Regenbogen in Prenzlauer Berg

Suhrkamp Kein Weltgeist, nirgends: Auf der Einweihungsfeier des neuen Suhrkamp-Domizils in Berlins Prenzlauer Berg ging es gestern betont nüchtern zu

Sehnsucht, Ferne. Glaubt man der Farbtheorie, dann steht Blau für diese Werte. Und man fragte sich, was uns der Suhrkamp-Verlag damit sagen wollte, dass er vor seinen neuen Verlagssitz in Berlins Prenzlauer Berg eine große, blaue Standarte gestellt hatte. Und in den neuen Büros im vierten und sechsten Stock blaues Linoleum hatte verlegen lassen.

Bisher war Berlin die große Sehnsucht von Ulla Unseld-Berkéwicz. Jetzt, wo sie endlich dort angekommen ist, bräuchte sie sich doch nicht mehr so romantisch sehnen nach der fernen Metropole der Kreativen und „Resilienten“, der Widerständigen des Geistes. Jetzt hätte sie sich doch ein bisschen farbenbunter freuen können. Und das klassizistisch Suhrkamp-Outfit mit einer weniger strengen Corporate Identity schmücken können.

Gut, ein kleiner Eiseshauch ist in Blau immer mit drin. Und insofern passte die Farbe dann doch für den Eröffnungsempfang im Hof des alten Finanzamtes, in dem schon Durs Grünbein seine Steuererklärung abgegeben haben soll. Hellste Wintersonne glänzte über Berlins Prenzlauer Berg. Ein eisiger Wind fegte durch die Pappelallee. Und die ganzen Prominenten mit blau gefrorenen Nasen und dicken Winterjacken konnten sich über den blauen Teppich in das sehr enge weiße Zelt im Hinterhof des unscheinbaren Verwaltungsgebäudes quälen.

Selbst Richard von Weizsäcker und Gregor Gysi legten den Mantel nicht ab. Uwe Tellkamps klitzekleiner Sohn lugte unter mehreren Schichten Decken im Kinderwagen zu seiner Mutter herauf. Und die Verlagschefin mit Reitstiefeln, halblangem Mantel mit Pelzkragen und schwarzer Berbermütze gab die bekannte Mischung aus beherzter Donkosakin und entrückter Eisprinzessin.

Schnittchen und O-Saft

Suhrkamp ist und bleibt nun mal der deutsche Geistesolymp. Gemessen an diesem Status ging es mit Schnittchen und Orangensaft ausgesprochen asketisch, betont nüchtern zu. Das Glas Sekt war noch das Prickelndste, was den Gästen dieses Empfangs widerfuhr. Von einer geistigen Zäsur in der Kulturgeschichte der Republik war nichts zu spüren. Auch nicht, als der meist eher unpoetische Kulturstaatsminister Bernd Neumann den „Weltgeist“ aus Hermann Hesses Gedicht Stufen bemühte, der sich nicht fesseln lässt, nicht an der Heimat wie an einem Raum hängt und nur Aufbruch und Reise kennt.

Immerhin die rhetorischen Grillen der Verlegerin waren weniger opak als sonst: Den Suhrkamp-Verlag „volkseigen“ zu nennen, war sicher nicht nur eine artige Verbeugung vor der zahlreich erschienenen DDR-Prominenz. Volker Braun oder Christoph Hein, die in Frankfurt immer irgendwie am Rand standen, hatten in Berlin plötzlich Heimvorteil und blühten sichtbar auf. Wenn mit diesem „volkseigen“ die „neuen Arbeitsformen“ gemeint waren, „die zu neuen Literaturformen führen“, wie Berkewicz jüngst in einem Interview orakelt hatte, eröffnen sich womöglich wirklich ganz neue Perspektiven – Geistesolymp in Volkeshand.

