Jenseits von Eden

Bastelanleitung Daniel Birnbaum gilt als polyglottes Wunderkind des zeitgenössischen Kunstbetriebs. Auf der 53. Biennale von Venedig stochert der Kurator im Nebel der Utopie

Berge von Erde, bunte Plastiksäcke voll mit Kokain, Köpfe aus Schilf und Federn. Es ist schon eine sonderbare Welt, die Pascale Marthine Tayou da mitten in die Arsenale, den großen Ausstellungsparcours der Biennale im alten Militärhafen der Seerepublik verpflanzt hat. Irgendwie wirken diese Hügel folkloristisch. Dazwischen hat der afrikanische Künstler afrikanische Baumhütten auf Stelzen gestellt. Doch wer neugierig durch deren Fenster lugt, sieht lauter Filmausschnitte, die den Alltag der Menschen in London oder Karachi zeigen. Inmitten dieses kralartigen Ensembles hängt eine Fahne, die auf der einen Seite das Emblem der Europäischen Union zeigt, auf der anderen Seite ein Emblem Afrikas.

Tayous Arbeit erinnert an den Heimatort des Künstlers, an Yaoundé in Kamerun. Die riesige, begehbare Installation, die einen ganzen Raum einnnimt, erfüllt vielleicht noch ehesten, was Kurator Daniel Birnbaum der 53. Biennale als Motto auf den Weg gegeben hatte: Welten Bauen – Fare Mondi. So wie der 1967 geborene Tayou, der in Belgien wohnt, High-Tech und Archaik verbindet, Konsumalltag und Stammesrituale, wie er Fetischmasken neben Lampenschirme stellt, denkt man sofort an die Welt als global village, in dem heute alles nebeneinander steht. Aber ist das schon die Welt von morgen?

Milchstraße des Konsums

Der 41-jährige, schwedische Wahldeutsche Birnbaum erntete nach seiner Ernennung zum Biennale-Direktor viele Vorschusslorbeeren. Der Kunstkritiker, der die Frankfurter Städelschule samt angeschlossenem Ausstellungshaus Portikus leitet, gilt als polyglottes Wunderkind des zeitgenössischen Kunstbetriebs. In der poststrukturalistischen Theorie ist er ebenso zu Hause wie im Ausstellungsmachen, in der Kunstgeschichte ebenso erfahren wie in der Führung von Kunstinstitutionen. In Venedig wollte er jetzt nach den Sternen greifen. Und machte sich auf die Suche nach der Utopie.

Nicht, dass eine Zeit, die sich im visionsarmen Pragmatismus eingerichtet hat, nicht Alternativen bräuchte. Nicht, dass dieses Motiv die Künstler von heute nicht reizen würde. Viele von ihnen spielen mit der Idee eines selbstgeschaffenen Universums. Und manchmal lässt es sich mit verblüffend einfachen Mitteln herstellen. In seiner Arbeit Constellation hat der chinesische Künstler Chu Yun Haushaltsgeräte in einem dunklen Raum postiert. Die vielen Funktionslichter, die da aufblinken, wirken wie die Rückseite unseres täglichen Konsumuniversums. Zugleich wähnt man sich in dem Raum wie in einer Milchstraße.

Das coolste Universum hat sich das angesagte Künstlerpaar Elmgreen Dragset einfallen lassen. Die beiden Berliner haben die neoliberalen Dogmen ernst genommen. Sie bieten den Dänischen Pavillon als Luxus-Resort zum Kauf an. Wer eine Führung macht, streift durch eine durchdesignte Wohnlandschaft vom Feinsten: vollgestopft mit Kunst von Wolfgang Tillmans bis zum schwulen Comiczeichner Tom of Finland. Man darf sich von dem homoerotischen Unterton der Installation und den hübschen Jungs, die lüstern herumlungern oder nackt in schicken Kugelsesseln dösen, nicht täuschen lassen. The Collectors ist vor allem ein Sinnbild von Kunst als kostbarem Paralleluniversum und den subtilen Mechanismen der Korruption darin.

So spektakulär das alles daherkommt: Über die bloße Evokation der Chiffre „Universum“ kommen die wenigsten Arbeiten hinaus. Am frischesten wirken da noch Öyvind Fahlströms World Maps aus den siebziger Jahren. Der heute weitgehend unbekannte Altmeister der politischen Kunst verwebte in seinen Bildern kunstgeschichtliche und geopolitische Tendenzen der damaligen Zeit comicartig zu fiktiven Weltkarten. Zu solchen Entwürfen lassen sich die Künstler heute nicht hinreißen. Es sei denn, man betrachtet die futuristischen Entwürfe für die gigantischen Kulturzentren am Persischen Golf, die Kurator Tirdad Zolghadr in den Länderpavillon der erstmals in Venedig vertretenen Vereinigten Arabischen Emirate gestellt hat, als solche. Obwohl sie eher wie schlechte Kopien des architektonischen Größenwahnsinns West wirken.

