In der Hochdruckkammer der Prominenz

Buchmesse Wenn Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz zum Buchmesse-Empfang bittet, darf niemand fehlen. Ein Abend mit Rainald Goetz, Oswald Eggers und Cees Noteboom

Normalerweise sind die Kritiker ja mehr die Pilotfische des Betriebs. Sie heben oder senken zwar den Daumen über die aktuelle Buchproduktion. Angeblich können sie über Wohl und Wehe eines Autors entscheiden. Oder sagen wir: mitentscheiden. Aber im Grunde leben sie von dem Plankton in der Flutschneise der großen Fische, Autoren genannt.

Einmal während des Rituals Buchmesse stehen die Ungeliebten, auf die aber trotzdem niemand verzichten kann, im Mittelpunkt. So muss man das wohl sehen. Denn sonst würde der alljährliche Empfang bei Suhrkamp ja Autorenempfang heißen und nicht Kritikerempfang. An Empfängen und Pseudoempfängen mangelt es auf der Buchmesse nicht. Aber die Magnetwirkung dieses Treffens, das niemand verpassen darf, ist beträchtlich.

An der Straßenecke grüßt das Bürgertum

Schon die Reise in die Klettenbergstrasse im Frankfurter Holzhausenviertel ist eine Reise in eine verlorene Zeit. Man verlässt das von Hochhäusern verspiegelte, verschattete Mainhattan und taucht in ein baumbestandenes Viertel ein, in dem die Häuser noch echte Häuser sind und Bäume noch Bäume und keine Naturstaffage in gläsernen Atriums. An jeder Straßenecke dieser stillen Villengegend grüßt ein Bürgertum, das es im Stadtzentrum längst nicht mehr gibt. Früher, als ich noch ein kleiner Frankfurter Junge war, bin ich immer andächtig durch diese Gegend geradelt, auf dem Weg zur Musikschule und habe die stille Noblesse dieses Viertels bewundert. Nun stehe ich auf dem Treppenabsatz und werde zuvorkommend begrüßt. Jetzt habe ich es also doch noch mal geschafft, eines dieser vornehmen Wohnzimmer zu betreten, die ich früher nur von der Straße aus sehen konnte.

Eigentlich ist die Wohnung nichts Besonderes. Bücherregale an allen Wänden. Ein dicher blauer Perserteppich liegt auf dem Boden. Ein Hauch von 60er Jahre liegt in der Luft. Über der Sitzecke hängt ein echter Andy Warhol. Gegen die diversen Gerhard Richters, auf die man in der falschen römischen Villa des verflossenen Chefs des Aufbau-Verlages, Bernd Lunkewitz, quasi mit der Nase gestoßen wurde, kommt einem das herrlich bescheiden vor.

Spätestens gegen 17.30 Uhr kämpft sich eine sagenumwobene Frau mit dichten schwarzen Haaren zu dem Glaspult in der Mitte des Raumes durch, die gerade von der Reitstunde gekommen sein muss: Ulla Berkéwicz, in knielangen schwarzen Stiefeln, begrüßt alle Autoren mit Namen. Die Lesung von Oswald Eggers nimmt man eher in Kauf, als dass man sie goutiert.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, um was es ging. Entweder war es lyrische Prosa. Oder prosaische Lyrik. Mir ist nur das Wort "Lutschmaul" in Erinnerung. Thomas Meinecke ist jedenfalls begeistert. Weil es nicht so leicht verständlich ist. Der Mann steht nicht so auf Mainstream. Und hält die Fahne von Experiment und Avantgarde hoch.

Parlieren bei Rotwein und Mandelkuchen

Wichtiger als die Kunst sind die Gespräche. Rainald Goetz pflaumt mich an, ob ich dieses Blog im Freitag gegen die Krebsliteratur verbrochen habe. Die ehemalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss erklärt mir, warum sie für Claudio Magris als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels gekämpft hat. Der Kollege Magenau von der Zeitschrift Literaturen erklärt mir, warum ihn sein Verlag nach einem halben Jahr schon wieder rausgeworfen hat.

Die Pressesprecherin des Suhrkamp-Verlages fragt mich, ob sie mit Schöneberg die richtige Wahl für ihre neue Heimat Berlin getroffen hat. Die FAZ ist fast vollständig vertreten. Ab und zu huschen Cees Noteboom und Alexander Kluge durchs Bild. Man steht lässig, parliert und scherzt über den trockenen Mandelkuchen, der hier seit 50 Jahren gereicht wird. Mit jedem Glas Rotwein verschwimmen die Grenzen auf die man sonst so pocht. Und irgendwann verlässt der angeheiterte Kritiker diese Hochdruckkammer der Prominenz mit dem schönen, aber ganz und gar täuschenden Gefühl, fast so wichtig zu sein wie die Autoren, auf die er natürlich weiterhin ein äußerst kritisches Auge haben wird.

Der Freitag auf der Frankfurter Buchmesse: Halle3.1, D106

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

10:52 16.10.2009
Geschrieben von

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2