Im Zeichen der Schildkröte

Weltkulturerbe Wandlungen eines Unpolitischen. In Berlin machte der türkische Popstar Tarkan gegen den Bau des Ilisu-Staudamm in der Türkei mobil

Er kam, strahlte und - brachte alles durcheinander. Das Licht ging aus, die Vorhänge ungeplant auf und zu. Kaum hatte der türkische Popstar Tarkan am Donnerstagabend ein ödes Auditorium in der Hertie School of Governance an der Berliner Friedrichstraße betreten, war alles anders.

„Gegen so eine Berühmtheit haben wir natürlich keine Chance“ stotterten die beiden Öko-Aktivistinnen auf dem Podium. Zwei Stunden hatten Umweltschützer, Politiker und Journalisten rund 300 Zuhörer vom Nutzen des Protests gegen ein gigantisches Staudamm-Projekt im Südosten der Türkei zu überzeugen versucht. Als Tarkan auftauchte, kam endlich Bewegung in den „Ilisu-Gipfel“.

Stein des Anstoßes ist die antike Stadt Hasankeyf im Südosten der Türkei, knapp 65 Kilometer vor der Grenze zu Syrien und dem Irak. Seit den fünfziger Jahren plant die türkische Regierung dort einen 135 Meter hohen Staudamm namens „Ilisu“ zu errichten, der das Wasser des Tigris stauen und die Stadt unter Wasser verschwinden lassen würde.

Wiege der Menschheit

Malerisch am Ufer des Tigris gelegen, gilt der über 10.000 Jahre alte Ort als „Wiege der Menschheit“, wie es der türkische Umweltaktivist Güven Eken, Chef der Umweltorganisation Doga Dernegi, unter dem frenetischen Beifall der Teilnehmer des Anti-Staudamm-Gipfels rief. Nicht nur, dass bei diesem Projekt rund 80.000 Menschen umgesiedelt werden müssten. In Hasankeyf würden die Spuren Dutzender Kulturen und Hunderte unerforschter archäologischer Stätten zerstört. Dazu 400 Kilometer kostbare Flusslandschaft samt vieler bedrohter Tierarten wie der Weichschildkröte, die die Umweltschützer von Doga Dernegi deswegen demonstrativ zu ihrem Symbol erhoben haben.

Bis in die Marschgebiete des südlichen Irak fürchten die Nachbarn der Türkei um die ökologischen Folgeschäden des Projekts. Die Krönung des irrwitzigen Projektes: Ein par der markantesten Kulturgüter Hasankeyfs will die türkische Regierung in einem archäologischen „Park“ auf einem nahegelegenen Berg aufstellen: „Eine Art Disneyland“ spottete der amerikanische Wissenschaftler Robert Goodland in Berlin.

In Berlin fand der „Ilisu“-Gipfel statt, weil Ende vergangenen Jahres die Regierungen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz ihre Bürgschaft für das 1.200-Megawatt-Kraftwerk auf Eis legten, da die türkische Regierung Auflagen zum Schutz der Umwelt, verbesserter Umsiedlung und Kulturgüterschutz nicht erfüllte. Man fragt sich, was das für „Verbesserungen“ sein könnten, auf deren Durchsetzung Hans-Joachim Henkel vom Bundeswirtschaftsministeriums hoffte. Jedenfalls wollen die Kultur-und Naturschützer Druck auf die deutsche Regierung ausüben, das umstrittene Projekt endgültig abzusagen. Am 6. Juli läuft die Frist, die die drei Staaten der Türkei gesetzt haben, um „Verbesserungen“ durchzusetzen, ab. Die 70.000 Unterschriften gegen das Projekt, die Güven Eken Henkel überreichte, sind nur der erste Schritt. Und wer könnte den Umweltschützern bei der Kampagne, die jetzt erst richtig anlaufen soll, besser helfen als der Deutschtürke Tarkan, der umjubelte Sangesheld zweier Welten?

Ganz ohne Star-Allüren, aber zappelig wie bei einem Live-Konzert sprang das 170 Zentimeter große Energiebündel mit dem sexy Dreitagebart aufs hölzerne Podium und winkte. Sofort verbreitete sich positive Energie im Saal. Im schwarzen Soli-T-Shirt, auf dem eine grüne Schildkröte prangte, und Camouflage-Hosen verlas Tarkan seinen kurzen Solidaritäts-Appell. „Hasankeyf gehört zum Weltkulturerbe“, rief er sichtlich erregt in den Saal. „Es ist unfair, so eine unglaubliche Schönheit zu zerstören“ - und wandte sich mit seinem schönsten Lächeln an das deutsche Publikum: „Wenn eine Stadt wie Hasankeyf in Deutschland existieren würde. Würden Sie die dann unter Wasser setzen? Bestimmt nicht!“

Der 1972 im rheinland-pfälzischen Alzey geborene Megastar galt bisher als eher unpolitischer Sunny- und Partyboy, dessen Privatleben die Menschen mehr interessierte als seine politischen Ansichten. Sorgsam mied er jede Äußerung zur Politik. Millionen zwischen Istanbul und Berlin sangen Ende der neunziger Jahre bis zur Stimmlosigkeit seinen Sommer-Hit „Simarik“ mit dem markanten Kuss.

Von dem in der Türkei obligatorischen Militärdienst kaufte sich Tarkan, der damals in New York lebte, noch frei. Doch dann hörte man zunehmend kritische Töne, zum Irak-Krieg etwa. Seit kurzem fährt der Sänger, den viele der machistischen Türkei wegen seiner lasziven Sinnlichkeit als Leitbild einer neuen, weicheren Männlichkeit empfehlen, ein Hybridauto. „Rassismus ist Nonsens“ erklärte er diese Woche dem Spiegel.

Müll im Garten Eden

Tarkan ist nicht der einzige türkische Prominente, der sich Sorgen um sein Land macht. Der deutsch-türkische Filmemacher Fatik Akin dreht einen Dokumentarfilm mit dem Titel Müll im Garten Eden. Damit will er gegen die geplante Mülldeponie in dem Dorf Çamburnu protestieren, dem Geburtsort seiner Großeltern am Schwarzen Meer. Künstler und Intellektuelle überlassen in der Türkei nicht mehr alles dem Staat und den Militärs.

Mit seinem vehementen Protest gegen das Staudamm-Projekt geht Tarkan nun noch einen großen Schritt weiter in Richtung Aktivismus. Die Massenproteste, die er kürzlich bei einem vielbeachteten Besuch in Hasankeyf für den Fall ankündigte, dass die Regierung bei ihrem Vorhaben bleibt, sind so unwahrscheinlich nicht. Schließlich genießt der erste Popsänger der Türkei mit internationaler Bedeutung in seiner Heimat eine beispiellose Popularität. Für die Jugend ist er die Identifikationsfigur schlechthin.

Für Premierminister Erdogan ist dieses unerwartete Engagement nicht ungefährlich. Für die Demokratie des ewigen EU-Beitrittskandidaten ist es ein gutes Zeichen. Manifestiert sich darin doch die wachsende Bedeutung der bislang schwachen türkischen Zivilgesellschaft. Im Grunde hätte man diese Wandlung eines Unpolitischen aber durchaus kommen sehen können. Schließlich hieß eine von Tarkans letzten CDs Metamorfoz.

Lesen Sie auch den Bericht vom Tarkan-Konzert 2004.

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10:00 30.05.2009
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Ausgabe 41/2021

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