Neue Anarchisten

Projektionsfläche Fritz H. Dinkelmanns Roman „Die Kanzlerin“ passt nicht nur zum Wahlkampf

Wir wählen die Kanzlerin. In der Endphase des Wahlkampfs setzt die CDU ganz auf ihre größte Trumpfkarte. Von den Plakatwänden lächelt die Amtsinhaberin wie in Breitwandcolor. Unsympathisch wirkt die ältere Dame in dem pistaziengrünen Kostüm nicht: Eine Mischung aus Businesswoman und Gemeindeschwester, halb fürsorglich, halb entwaffnend. Wer sich auf dieses Lächeln einlässt, gerät in einen kollektiven Sog: Die erste Frau in diesem Amt werden wir doch wiederwählen...

Merkels Bild ist inzwischen fast so omnipräsent wie einst das Konrad Adenauers. Zwei Mal hintereinander wurde sie von einem amerikanischen Magazin zur mächtigsten Frau der Welt gewählt. Und trotzdem musste der Schriftsteller Georg Klein kürzlich in einer Analyse dieses Phänomens immer wieder den Satz wiederholen: „Wir kennen Angela Merkel nicht“.

Das hat fast etwas Beunruhigendes. Aber gerade weil diese Frau so unfassbar bleibt, gibt sie eine ideale Projektionsfläche ab. Karrierefrauen können sich genauso auf sie beziehen wie Rentnerinnen, Liberale ebenso wie Antikommunisten.

Vielleicht war es diese wattierte Unbestimmtheit, die Fritz H. Dinkelmann zu seinem Buch Die Kanzlerin animiert hat. Er erfindet sich jedenfalls eine Regierungschefin, die so garnicht dem landläufigen Klischee vom ungelenken politischen Aschenputtel entspricht.

Zwar kann auch seine Kanzlerin ganz „gut in Deckung gehen, wobei ihre Körpersprache das meistens auch klar signalisierte, wenn sie die Schultern vorzog und nach vorne drückte und den Kopf senkte“. Notfalls kann sie aber sehr direkt sein: „Karten auf den Tisch“ blafft sie ihre Behördenchefs einmal an. Ansonsten liebt sie ironisch-philosophische Dialoge mit ihrem Berater Johannes Kranich, mit dem sie sogar im Volkspark Hasenheide spazieren geht.

Xenia

Nicht nur, wenn er ein Schnitzelessen der Kanzlerin im Prominentenlokal Borchardt schildert, merkt man Dinkelmanns Prosa das Erfahrungsgesättigte an. Der 1950 in Zürich geborene Autor ist seit vielen Jahren Korrespondent für Schweizer Zeitungen und das Schweizer Radio in Berlin. Er ist ein intimer Kenner des Berliner Politikbetriebs, auch wenn er zu seinen Protagonisten auf Abstand hält. Und deshalb kann man manche Diskussionen in diesem Roman auch als Indizien für die Stimmung in dem realen Betrieb lesen.

Etwa wenn er ein paar CDU-Politiker beim Bier über die Kanzlerin herziehen lässt: Sie habe die Partei ruiniert, sei aber „unantastbar“. Fast prophetisch wirkt es, wenn er den SPD-Chef bei seinem FDP-Kollegen für eine Ampelkoalition mit der Warnung werben lässt, „Kater Wowi“ werde die nach der Wahl erneuerte Große Koalition nach einem Jahr durch eine Rot-rot-grüne ersetzen. Doch was soll man eigentlich von einer Literatur halten, die der Realität zum Verwechseln ähnlich sieht?

Dinkelmanns Kanzlerin hat keinen Namen, nur der russische Präsident Putin, der mit Klarnamen auch auftaucht, darf sie Xenia nennen. Der Rest entspricht dem Berliner Politpersonal von Kurt Beck bis Guido Westerwelle. Trägt aber Fantasienamen. Frank-Walter Steinmeier, Merkels Herausforderer im realen Wahlkampf, heißt in der Fiktion Jeremias Schiller. Innenminister Schäuble muss als Benedikt Eisele in einem Staatsnotstand zum Deutschen Volke sprechen. Man muss sich das ästhetische Prinzip des Romans wie eine Milchglasscheibe vorstellen, die man vor eine reale Kulisse gestellt hat. Die Protagonisten sind zwar kenntlich, agieren aber wie Schatten mit doppeltem Umriss. Und werden dadurch offen für alternative Interpretationen, Spekulationen, Projektionen.

