Kultur ohne Hut

Einheit von Kultur und Politik Das Schicksal, keine "organischen Intellektuellen" zu haben, teilen die Grünen mit anderen Parteien

Wir wollen Sonne statt Reagan. Als am 10. Juni 1982 im Bonner Loch, einem hässlichen Platz in der Fußgängerzone der alten Bundeshauptstadt, ein entfesselter Joseph Beuys und eine Band mit dem schönen Namen Die Deserteure diesen selbstgereimten Gassenhauer ins Mikrofon bellten, passte das haarscharf in die politische Landschaft. Die Westrepublik wurde von einer Großdemonstration gegen die "Nachrüstung" lahmgelegt. Die Friedensbewegung feierte Triumphe. Zwei Jahre nach dem grünen Gründungsparteitag erlebten die Demonstranten mit dem Auftritt einer Legende noch einen grünen Gründungsmythos: die Einheit von Kultur und Politik.

Der Spirit dieser Tage sollte noch lange anhalten. 1983 organisierte Deutschlands bekanntester Konzertimpressario, Fritz Rau, mit der "Grünen Raupe" die Tournee einer bunten Künstlertruppe, die Wahlkampf für die Outlaws machte. Von Rio Reiser bis Konstantin Wecker - kaum ein Künstler konnte es sich leisten, hier abseits zu stehen. Für einen kurzen Moment in der deutschen Nachkriegsgeschichte hatten die unbotmäßigen Grünen so etwas wie eine kleine, feine kulturelle Hegemonie.

Zugegeben: Es ist immer unfair, mit den guten alten Zeiten zu kommen, als alle noch so wahnsinnig kämpferisch waren. Schließlich ändern sie sich eben. Doch zeitgemäße Aufbruchsstimmung kam auch nicht gerade auf, als am vergangenen Freitag die Bundestagsfraktion der Grünen in den schicken Berliner Reichstag lud, um über das Verhältnis von Kultur und Politik zu diskutieren.

Woran könnte es gelegen haben? Daran, dass statt Joseph Beuys mit Weste, Schlapphut und in Springerstiefeln ihr Fraktionsvorsitzender Fritz Kuhn im gedeckten Zweireiher auftrat? Oder doch eher daran, dass der Kommunikationsprofessor so gelehrsam über das Verhältnis dieser ungleichen Schwestern dozierte, dass man sich im Festvortrag einer Akademie für Kulturmanagement wähnte?

In Kuhns Rede wimmelte es nur so von Mainstreamfloskeln, nach denen Kunst und Kultur "identitätsbildend", "welterschließend" oder "sozial integrativ" seien und uns zeigen könne, dass "es anders geht". Das in den achtziger Jahren mit der Kunst gern verknüpfte Wörtchen von der "Gesellschaftskritik" schrumpfte bei ihm auf die Formel von der "kritischen Funktion".

Nun bedeutet es keineswegs Appeasement mit den herrschenden Verhältnissen, wenn Aktivisten von einst heute den "Eigenwert" der Kunst preisen. Und es ist auch nicht konterrevolutionär, Kunst eher als Mittel zur Selbstreflexion einer Gesellschaft zu definieren, denn als Barrikadenkampf mit Pinsel und Performance. Selbst wenn man damit Niklas Luhmann näher steht als Herbert Marcuse. Doch dass nun ausgerechnet die Künstler die grünen Kulturwissenschaftler zum Jagen tragen müssen, ist auch ein aufschlussreiches Indiz für den Wandel einer Partei, deren Mitgründer immerhin die "soziale Plastik" erfand.

Auf der nämlichen Konferenz blieb es sonst so vorsichtigen Künstlern und Intellektuellen wie dem Berliner Publizisten Gustav Seibt oder den Schriftstellern Ingo Schulze und Kathrin Röggla vorbehalten, mit flammenden Appellen vor dem Primat von Wirtschaft und Sponsoren über Kunst, Kultur und Bildung zu warnen. Während die Grünen die Kulturwirtschaft entdeckten und von einer "Kreativitätspolitik im Übergang zur Wissensgesellschaft von morgen" schwärmen.

Das Schicksal, keine "organischen Intellektuellen" mehr zu haben, die zugleich in und über ihnen stehen und wie Magneten nach außen wirken, teilen die Grünen mit anderen Parteien. Die letzten Sozialdemokraten Klaus Staeck und Günter Grass sind ja auch nur noch ein Überbleibsel aus besseren Tagen. Doch dass sich im Verhältnis von Kultur und Politik eine neue Nüchternheit breit gemacht hat, muss kein Nachteil sein. Frei von schnell enttäuschbaren Projektionen könnten beide eine Koalition auf Zeit gegen die Ökonomisierung der Kultur eingehen, wie man sie in jedem Theater, in jedem Kunstmuseum, auf jeder Biennale besichtigen kann. Das könnte doch mal wieder Bewegung geben.

Siehe auch Seite 19

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