Subtiles Grauen

Am ehesten ist es noch dem Briten Liam Gillicks gelungen einen Möglichkeitssinn mit Folgen aufscheinen zu lassen. Die nachgebaute Küchenzeile aus den sechziger Jahren, die er in den Deutschen Pavillon gestellt hat, weckt die Erinnerung an eine soziale Utopie der sechziger Jahre. Ansonsten bewegt sich alles im allseits bekannten Dilemma. Im neuen Biennale-Garten sieht man planetenartig umeinander kreisende Grasbüschel einerseits (Simone Berti) und ein Ansammlung pechartig gefüllter Erdlöcher andererseits. Utopie und Dystopie liegen heute eben direkt nebeneinander. Doch wie kommt man aus diesem Kreislauf heraus?

Die letzte Residualkategorie scheint auch in der Kunst die Natur zu sein. Auf ihr lasten die unerfüllten Projektionen für eine bessere Welt. Das gilt für den Minipark, den Roman Ondak an Stelle eines Kunstwerks in den – immer noch – „tschechoslowakischen“ Gemeinschaftspavillon gepflanzt hat. Das gilt für das romantische Gartenbild des erstmals auf einer Biennale vertretenen deutschen Künstlers Wolfgang Tillmans, auf dem Fotografie plötzlich zur Zeichnung wird. Der pakistanische Künstler Ceal Floyer träumt davon, einen Bonsai-Baum von seinen Fesseln zu befreien. Overgrowth heißt seine Diaprojektion eines ins Monströse gewachsenen Exemplars. Floyer spekuliert auf einen ungehemmten Ausbruch der alles heilenden Natur.

Selten findet man die Ambivalenzen des Natürlichen so kongenial bearbeitet wie bei Djurbergs preisgekrönter Arbeit im großen Ausstellungssaal in den Giardini. Gigantische Blumen und seltsame Kreaturen aus handgeformtem Plastikmaterial, das wie Keramik glänzt, bevölkern da einen surrealistischen Dschungel. Was auf den ersten Blick wie Höhere-Töchter-Kunst der dekorativeren Art aussieht, entfaltet bei näherer Betrachtung ein subtiles Grauen. Die Blütenkelche der üppigen Pflanzen verwandeln sich in fleischfressende Zungen. Alles bewegt sich am Rande abnormer Metamorphosen. Bei Djurberg wird der Garten Eden zum Alptraum.

Biennalen müssen bewegen. Sie sollen neue Perspektiven eröffnen. Und latente Strömungen in der Kunst zu manifesten machen. Auch in diesem Jahr kann man wieder ungewöhnliche Werke entdecken. Eigens für die Biennale rekonstruiert wurde die Installation Ttéia1 der brasilianischen Konstruktivismus-Pionierin Lydia Page, die die 2004 gestorbene Künstlerin zwei Jahre vor ihrem Tod realisierte. Die straff gespannten Stahlseile, die zum Auftakt des Arsenale-Parcours in einem absolut dunklen Raum an die Decke streben, scheinen sich im Licht von Punktscheinwerfern in kosmische Immaterialität aufzulösen.

Steve McQueens Film Giardini war ein anderer. Der schwarze Filmemacher, der gern nach dem Motto arbeitet: „eine Kamera in die Luft werfen und sie dann fangen“ führt im britischen Pavillon einen ungewohnt melancholischen Film über den Hauptplatz der Biennale nach der Biennale vor. Obdachlose und wilde Hunde streunen darin im Regen zwischen Müllhalden durch den bizarren Minigolf der Nationen. Plötzlich verwandeln sich die Giardini zu einem Symbol für die hässliche Rückseite der Kunst(welt).

Gemessen am eigenen Anspruch bleibt Birnbaums Weltenmachen enttäuschend blass und diffus, verliert sich zuweilen in banalen Bastelanleitungen. Und so wie er die junge Kunst zu Widergängern von Säulenheiligen wie John Baldessari oder Yoko Ono, Blinky Palermo oder Michelangel Pistoletto macht, wirkt der Aufbruch wie die brave Staffelübergabe zwischen den Generationen. Utopie stellt man sich radikaler vor. Andererseits: Warum soll ausgerechnet die Kunst jetzt die Kohlen aus dem Feuer der Krise holen? Es wird nicht alle zwei Jahre ein Joseph Beuys geboren. Und vielleicht fängt die ganz große Utopie bei den ganz kleinen Dingen an. Bei der Wahrnehmung zum Beispiel, die für altbekannte Verfremdungseffekte immer wieder empfänglich ist: Die Arbeiten des australischen Künstlers Toba Khedoori sind ganz unscheinbare Graphitzeichnungen auf Papier. Man sieht einen umgestürzten Stuhl, Wolken, einen Baum. Ohne den üblichen Kontext wirken die sonst so vertrauten Alltagsgegenstände eigentümlich fremd. Doch je länger man sie anschaut, desto mehr lernt man, sie in einem völlig neuen Licht zu sehen.

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05:00 10.06.2009
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Ausgabe 42/2021

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