Die Frage ist nun, was Dinkelmann damit bezweckt: Für eine reine Kanzlerinnenfantasie ist der Roman mit über 600 Seiten ­etwas lang. Und psychologische Tiefe ist Dinkelmanns Stärke nicht. Selbst der aufgegeilte Schlagabtausch, den sich der Redenschreiber Filip Loderer aus dem Bundespresseamt im erotischen Chatroom mit dem virtuellen „Hürchen“ Jenny liefert, wirkt auf die Dauer ermüdend. Zöge man die bekannte Kulisse weg, vor der der Roman funktioniert, blieben nicht viel mehr übrig als papierene Dialoge und Pappkameraden.

Eine Verschwörung

Auch für einen literarischen Exkurs über den Zynismus in der Politik oder das Individuum und die Macht gibt das Buch wenig her. An vergleichbare Vorläufer wie Wolfgang Koeppens Roman Das Treibhaus, der 1953 erschienenen Geschichte des melancholischen SPD-Abgeordneten Felix Keetenheuve, der erfolglos gegen Adenauers Wiederbewaffnungspolitik kämpft, reicht Dinkelmanns Die Kanzlerin nicht heran.

Seinen Absichten kommt womöglich näher, wer einer Unterhaltung der Kanzlerin mit ihren Geheimdienstchefs lauscht. Die sind schon länger einer Verschwörung auf der Spur: Einem Anschlag auf die Politiker der Berliner TV-Runde am bevorstehenden Wahlabend. Im Zuge ihrer Recherchen haben sie aber eine noch viel bedrohlichere Gefahr ausgemacht. Nicht islamische Terroristen gefährden die Demokratie. Sondern die ganz normalen Bürger. Immer mehr Menschen, so sorgen sich die Dienste, seilten sich aus der Politik ab, zögen sich in Inselgemeinschaften mit eigenen Strukturen zurück: Wohnwagenkolonien, Schrebergärten, Universitäten. Der Staat werde „ausgeknipst wie eine Glühbirne“.

Kai Auerbach, Chef des Verfassungsschutzes fasst zusammen: „Am ehesten haben wir es in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern mit dem zu tun, was man früher als Individualanarchismus bezeichnet hat, als Extremform des Liberalismus“.

Der mündige Bürger als klammheimlicher Anarchist: Das ist nun ein wirklich großes Thema, das an Colin Crouchs These von der „Postdemokratie“ erinnert. Der britische Politologe meint damit ein politisches System, dessen Institutionen zwar weiterhin formal existieren, das aber nicht länger mit Leben gefüllt wird – also eine Ermattung der Politik von innen. Dominiert wird sie von den großen Lobbygruppen und charismatischen Führern.

Komplott im Netz

Das Problem ist nur, dass Dinkelmann diese unsichtbare Erosion in die Form des Thrillers gepackt hat. Da schrumpft ein Jahrhundertthema auf James-Bond-Format. Die Kanzlerin erhält ominöse SMS, in der ihr eine große Gefahr angekündigt wird. In ihrem engsten Umfeld kommt es zu mysteriösen Todesfällen. Auch Regierungssprecher Kordian von Aretin hat seine Finger in dem Komplott, das eine Gruppe namens Cookie im Internet schmiedet. Ein Hauch von Batman liegt in der Luft, als die Kanzlerin sich die Fingernägel genauso weiß lackiert wie die vielen Toten in diesem Roman. Ihren spektakulären Höhepunkt erreicht die Geschichte, als sie sich mit einigen Ministern zu einem Betriebsausflug in die Schweizer Alpen aufmacht.

Das ist nun wieder der Spießerblick auf die Pathologie der Politik: Hinter der biederen Kulisse der Demokratie spielen sich finstere Machenschaften ab. Der Kältetod der Demokratie entlädt sich in einem gewaltigen Action-Coup. Darüber schwebt eine etwas schlichte Erkenntnis: „Alle lügen in der Politik“. So naiv, wie sich die fiktive Kanzlerin einmal bei ihrem Berater Kranich über die Sitten in ihrem Metier beklagt, ist nun aber selbst die echte Angela Merkel nicht. Auch wenn sie auf den Plakaten manchmal so aussieht.

Fritz. H. Dinkelmann. Roman. Lenos, Basel 2009, 624 S., 24,90 Die Kanzlerin

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09:30 27.09.2009
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