Kein schöner Land

Rechthaber In seinem Tagebuch des Einheitjahres, "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland", hat Günter Grass Schwierigkeiten, intim zu werden. Es liest sich wie ein Strafgericht

Dreiundvierzig Prozent der Menschen in den neuen Bundesländern erwarten in absehbarer Zeit keine Ost-West-Angleichung der Einkommen mehr. Mehr als ein Viertel der ostdeutschen Bevölkerung stuft sich als „Verlierer“ der Einheit ein. Die Neigung zu den Rechtsextremen wächst. Wenn ein bekannter deutscher Schriftsteller die Zeit finden sollte, die gemischte Bilanz zu studieren, die die „Volkssolidarität“ in ihrem neuen Sozialreport aufmacht, kann er „zufrieden“ sein. Denn wenn es etwas gibt, wovor Günter Grass schon früh gewarnt hat, dann ist es die verfehlte Einheitspolitik in Deutschland.

Wer das immer noch nicht weiß, kann es jetzt nachlesen. Und zwar in dem Tagebuch, dass der Nobelpreisträger im Jahr 1990 geführt und jetzt unter dem Titel Unterwegs von Deutschland nach Deutschland veröffentlicht hat. Und siehe: Schon wenige Monate nach dem Mauerfall überkommen ihn düstere Ahnungen: „Das zunehmende Gefühl der Einengung. Wie unter Zwang wird die Einheit Deutschlands herbeigeredet, nur noch der überstürzte Vollzug fehlt“.


Wütend konstatiert Grass im November Helmut Kohls „Einheit auf Pump“, die aus den Rentenkassen bezahlt wird. Kein Wunder, dass am Ende alles in ein „Desaster“ mündet. Wer Grass‘ Position damals geteilt hat, wird sich nachträglich bestätigt fühlen. Doch was macht dieses Buch trotzdem so schwer genießbar?

Grass bedient sich beim Reizvokabular der politischen Arena

Zum einen der Sprachgestus. Worte wie die „Mentalität kapitalistischer Raffgier“, die „Großbundesrepublik“, wahlweise auch als „Kohlsche Ausgeburt“ bezeichnet, entstammen dem Reizvokabular der politischen Arena. Zwar ist die Szenerie überwiegend privat. Man sieht Grass zwischen Portugal und Altdöbern pendeln, in der Küche so manchen Butt mit Salbei stopfen oder gar mit rasiertem Geschlecht vor einer Leistenbruchoperation im Krankenhaus stehen. Doch mehr als ein Eintrag hat den Charakter einer Regierungserklärung für die Nachwelt: „Vor diesem entstehenden Deutschland ist zu warnen“ notiert Grass wütend, als er im August einen ersten Entwurf für seinen Aufsatz Ein Schnäppchen namens DDR zu Papier bringt.

Grass schreibt auch immer so, als ob er genau wüsste, dass ihm jemand über die Schulter schaut, den er entweder provozieren oder begeistern kann. Wenn er sich etwa über „dröhnende Großpolitiker“ aufregt oder über die „Hexenjagd“ von FAZ und Zeit gegen Christa Wolf wettert, mag man zwar instinktiv mit dem Kopf nicken. Doch so wie das Buch mit dieser Art Kampfprosa durchsetzt ist, nimmt man ihm den Charakter des intimen Tagebuchs nicht ab, dass es als intimes Tagebuch konzipiert ist. Die Vivisektion des Ichs, die dieses Institut suggeriert, gerät Grass immer wieder zum Strafgericht gegen den Zeitgeist.

Ambivalentes Verhältnis zu politischen Größen

Nun war nicht zu erwarten gewesen, dass ein „zoon politicon“ wie Grass mit einem Tagebuch einen Spiegel der subjektiven Empfindsamkeiten vorlegen würde, wie die, in denen sich das bürgerliche Individuum seit dem 17. Jahrhundert selbst betrachtete. Mit seiner ganzen Existenz steht dieser Mann ja dafür ein, dass das Ich immer nur als politisch durchwirktes Ich denkbar ist. Doch man findet in dem Tagebuch einen bemerkenswerten Gegensatz zwischen dem Grass der dröhnenden politischen Selbstgewissheit und dem sprachlosen Grass der persönlichen Krise. Was steckte zum Beispiel hinter jener Schwächephase, in die Grass im Oktober 1990 im Kurzurlaub in Portugal verfällt: „Kann nur mit Mühe eine latente Depression unter der Decke halten. Vielleicht sollte ich sie ausleben, mich fallenlassen? Bin vielleicht selbst dafür zu schwach.“ Ein paar Seiten schreibt er: „Ute und ich sind fürsorglich miteinander und entspannt, nachdem wir wie Schwerarbeiter unserer Krise das Wasser abgegraben haben“. Wie genau das zugegangen ist, erfährt man nicht.

