Lesen und lesen lassen

Analphabeten Auf Buchmessen wie in Leipzig wird Jahr für Jahr ein turbulentes Hochamt des Lesens gefeiert. Um die reale Lesekompetenz in Deutschland ist es aber schlecht bestellt

Ist Deutschland ein Leseland? Wer in diesem Jahr wieder die Leipziger Buchmesse besuchte, würde diese Frage vermutlich bejahen. Wie soll man den viertägigen Kreuzzug zu dem Glaspalast vor den Toren der Stadt anders deuten? Dort tobte zwar auch der übliche große Karneval: jene dauerdröhnende Mischung aus Kindergeburtstag und Rummelplatz, bei dem man selbst messegestählte Buchhändler spätestens nach zwei Tagen den Verstand verlieren.

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Es muss aber schon auch am Buch an sich und nicht nur an der tollen Location, den vielen Prominenten, der Zuckerwatte und dem freien Eintritt für fantasievolle Kostüme gelegen haben, dass in diesem Jahr 147.000 Menschen zum Messegelände gepilgert sind – ein neuer Rekord in der Leipziger Messestatistik. Die Büchermesse im Osten ist zum Sinnbild einer Leseeuphorie geworden. Kein Wunder, dass die Veranstalter jubeln.

Wie krass das gefühlte Interesse für das Buch und die reale Lesefähigkeit in Deutschland in Wahrheit auseinander driften, legen ein paar Zahlen nahe, die man bei Buchmessen selten hört. Glaubt man der Stiftung Lesen, halten die Deutschen Lesen zwar für sehr wichtig. Trotzdem lesen sie nicht. Nach den Ergebnissen der Studie Lesen in Deutschland 2008 liest jeder vierte in Deutschland niemals ein Buch. Die Anzahl der jährlich gelesenen Bücher sinkt ebenso wie die Zahl der Bücher im Haushalt. Die Mainzer Forscher beklagen das Verschwinden des klassischen „Gelegenheitslesers“, der ein bis vier Bücher im Monat liest. Schon Ende letzten Jahres hatte ausgerechnet die Bild-Zeitung herausgefunden, dass mehr als ein Fünftel der Deutschen im Verlauf des Jahres 2008 noch kein Buch gelesen hatte.

Ganz am Ende der kürzer werdenden Leseschlange stehen die rund vier Millionen sekundären beziehungsweise "funktionalen" Analphabeten, die in Deutschland leben - Menschen, die weder lesen noch schreiben können. „Leipzig liest“ mag tatsächlich das „Lesefest der Superlative“ sein, mit dem die Veranstalter werben. Und dass nirgends soviel Bücher geklaut werden wie auf der Leipziger Messe mag auch für die Beliebtheit eines die Jahre geratenen Kulturguts sprechen. Doch mehr und mehr beschleicht einen angesichts dieser Zahlen der Verdacht, dass diese Erfolgsveranstaltung nur das Label für eine ganz große Simulation ist.

Die Furie des Verschwindens

Auch andere Zeichen des Unglaubens beflecken das Hochamt des Lesens, das in Leipzig mehr als anderswo zelebriert wird. Die digitale Welt wirft ihre Schatten überall voraus. Jenes kleine, silbern glänzende Gerät, das auf den Namen E-Book hört, liegt zwar schön in der Hand. Dass man zwazig Romane darauf speichern kann, bedeutet noch nicht, dass das die schlechten Lesegewohnheiten verbessern wird. Auch der in Leipzig überall plakatierte Werbespruch eines anderen Herstellers:„Wir bringen ihr Buch auf das I-Phone“ klingt im Strudel des epochalen Strukturwandels in der Bücherwelt eher nach der Furie des Verschwindens und nicht wie ein simples technisches Versprechen.

Entsprechend hilflos fallen viele Versuche aus, eine Kulturtechnik im Wandel zu popularisieren. Mit dem Spruch: „Bücher lesen macht genauso viel Spaß wie telefonieren“ versucht zum Beispiel das Komitee für Telekommunikation und Massenmedien der Stadt Moskau ein junges Zielpublikum zu locken. Mit ähnlich überzeugenden Argumenten versuchten Eltern früher Kleinkindern Spinat schmackhaft zu machen.

Insofern grenzt es an eine Unterlassungssünde, wenn auf Deutschlands Buchmessen die Zukunft von Buch und Lesen beschworen wird, ohne die Gefahren zu nennen. Der Münchener Medizinpsychologe Ernst Poeppel ist zwar der Meinung, dass die Bedeutung des Lesens überschätzt wird. Für ihn ist diese Tätigkeit, wie er in Leipzig auf einem Symposium erläuterte, „genetisch nicht vorgesehen“. Lesen bedeutet für unser Hirn einen neuronalen Kraftakt: Optisch definierte Zeichen, die wir Buchstaben nennen, müssen in Bedeutung und Sprache übersetzt werden.

Leseförderung als Konjunkturprogramm!

Das legt den visuellen Cortex lahm. Und benachteiligt Denkfähigkeiten die genauso wichtig sind wie das Lesen: Sehen, Handeln und das – unersetzliche – Sprechen. Doch dass Lesen nicht nur die Persönlichkeit bildet, sondern intellektuelle Kernkompetenzen, wollte auch Poeppel nicht abstreiten.

Wenn in der gegenwärtigen Krise also ständig der Kreativstandort Deutschland beschworen wird, der vor dem Untergang gerettet werden muss: Warum ist dann Leseförderung nicht längst Bestandteil der Konjunkturprogramme, die der Bundestag derzeit in Serie beschließt? Nur die Buchpreisbindung wird die Lust am Lesen nicht befördern. Wir wüssten auch schon ein gutes Motto für dieses überfällige Experiment: Deutschland liest!

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