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DAS JAHR 2000 FINDET NICHT STATT Elastisch ins Jahrtausendchaos

Das magische Wort gewinnt die Oberhand über das semantische Wort". An diesen Satz Ernst Cassirers über die Gesellschaft der Zukunft, wo sich der zurückgekehrte Mythos mit der neuen Technik verbündet, fühlt man sich bei dem Millenniumsfieber erinnert, das einen derzeit umbrandet. Die Geschichte schert sich normalerweise ja einen Dreck um das Dezimalsystem. Trotzdem überformt ein willkürlich gesetztes Datum, das andere Zeitrechnungen völlig kalt lässt, alle, noch die profansten Ausformungen des Alltags. Kein Ende der Endzeitprodukte, die den wonnigen Schauer vermarkten, der sich aus allgegenwärtiger Apokalypse und vager Zukunft mischen lässt. Das Millenniumsbaby, das Tony und Cherie Blair fristgerecht gezeugt haben, dürfte sich in ein paar Jahrzehnten bei seinem Therapeuten bedanken dafür, wie es jetzt als Potenztest der Neuen Mitte bejubelt wird. Die Mischung aus Genusssucht und gutgelauntem Fatalismus, die das popkulturelle Quintett der Jungautoren Stuckrad-Kracht derzeit abspult, ist so neu nicht. Sie grundierte noch jede eingebildete Endzeit. Aber die Inszenierung der geölten Jungs ist ungefähr von so gehobener Blasiertheit, wie kürzlich die Kür der Miss Millennium. Da sehnt man sich geradezu nach der Dekadenz des guten alten fin de siècle.

Doch all die Endzeitfetische, vom strahlenden Londoner Millenniumsdom von New Labour bis zum pappenen Rechenschieber 2000, den man jetzt an der Kasse bei Tengelmann in die Hand gedrückt bekommt, entpuppen sich meist nur als Schablonen, die von nichts Neuem künden, mal glanzvoll, mal glanzlos beschworene Leere. Auch die Jahrtausendchance Rot-Grün wurschtelt sich weiter durch bis zum nächsten Stolperschritt. Dass die ganz kühnen Zukunftsentwürfe fehlen, ist das Schlimmste nicht. So dick wie die Asche der verbrannten Hoffnungen auf fast allen aufgetragenen utopischen Hüllen des letzten Jahrhunderts liegt, muss man unbedingt dem Popliteraten An dreas Neumeister Recht geben. Für den ist es, schreibt er in seinem Roman Gut laut, höchste Zeit, dass dieses "schlimmste Katastrophenjahrhundert aller Katastrophenjahrhunderte" endlich zu Ende geht. Zum Glück entwirft niemand mehr Modelle für die Glasstädte der Zukunft. Über den technoiden Eifer, mit dem amerikanische Zukunftsforscher wie Hermann Kahn anno 1967 kybernetische Modellrechnungen für die "nachindustrielle Gesellschaft in der Standardwelt" des Jahres 2000 aufstellten, lächelt man heute. Die Matrix, so einer der aufschlussreichsten Filmerfolge dieses Jahres, die soziale Textur unserer Realität, ist virtuell und beherrscht die Menschen doch. Future was a fiction. "Was wir Zukunft nannten, war ein Fernsehbild" stellt der Berliner Lyriker Björn Kuhligk ernüchtert fest. Warum an so etwas Unfassbarem, das sich bei Berührung zerdehnt wie ein zerlaufender Spiegel von Salvador Dali und nur sich selbst reflektiert, herumbasteln?

Halten wir uns also an das Unzusammenhängende. Das gegenwärtige Chaos zentrifugaler Kräfte, so jüngst der amerikanische Schriftsteller Gore Vidal wie in einem letzten Schlag gegen die Nachwirkungen des Zarathustra, ziehe er jeder Hoffnung auf neue Kosmen vor. Ein so grandioses Unternehmen wie im Jahr 999, als König Otto III. und sein als Sylvester II zum Papst aufgestiegener französischer Lehrer Gerbert ein neues europäisches Reich gründen wollten, ist die Europäische Union von Schröder und Prodi nicht. Höchstens die Demut, mit der alle vor ihrem Hausgott Euro auf die Knie fallen, trägt Züge einer Heilsidee. Fragt sich allerdings, wieviel Chaos der ungeklonte Mensch aushalten kann.

"Ich freue mich wahnsinnig auf den Zeitpunkt, an dem das 20. Jahrhundert endlich vorbei ist." Mit diesem Bekenntnis verscheuchte Andreas Neumeister alle apokalyptischen Reiter. "Das Jahr 2000 findet nicht statt", der Kampfruf, mit dem die antiideologischen Stadtmusikanten von heute sich gegen schwere Visionen sperren, muss keine generelle Absage an jede Idee bedeuten. Schließlich, so Neumeister, gab es im alten Millennium auch "jede Menge Brauchbares", das man "ausschlachten" kann. Aber vor allem ließe sich vielleicht Luft aus dem Heißluftballon der Großheilserwartungen lassen. Tausendjährige Reiche halten nicht lange. Lernt vom Pop! Remodelt das Korsett zum Gummiband! Elastisch käme man womöglich besser durch im Chaos des nächsten Jahrtausends. Kommt mit, sagte der Hahn, etwas besseres als Millennium werden wir da überall finden.

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