So sehr Grass in seinen politischen Loyalitäten gefangen ist: Er kann Freunde und Nahestehende unfreundlich genau beobachten. Distanziert lauscht er seinem Vorbild Willy Brandt auf dem Leipziger SPD-Parteitag im Februar 1990: „er liebt das Vage“. Die Lichtgestalt Václav Havel gehört für ihn „schon zu den Politikern, die nur schlecht zuhören können“. Den späteren SPD-Chef Björn Engholm hält er für „wenig kämpferisch und zur Beschaulichkeit neigend“. Besonders den Spiegel-Chef Rudolf Augstein verfolgt der Praeceptor Großgermaniae mit alttestamentarischer Strenge, schilt ihn einen „größenwahnsinnigen Potentaten“ mit „deutschnationalem Starrsinn“ (was ihn nicht hindert, ihm ständig seine Essays zum Abdruck anzubieten).

Der Geschmack von Bucheckern

Selbst bei seinen eigenen Söhnen amüsiert es Grass, „wie sie sich als Pragmatiker verstehen“. Doch an den Knotenpunkten der eigenen Existenz wird der Mann mit dem überfließenden Mitteilungs- und Welterklärungsbedürfnis ausgesprochen wortkarg. Skrupulöse Selbsterforschung und Selbstkontrolle – die klassischen Funktionen des Tagebuchs – liegen einem Mann wenig, dem schon zu Beginn des ungewohnten Genres schwant: „Doch fällt es mir schwer, intim zu werden“. Im Grunde sucht man ja seit Jahrzehnten nach dem Grass jenseits der Großintellektuellen-Existenz. Oft genug begibt er sich in die Netzwerke der ganz privaten Freundschaften, kokettiert mit einem Dasein als Autor, der gern in die Fiktion abtaucht. Doch für intime Regungen findet er dann doch keine Sprache.

Auf dem Weg zum 60.Geburtstag seiner Schwester sammelt Grass im September auf einem Parkplatz gedankenverloren Bucheckern und notiert: „ein Kindheitsgeschmack“. Von solchen Aromen hätte man sich mehr gewünscht. Trotzdem ist sein Tagebuch ein aufschlussreiches Dokument. Denn in dem Furor, mit der er gegen das entstehende Großdeutschland angeht, zeigt sich die Abwehr der alten westdeutschen Linksintellektuellen, die die deutsche Teilung für die gerechte Strafe der Geschichte für die Nazi-Barbarei gesehen haben. Im Augenblick, da dieses Konstrukt zusammenbricht, wehren sie sich mit Händen und Füßen dagegen, dass zusammen wächst, was vielleicht doch zusammengehört.

Distanz zum "Mangelland" DDR

Und es ist interessant zu sehen, wieviel kulturelle Distanz er zu der liebevoll „Mangelland“ genannten DDR hat, die er vor der Überwältigung durch den „reichen Bruder“ retten will: „Mein jäher Wunsch, bei meinen portugiesischen Kakteen sein zu dürfen, die mir näher sind, gemessen an dieser kalten Fremde“, geht es ihm bei einer Fahrt nach Dresden Ende Februar durch den Kopf.

Andererseits ist Unterwegs von Deutschland nach Deutschland auch das beeindruckende Dokument eines antinationalen Deutschen. Unbeirrt hält Grass an der Idee einer deutschen Konföderation und einer neuen Verfassung fest.

Es hat etwas provozierend Kontrafaktisches, wie die Idee eines „in seiner Vielfalt reichen Deutschland“ nun, zwanzig Jahre nach der Einheit, wieder im Raum liegt. Grass hat sie wie einen dunklen Ziegelstein in das zum Jubiläumsjahr auf Hochglanz polierte Glashaus geworfen, in dem auch er noch immer sitzt. Die penetrante Rechthaberei, in der dieses Tagebuch aber geschrieben ist, wird vermutlich verhindern, dass es jemand so neugierig liest, wie es notwendig wäre, um sich von seiner Idee anstecken zu lassen.

Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990 Günter Grass. Steidl. Göttingen, 255 S., 20

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