Neuauflage

ALTE BEKANNTE Sigrid Löfflers neues Bücher-Magazin "Literaturen"

Von einer, die auszog, das Rezensieren neu zu erfinden. So trat Sigrid Löffler seit ihrem Abgang von der Zeit vor einem Jahr auf. Dort wollte sie das Debattenfeuilleton neu erfinden, scheiterte aber vorzeitig, angeblich an einer Intrige. Nun also das ganz neue Buchfeuilleton. Künder des Neuen haben es immer schwer. In Grossbritannien entpuppt sich gerade Anthony Giddens Dritter Weg als ganz normale Machtpolitik neoliberaler Prägung. Gemessen an Löfflers apodiktischer Fanfare vom Abschied von der "Rezensionsmonokultur" wirkt ihr Dritter Weg zwischen dem strengem Urteil und der flotten Begleitschreibe seltsam vertraut.

Das lag zum einen daran, wo man das neue Journal für Bücher und Themen vorstellte. Berlin ist nicht arm an Orten, an denen sich das Neue hervorzubringen sucht. Doch ausgerechnet in die Bar jeder Vernunft - den Inbegriff der Amüsierhölle des selbstverspielt absterbenden Westberlin vor dem Mauerfall hatte der Friedrich Berlin Verlag gebeten, der seiner Kunstzeitschriftensammlung von Theater heute bis BallettTanz nun auch noch die Buchwelt anschliessen will. Der symbolische Missgriff ist schwer verständlich, vor allem wenn die erste Nummer "Die Erfindung des Ostens" übertitelt ist. Mehr noch rührte der Eindruck des Herkömmlichen aber von der gut gemachten Schülerzeitung, die da auf einem Thron enthüllt wurde.

Literaturen benennt das zerfranste Feld, in dem sich der verbindliche Kanon, die hohe und die niedrige Kunst und die Dominanz des Westens in einem weltweiten Feld hybrider Leseleidenschaften aufzulösen beginnen, gut. Es vermag ihm aber kein Bild zu geben. Verstoppeltes Titelbild, meist zweispaltiges Lay-Out ohne Experimente, unvorteilhaft angeschnittene Autorenpassfotos, die von der Werbung kaum zu unterscheiden sind - schon optisch wirkt das graubebilderte Magazin, als wollte es sich mit letzter Kraft an eine Schriftkultur klammern, die im Zeitalter der Bilder zu verschwinden droht, anstatt deren sinnliche Potenzen grosszügig und kreativ für das Buch zu erschliessen - ein unverhoffter Wiedergänger der altlinken Kommune.

Der Titel verspricht eine neue Vielfalt. Doch den Kessel Buntes aus Interview, Autorenporträt, Sammelbesprechungen und Kolumnen exerziert die Literarische Welt nun seit geraumer Zeit auch schon ganz ordentlich vor - nur bunter. Löffler war schlecht beraten mit ihrer raunenden Rhetorik des Neuen, die dem Projekt die nötige Aufmerksamkeit sicherte. Hätte sie eine solide Serviceleistung angekündigt, die die derzeit gängigen Schreibarten zusammenfasst, wäre ihr grosser Beifall sicher gewesen. Denn das leistet das Heft. Kompakt, übersichtlich füllt es eine Marktlücke für Orientierungsbedürftige. Doch das rezensorische Ei des Kolumbus hat es nicht neu erfunden. Auch der Marktwiderstand bleibt so mild wie die Minzsoße des abendlichen Empfangs. Die Chefin, hinter deren tantenhaftem Auftreten eine scharfe und bewegliche Intelligenz lauert, wurde im Vorfeld nicht müde, den "schnelldrehenden" Markt zu geisseln. Das mit Hilfe der schnelltickenden Werbeabteilungen aller Verlage zum "Medium der Entschleunigung" beförderte Produkt ist aber die ganz normale Herbstschau der Neuerscheinungen in einem Meer guter, aber höchst klassischer Einzelrezensionen von Michael Ondaatje bis Tristan Egolf. Samt dem obligatorischen Polenschwerpunkt zur Frankfurter Buchmesse, mit dem uns in vier Wochen alle anderen Blätter auch langweilen werden. Einzig die Reportage über den französischen Autor Daniel Pennac liefert eine wirkliche Entdeckung. Und wo sind die Bücher, die fünf Jahre alt, aber immer noch lesenswert sind?

Vielleicht ist das eigentliche Kreuz mit dem reflektierenden Journalismus, der Löffler vorschwebt, dass man ihn ständig neu erfinden will, statt ihn halt einfach gut zu machen. Homi Bhabhas Plädoyer für das "Recht zu erzählen" ist gewiss ein sehr guter Text. Aber die funkelnde Neugeburt des Essays aus dem Geist des New Yorker und der New York Review of Books ist er auch nicht. Und auf was der Leser am meisten wartet, sind die wirklich überraschenden neuen Einsichten, die aus überraschenden Begegnungen herrühren könnten. Am Montagabend lachte in der Bar alles von Hilmar Hoff- bis Michael Naumann herzlich über Ignaz Richters glänzend vorgetragenes Musil-Zitat von der Welt der Kultur als "hermetisch gegeneinander abgedichteten Kreisen". Doch mit den üblichen Verdächtigen von Verena Auffermann bis Thomas E. Schmidt bleibt das ganz neue Magazin in weiten Teilen eine Neuauflage des ganz alten Betriebs.

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