Kraftfeld

MYTHOS STAR Gipfeltreffen der DJ's Paul van Dyk und Westbam in Berlin

Ist 'Kraftwerk' die Antike der elektronischen populären Musik, so ist Techno-House ihr Mittelalter: Zeit der Verbreitung des Glaubens und des Vergessens, der Dumpfheiten und Deformationen. Die Moderne in der populären elektronischen Musik steht noch aus. Mein Orakel: bis 1995 wird house music im engeren Sinne Vehikel dieser Entwicklung bleiben. Dann Zusammenbruch, Überraschung: die Moderne schlägt im nächsten Jahrtausend zurück". So prophezeite es der 1965 in Münster geborene Maximilian Lenz, besser bekannt als DJ Westbam, in seinem legendär gewordenen Buch: Mix, Cuts Scratches. Das war 1997. Inzwischen ist das neue Jahrhundert da. Und wenn ein Mann dieser Größenordnung, Idol des Schriftstellers Rainald Goetz, auf seinen ebenso legendären Kollegen Paul van Dyk trifft, böte das eine gute Gelegenheit für eine kleine musikalische Revolution. Und wir hätten sagen können, wir wären in der Treptower Tanzhöhle Arena dabeigewesen.

Aber es war nur alles wie immer. Über die Leinwände schwirrten mit einem Endlosstreifen zufällig aneinandergeschnittener Straßenschilder, Zahlenkolonnen und Kleideretiketten die Insignien der Antinarration, mit den Diabildern von Samplerschaltplänen und Unendlichkeitsgittern der all-over-Struktur. Doch die Propheten der absoluten Gegenwart können ihre Herkunft aus der klassischen Moderne nicht überdecken. Die eingeblendeten Kraftgestänge, Übertragungsmodule und die beim Tanzen wie Kolben bewegten Unterarme erinnern an den Technofan Fernand Leger.

Wie es sich für eine elektronische Volxbewegung gehört, gab es einen demokratischen Einstieg. Keine Fanfare ertönte, als Paul van Dyk unerkannt wie ein Feinmechaniker auf die Bühne schlüpfte. Es ging einfach los. Erst als zu Westbams Auftritt vor den 2000 eine Stimme dessen Namen aus dem off schrie, kehrte im garantiert hierarchiefreien Techno der Mythos Star zurück. Manchmal ist Gott eben doch ein DJ.

Die Eintrittskarte zeigte van Dyk und Westbam an einem Schachbrett wie beim Match der Schachweltmeister. Doch ein Kräftemessen war das zehnstündige Konzert nicht. Bei der Übergabe der Mischpulte in der Halbzeit umarmten sie sich hüpfend, drückten ein paar Knöpfe und taten wie zwei Präsidenten, die sich in die Geheimnisse des Atombombenkoffers einweihen müssen. Für Sekunden war der Ofen aus - ohne dass sich da zwei intelligent verknüpft hätten.

Eher war das Gipfeltreffen eine Schau unterschiedlicher Temperamente. Der schmale Paul van Dyk mit dem sanften Blick ist der Poet des Techno, der bullige Westbam sein Donnergott. Wo der eine die vor ihm zusammenschmelzende Lava der Leiber mit den einzeln wie auf einem Seelenklavier nach unten gedrückten Fingerspitzen wieder zu individuellem Leben zurückberühren will, gehen die Hände des anderen nach oben, verstrahlen seine gespreizten Finger Energie in alle Himmelsrichtungen. Er ballt die Faust und dreht sich mit verwinkelten Armen in ein technotridiasches Ballet. Van Dyk ist der Meister der Intensivierung und Verdichtung. Bei ihm werden die sanft eintröpfelnden Melodiepunkte, euphorisierende Einsprengsel, heller und stärker, bis sie wie eine Supernova den stampfenden Groundbeat überstrahlen. Westbam mixt, als gelte es, den Potsdamer Platz neu zu pfählen. Wo Van Dyk die Mixes unmerklich, fließend verknüpft, verscratcht Westbam die Übergänge seines Hammersounds, dass es klingt wie die Direktübertragung von Magnetspänen, die sich neu ausrichten. Dafür, dass Westbam House und Techno Ende der achtziger Jahre beim Gay Dance im Berliner Metropol quasi für Deutschland erfunden hat, von wo es dann den heterosexuellen Mainstream infizierte, war das Berliner Konzert mit seiner Mischung aus muskelbepackten Beefeaters im Plasteshirt, die alle ihr St.Tropez-Barbie, eine Art Brigitte-Bardot-Retro im hautengen Goldlack oder pinkfarbenen Schlaghosen und bronziertem Pferdeschwanz im Schlepptau hatten, eine Orgie der alten Geschlechterstereotypien. Der "Befreiungstanz" aus den Zeiten der "Wiedervereinigungsmauerwegfallenergie" ist längst ein Gesellschaftstanz des Neue-Mitte-Nachwuchses. Da wird aus dem zum Pop aufgestiegenen Underground so schnell nichts rückgekoppelt zu einem neuen Underground, wie Westbam mal gehofft hatte.

Das Treffen war brachial. Aber Zusammenbruch zu einer neuen Moderne? Am späten Morgen schienen selbst Jonathan Borofskys silbern schimmernde Männer auf der spiegelnden Spree vor dem Treptower Park zu tanzen, waren von Energie durchlöchert. Das Kraftfeld war da. Unübersehbar, unsichtbar. Doch die Musik des 21. Jahrhunderts blieb vorerst nur Hall und Rauch.

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