Meine eigene Haut

Rücksichtslos Cornelia Schleimes missglückter Debütroman "Weit fort"

Frau vor Aktenlandschaft. Wahrscheinlich hat Cornelia Schleime 1992 genau das Richtige getan, als sie erfuhr, dass sie als Künstlerin in der DDR von der Stasi überwacht worden war. Als die 1984 aus der DDR ausgebürgerte Künstlerin ihre Akten bei der Birthler-Behörde einsah, machte sie eine "Biographische Rekonstruktion" daraus, bei der sie sich in ironischen Posen mit dem Selbstauslöser vor dem Denunziationsmaterial fotografierte. Die Jahre in der DDR, wo man sie 1982 mit einem Ausstellungsverbot belegt hatte, waren schrecklich genug. Sie wollte dem verhassten System nicht auch noch den nachträglichen Triumph gönnen. Statt in Depressionen zu verfallen oder Rache zu rufen, überführte sie die alte Demütigung in neue künstlerische Energien.

Etwas von der Ironie und Gewitztheit der Jahre 1992/93 vermisst man in dem ersten Buch der 1953 in Ostberlin geborenen Künstlerin. Das ist bei einem Liebesroman auch nicht ganz einfach, ließe sich einwenden. Denn so kommt das schmale Bändchen Weit fort zunächst daher. Die Malerin Clara verliebt sich in den TV-Wetterjournalisten Ludwig, den sie in einer Partnerbörse im Internet kennen gelernt hat. Doch in Wahrheit geht es genau um den Komplex. Denn die zögerlich aufkeimende Liebe der beiden scheitert an der Vergangenheit, die einfach nicht vergehen will. Als Clara Ludwig einen lange zurückliegenden Dokumentarfilm zeigt, in dem sie ihren Freund aus den gemeinsamen Zeiten in der DDR-Kunstboheme vor laufenden Kameras mit seiner IM-Tätigkeit konfrontiert, kriegt der kein Wort mehr heraus, taucht ab. Bei Clara beginnt ein Verdacht zu reifen.

Man muss den schmalen Band nicht bis zu dieser - fast schon zeitgeschichtlichen - Szene gelesen haben, um zu ahnen, dass Weit fort nicht nur ein autobiografisch "getöntes" Werk ist, wie man immer so schön sagt. Sondern, dass Claras Liebesgeschichte ihrer Erfinderin mutmaßlich selbst passiert ist. Dass sie fassungslos ist, wie sich das längst ad acta gelegte Drama ihrer Liebe zu Sascha "Arschloch" Anderson mehr als zwanzig Jahre später als stumme Farce wiederholt. Und deswegen zur Feder statt zum Pinsel gegriffen hat.

Cornelia alias Clara ist konsterniert und beginnt, sich aus ein paar Puzzleteilen ein Bild zusammenzusetzen: Die 25 Jahre, die in der Biografie auf Ludwigs Website im Sender fehlen. Der Umstand, dass er sie einmal nur mit Sonnenbrille auf die Party eines Museumsdirektors begleitet. Und zwar just an dem Tag, als Markus Wolf in Berlin beerdigt wird. Ihr Verdacht steigert sich bis zum Verfolgungswahn. Plötzlich fühlt sich Clara von der Geschichte eingeholt: "Eine Gegenwart, die sich mit der Vergangenheit überschlägt ... hinausgeschossen ins Uferlose einer nimmer endenden Vergangenheit".

Gesellschaftlich-emotionale Störfälle waren immer Initialzündungen für die ästhetische Grenzgängerin Cornelia Schleime. Von der Malerei wechselte sie zur Zeichnung und zu Installationen, inszenierte schrille, systemkritische Happenings in der Öffentlichkeit, experimentierte schließlich mit Schmalfilmen, um dann wieder zum Tafelbild zurückzukehren. Dass in dieser Werkgeschichte auch einmal der Tag des Buches schlagen würde, ist nur folgerichtig. Das Ergebnis ist freilich wenig überzeugend.

Den expressionistischen Furor mag man bei einem Erstling noch angehen lassen. Doch welcher Ehrgeiz trieb Schleime, von Pseudoweisheiten wie "Im Grunde sind alle Maler Jäger" über schiefe Metaphern, wo Hände zu Ankern werden, bis zum hohlen Pathos alle denkbaren Anfängerfehler auf einmal darin unterzubringen? Zudem lässt sie Clara alles erklären, anstatt es poetisch zu übersetzen. So wird der "Roman" zur Pseudodokumentation. Von Schleimes Porträtbildern kennt man das ironische Spiel mit den Rollen und Klischees, die Frauen aufgezwungen werden. In Weit fort schrumpft diese Lust am Spiel zur romantischen Emphase. Schleime zeichnet das Bild einer Frau, die sich danach sehnt, einmal einem Mann "wie Jesus in die Arme" zu sinken. Warum hat der Verlag diese Autorin nicht vor sich selbst geschützt?

Die "unerhörte Begebenheit" der Begegnung mit dem Mann, der einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit hat und die sich zur Paranoia steigert, hätte eine erstklassige Novelle werden können. Doch dafür hätte man den Stoff konsequenter literarisieren müssen, als Cornelia nur in Clara umzubenennen. So unkenntlich sollte alles aber wohl doch nicht sein. Denn als ihr persönliches Schicksal entschlüsseln können soll man die ganze Geschichte schon noch. So schlingert der Roman unentschlossen zwischen einer Abrechnung mit dem alten und der Liebesgeschichte mit dem neuen Freund.

Und wenn die Stasi-geschädigte Schleime mit diesem Roman vor dem warnen wollte, was Clara "zweite Verdrängung" nennt, verschwindet diese Intention hinter dem narzistischen Pfauenrad, das sie ihre Heldin ständig schlagen lässt. Ständig prahlt Clara mit ihrem unkonventionellen Künstlerleben: "Rücksichtslos lebte sie ihr Gesamtkunstwerk vor jedermann aus". So wirkt die nervende Außenperspektive, wo Clara sich in der dritten Person Singular quasi selbst über die Schulter schaut, immer nur wie ein Paravent, hinter dem wir kaum anders können, als ihre Urheberin zu erkennen. Weit fort heißt in diesem Fall ganz nah dran.

So halbherzige Distanznahme wundert nicht bei einer Künstlerin, deren Arbeiten immer ganz persönliche Existenzzeichen sind. Klassisch formvollendet, gar geschlossen ist Kunst bei ihr nie, selbst wenn sie im "ruhigen" Medium arbeitet. Sie streut Kaffeesatz, Sand und Schellack in die Acrylfarbe, um die Oberfläche ihrer Bilder zu zersetzen. Und überall soll man ihre Emotionen spüren. "Wer in dieser Zeit ein Bild malt aus innerster Motivation, wem die Farbe ist wie die eigene Haut, die Linie wie die Handlinie, der ist eines der Tiere abseits vom Rudel" beschrieb sie 1985 ihre ästhetische Maxime. In ihrer Malerei balanciert Schleime mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen Selbstinszenierung und Formfindung. Bei ihrem ersten Buch hat leider ein ziemlich ungeschliffenes Temperament über die Kunst gesiegt.

Cornelia Schleime Weit fort. Roman. Hoffmann Campe, Hamburg 2008, 111 S., 14,95 EUR

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