raunen, nicht vom Wissen. Und was man bisher in der Welt zu lesen bekam, taugte nicht für Entlastungsmythen interessierter Kreise. Sondern bestätigte bislang Hannah Arendts Diagnose, daß Eichmann ein »deklassierter Sohn aus solidem bürgerlichen Hause« war, tendenziell denkunfähig, aber von »unerbittlicher Pflichttreue«, der sich mit der Nähe zur großen historischen Bewegung sein identitäres Loch stopfte. Auch wenn sich Eichmann mit verquollenem Tremolo als heimatverbundenen Normalo darzustellen versucht, wird die Veröffentlichung weder ergeben, daß es keine Endlösung gab, noch wird Eichmann als Judenretter dastehen. Doch trotz der Goldhagen-Debatte und der Tatsache, daß die FAZ derzeit die Memoiren des deutsch-polnischen Juden Marcel Reich-Ranicki als Serie zum Mitlesen veröffentlicht. Es ist auch ein Indiz für die Kultur kollektiven Erinnerns in Deutschland, daß Bubis weit grundstürzenderer Aufschrei nicht dieselbe Flut von Veröffentlichungen und Debatten nach sich zog, wie jetzt die letzte Schleimspur des Prototyps des Schreibtischtäters und Bundeskanzler und Außenminister glaubten, bei der Beerdigung fehlen zu können. Und im Internet streitet man sich mehr über Mein Kampf als über die Manifeste der antifaschistischen Pädagogik.

Die Politikerformeln vom »Handreichen zur Versöhnung« und vom »großen Deutschen«, die nach Bubis Tod die Runde machten, klingen leider nicht ganz unähnlich der »schaurigen Begabung, sich mit Klischees zu trösten«, die Hannah Arendt schon bei Eichmann und anderen Nazi-Größen ausgemacht hatte. Die hatten unmittelbar nach dem Krieg »Versöhnungsausschüße« zwischen Nazis und Juden gründen wollen. Bubis aber starb, so mußte man seinen deprimierenden Satz doch wohl lesen, unversöhnt. Nun werden seine Klagen von Bundespräsident Rau aus Gründen der Staatsräson nachträglich zu »spontanen Äußerungen« entschärft. Der patriotische Jude, der den Deutschen ihre Normalitätssuggestion beglaubigte, war immer gern gelitten. Der aus dieser Rolle gefallene wird posthum geradegerückt.

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, daß Bubis letzte Reise ihn nun dahin führt, wohin man Eichmann entführen mußte, um eine Bilanz seiner Verbrechen ziehen zu können. Daß der deutsche Jude Bubis, der von sich sagte, nur mit der Erinnerung an den Holocaust habe er nicht leben können, sich schließlich ein sicheres Grab nur noch in der Erde Israels vorstellen konnte, zum Schluß aber auch dort heimatlos und geschändet blieb, bleibt eine Hypothek für das Deutschland, das sich, so Martin Walser, endlich der befreienden Wirkung seiner Paulskirchen-Rede hingeben möchte.

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