Komm zur Sache, Kunst

Off-Szene Raum ist in der kleinsten Off-Hütte. Beobachtungen zur Zivilgesellschaft in der Türkei aus Anlass einer Kreuzberger Ausstellung

Gibt es in der Türkei eine Zivilgesellschaft? Seit Jahr und Tag wird dieses Ominosum herbeigesehnt. Erst wenn politische Werte wie Toleranz die gesellschaftliche Alltagspraxis bestimmten, sei der Umbruch zu einer demokratischen, multikulturellen Gesellschaft, den Beobachter seit einem Jahrzehnt in der Türkei registrieren, von Bestand, argumentieren Politiker und Wissenschaftler. Und dann schlägt wieder die Realität zu.

Als sich im vergangenen Jahr auf Istanbuls zentralem Taksim-Platz Tausende zur 1. Mai-Kundgebung versammeln wollten, schockte die Regierung Erdogan die türkische Öffentlichkeit mit einem ungewöhnlich brutalen Polizeieinsatz. Es ist noch nicht lang her, dass ein Amtsrichter im liberalen Stadtteil Beyoglu die Schwulenorganisation Lambda verbot. Und vor wenigen Tagen wollte die AKP-dominierte Stadtverwaltung dort sogar den Alkoholausschank verbieten.

Angesichts der Schwierigkeiten, mit denen Bürgerrechtsbewegungen und Selbsthilfegruppen in dem Land am Bosporus kämpfen müssen; angesichts des Zerrbildes vom stets repressiven, kemalistischen Einheitsstaat, das von der Türkei im westeuropäischen Ausland gezeichnet wird, kann man es nicht hoch genug bewerten, dass der Dialog mit den wenigen vorhandenen Gruppen gepflegt und ein anderes Bild des Landes vermittelt wird. Ein Nährboden der türkischen Zivilgesellschaft ist die Off-Kunst. Wie sie arbeitet, welche Ziele sie verfolgt, kann man jetzt im Kunstraum Kreuzberg nachvollziehen, wo sich rund zehn Istanbuler Gruppen in einer kleinen Ausstellung präsentieren.

Auf zwei Quadratmetern

Für hiesige Verhältnisse wirkt es oft mehr als bescheiden, was sich da entwickelt hat: Der kleine Kunstraum 5533, den Nancy Volkan und Volkan Aslan in dem Verkaufsraum eines Istanbuler Einkaufszentrums im Stadtteil Unkapani zu einem „open Space“ für Lesungen, Künstlergespräche und Workshops hergerichtet haben. Oder der winzige, gerade mal zwei Quadratmeter große Raum mit Schaufenster, den die Gruppe Artik Mekan in einem alten Teehaus in Karaköy, unweit vom Goldenen Horn, zu einem Ausstellungsraum umgewidmet haben Aber in einem Land, in dem der Staat seinen Bürgern immer noch mit Misstrauen begegnet, mit Argusaugen und Maschinenpistolen den öffentlichen Raum kontrolliert, ist schon die Öffnung des kleinsten, selbstorganisierten Raumes ein Wagnis.

Bei diesen Projekten geht es oft zunächst darum, jenseits der etablierten Kunstszene um die großen „Plattformen“ der Istanbuler Banken, Garanti oder Akbank etwa, oder das neu eröffnete (privat gesponsorte) Kunstmuseum Istanbul Modern eigene Ausstellungen zu realisieren. Die aber besonders gern Tabuthemen aufgreifen. Als die Macher der Gruppe Hafriyat – was soviel heisst wie „Baustelle“ – eine Gruppenausstellung zum Thema „Gottesfurcht“ organisierten, trat die Polizei auf den Plan. Die 51 Teilnehmer hatten es gewagt, religiöse und politische Symbole wie Moscheen, Mohammed oder Atatürk ironisch zu verfremden: Einer zeigte Staatsgründer Atatürk ohne Gesicht, ein anderer die Fotomontage eines Minaretts mit Überwachungskameras.

Der Auftritt der Kunst wirkt wie eine Initialzündung. Denn diese Räume, so klein sie auch sein mögen, werden in der Folge oft zu einem Treffpunkt für Wissenschaftler und andere Initiativen und Organisationen. In den Räumen von Hafriyat in Karaköy, einem kleinen Ladenlokal zwischen Autowerkstätten, Bordellen und Hafenarbeiterkneipen, trafen sich Architekten, Stadtplaner, Soziologen und Künstler um die spanische Künstlerin Anna Sala, die in ihrem Projekt „IstanbulMap“ die Gentrifizierung und neoliberale Neuaufteilung Istanbuls dokumentierten. Danach marschierten sie los und verteilten 15.000 dieser Karten kostenlos in der Stadt.