Eine unterkühlte Feier am Dienstagmittag, statt eines rauschenden Festes am Abend, die karge Kulinarik, der Verzicht auf Hochprozentiges: Ganz offenbar sollte partout der Eindruck vermieden werden, hier ginge es allzu verschwenderisch oder ekstatisch zu. Schließlich war der Umzug teuer. Von der Bundesregierung aber nicht gefördert, wie Bernd Neumann ausdrücklich klarstellte.

Dass Martin Walser unter den Gästen weilte, war fast noch das politischste Signal. Vor acht Jahren hatten er und Berkewicz wegen seines angeblich antisemitischen Romans Tod eines Kritikers mit ihm gebrochen. Nun stieß er plötzlich gut gelaunt mit Thea Dorn, Peter Handke und Hans-Magnus Enzensberger im Dachgeschoß an, letzterer mit einer coolen Piloten-Sonnenbrille bewehrt.

In einem endlos schmalen Schlauch von Raum verdichtete sich die berüchtigte Suhrkamp-Kultur derart, dass man ohnmächtig hätte werden können. Claus Peymann war jedenfalls nahe dran. Nur Rainald Goetz war in der Hochdruckkamer in seinem Element und hielt, was sein letztes Buch versprach: Loslabern. Derweil probten Ulla Unseld-Berkéwicz und Klaus Wowereit schon mal die Umarmung von Geist und Macht in der Berliner Republik. Vor dem riesigen blauen Schild mit all den illustren Autorennamen, das im Hof aufgestellt war, fielen sie sich für die Fotografen um den Hals. Kann man sich lebhaft vorstellen, dass Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth jetzt „traurig“ ist, wie Klaus Wowereit in seiner Begrüßungsrede krokodilstränenmäßig gemutmaßt hatte.

Ansonsten war die Stimmung buchmessenkompatibel. Nur halt über den Dächern Berlins. Statt auf die Paulkriche schaut man jetzt auf die Gethsemanekirche. Auch die Inspektionsreisen der Gäste in die klinisch sauberen Büros förderten kein Geheimnis zu Tage, das diesen merkwürdigen Status von Suhrkamp als intellektuelle Instanz letztgültig erklärt hätte. Kein Weltgeist, nirgends. Nur Aktenordner, Kopierer, Bücherwände im Regenbogenformat.

Hinter dem Empfang grüßen die Hausheiligen von den Wänden: Siegfried Unseld und Peter Suhrkamp. Aber alle, die man fragte, was das denn nun zu bedeuten habe, dass das Flaggschiff West in den Osten umgezogen sei, sagten achselzuckend, „Im Grunde ändert sich für uns ja nichts.“ Nur manche Autoren werden ihr nächstes Buch jetzt wohl mit der U-Bahn vorbeibringen können.

Bioläden und Coffeeshops

So kehrte man schließlich wohltuend ernüchtert zurück von einem quasi ereignislosen Mega-Ereignis. Ob der Verlag von dem Sound der Transformation profitieren wird, den eine Reihe von Autoren am Wochenende zuvor als Standortvorteil der Stadt gepriesen hatten, wird sich zeigen.

Von der „scharfen, wendigen, skeptischen Geisteslust Berlins“, die Suhrkamp-Gründer Peter Suhrkamp in den fünfziger Jahren so an der Stadt geschätzt hatte, war allerdings wenig zu spüren am frühen Nachmittag auf dem Weg zurück zur U-Bahn. Im Frankfurter Westend war Suhrkamp von Banken umzingelt. In Berlin dominieren Bioläden, Coffeeshops und hippe Klamottenbuden. Doch in der Szenerie, in der sich zu DDR-Zeiten die subversive Boheme tummelte, tummelt sich jetzt das Neue Bürgertum.

Um sich von Suhrkamps Suchtstoff beflügeln zu lassen, hätte man doch an den Moritzplatz im kaputten Kreuzberg gehen müssen, wo sich diverse Flaggschiffe der Kreativwirtschaft zu einer kritischen Masse zusammenschieben. Oder an das Kottbusser Tor. Da sind zu dieser Tageszeit schon die meisten Resilienten blau.

11:00 27.01.2010
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