Projekt "Gegenbesuch"

Vom urbanismuskritischen Nachbarschaftstreffpunkt der Gruppe Oda Projesi bis zur grenzüberschreitenden Volksdiplomatie reicht die Bandbreite der Istanbuler Off-Kunst. Die Gruppe Apartment Project etwa organisiert unter dem Titel „Gegenbesuch“ Reisen von Künstlern in angrenzende Länder wie Armenien oder Aserbeidschan. Dass diese Gruppen es nicht nur spielerisch meinen, kann man an der Installation ablesen, die die Gruppe atilKunst mit nach Berlin gebracht hat, die gern mit public images spielt. Sie hat den Satz "Sadede Gel" in Form von Glühbirnen zwischen die beide Türme des legendären Bethanien gehängt, wo der Kunstraum residiert. Der in der Türkei häufig benutzte Satz heißt soviel wie: "Komm zur Sache!" Jetzt sieht die einstige Besetzerhochburg wie ein Minarett aus.

Der nächtens leuchtende Spruch bringt das explizit politische Interesse auf den Punkt, dass die türkische Off-Szene der deutschen oder westeuropäischen voraus hat. Obwohl – oder weil? – sie nahezu keine öffentliche Förderung bekommen. Anders als der einladende Kunstraum Kreuzberg, der eine Einrichtung des Bezirksamtes ist, auch wenn er wie ein Off-Spot auftritt.

Wirklich vergleichbare deutsche Kunsträume wie das Kreuzberger Westgermany – Büro für postpostmoderne Kommunikation, das seit ein paar Jahren an Berlins Kottbusser Tor zu einem Geheimtipp der Off-Szene avancierte, definieren das Politische ihrer Arbeit ganz anders als die Kollegen vom Bosporus. „Unser Ziel ist es“, sagen die Berliner Künstler Ingo Gerken und Stephan Kallage, die zwei Betreiber der wunderbar ramponierten Arztpraxis an dem sozialen Brennpunkt der Stadt, „das möglich zu machen, was sonst nicht passieren würde“.

Vom Avantgardefilmabend über Elektrokonzerte bis zur Off-Performance reicht ihr ungewöhnliches Programm, das man eher als Bohème denn als Widerstand definieren würde. Das direkt Politische muss man auch im avancierten Programm des unabhängigen Projektraums Uqbar im Berliner Wedding lange suchen. „Nichtkommerziell“ zu sein ist für dessen Betreiber um die junge Kuratorin Antje Weitzel an sich schon für politisch. Und sie besteht darauf, das alles „keineswegs nur wegen dem Fun“ zu verfolgen.

Gegen die Regierung

Trotzdem leiden viele Künstler in der Türkei unter dieser (zwangsweisen) Politisierung der Kunst. Und der Perspektivverengung, die das mit sich bringt. „Die Off-Künstler in der Türkei reiben sich immer nur aggressiv an der eigenen Regierung“ beklagt der Istanbuler Medienkünstler Burak Arikan im Gespräch. „Sie sind viel weniger an tiefergehenden Fragestellungen interessiert“. An den Künstlern in Deutschland gefällt ihm deren „Gefühl dafür, was global passiert“.

Freilich kann auch Arikan nicht ganz von der Politik abstrahieren. In seinen Internet-Diagrammen visualisiert er Verbindungen zwischen dem Führungspersonal der kemalistischen Geheimorganisation Ergenekon, deren Mitglieder die Regierung Erdogan kürzlich verhaften ließ, als ihre Staatsstreich-Pläne entdeckt wurden. Und in einem seiner Werke zeigt Burkan einfach die Website, die der türkische Internet-User zu sehen bekommt, wenn er die – vom Staat gesperrte – Seite von Youtube zu sehen bekommt.

Die Keime der Zivilgesellschaft sprießen also in der Türkei. Man muss sie sich nur ansehen. Aber können sie das Land wirklich verändern? Auf diese Frage hebt Nancy Volkan von der Gruppe 5533 beschwörend die Hände zum Himmel. Die freundliche Frau mit den lockigen grauen Haaren und der dunklen Hornbrille, 1946 im amerikanischen US-Staat Virginia geboren, sieht einen Moment lang so aus, als ob sie „Um Gottes willen, nein“ antworten würde. Was man ihr nicht verdenken könnte. Istanbul hat geschätzte 15 Millionen Einwohner. Denen stehen circa 15 off-spaces wie der ihre gegenüber. Daran kann man die Schwierigkeiten dessen ermessen, was Kulturwissenschaftler gern audience building nennen. Doch dann lässt Volkan ihre Arme fallen und sagt mit bestimmtem Lächeln: „Auch die kleinste Gruppe ist wichtig.“

Istanbul off spaces. Kunstraum Kreuzberg. Noch bis zum 16. August.

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17:00 06.07.2009
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Ausgabe 39/2020

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