Revolution ohne Basis

Türkei Perry Andersons „Nach Atatürk“ ist ein historischer Essay in politischer Absicht – und ein brillantes Sachbuch

Autoritäre Modernisierung“. Als der Chinese Hou Hanru vor zwei Jahren mit dieser These die 10. Istanbul-Biennale kuratierte, betrat er vermintes Gelände. Die Brisanz seiner Charakterisierung der kemalistischen Revolution ging im Trubel der Eröffnung zunächst unter. Doch einige Wochen später warf die Dekanin der Fakultät der Schönen Künste an der als vergleichsweise progressiv bekannten Marmarauniversität Hanru das Standard-Vergehen vor, Atatürk und die türkische Republik beleidigt zu haben und so „über die ganze Biennale einen Schatten geworfen zu haben“.

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Für den britischen Historiker Perry Anderson hätte Hanru mit seiner Analyse des Kemalismus den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn zu den drei Geburtsfehlern der türkischen Republik zählt er genau diese Modernisierung von oben. In seinem jüngst erschienen Buch Nach Atatürk ordnet er die Umwälzungspolitik Mustafa Kemal Paschas zwar als „bis heute einzigartig in der Welt der Muslime“ ein. Doch die kühne Abschaffung von Fez, Kalifat und arabischer Sprache stand für Anderson insofern in der Tradition des hinweggefegten Regimes, als sich darin genau dieselbe Distanz zu den Massen ausdrückte wie unter der osmanischen Herrschaft. Andersons unbestreitbarer Schluss: „Der Kemalismus blieb eine vertikale Angelegenheit“.

Das Buch des 1938 geborenen Wissenschaftlers darf man sich nicht als Geschichtsbuch der klassischen Art mit vielen Jahreszahlen vorstellen. Nach Atatürk ist ein historischer Essay in politischer Absicht. Der Marxist Anderson, der sich als Historiker des Absolutismus einen Namen gemacht hat, lehrt heute in Los Angeles. Joachim Kalka hat die bösartige Eleganz Andersons und seine sarkastischen Analogien hervorragend ins Deutsche herüber gerettet. Den EU-Beitrittskommissar Olli Rehn verspottet der Historiker – im englischen Original - als „boyish streber from finland“. Über den Militärputsch von 1980 schreibt Anderson: „Verglichen mit der Herrschaft von Kenan Evren … war die Regierung Jaruzelskis überaus milde. Das gute Gewissen Europas ging darüber hinweg.“ Trotzdem bleibt der schmale Band, der im letzten Jahr als dreiteilige Artikelfolge in der London Review of Books erschien, ein unerbittlich genaues, gut lesbares Standardwerk, das höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.

Revolution ohne Landreform

Im Westen wird der 1881 geborene Atatürk samt seinem Staat trotz der Widerstände gegen den EU-Beitritt, durchaus geschätzt. Obwohl er in eine Reihe mit den großen Revolutionären des 20. Jahrhunderts, mit Mao, Lenin, Stalin oder Ho Chi Minh gehört. Diese unterschwellige Sympathie hängt natürlich damit zusammen, dass Kemals Revolution das Land verwestlichen sollte. Vielleicht aber auch mit der eher unbekannten Tatsache, dass sich die „türkische Revolution“ von denen in Russland oder China dadurch unterschied, dass keine soziale mit ihr einherging. Eine nennenswerte Landreform hat es in der Türkei bis heute nicht gegeben.

Unter dem Gesichtspunkt von Herrschaftstechnik und sozialer Grundlage mag man also Andersons Fazit zustimmen, dass Atatürks Herrschaft ein „Regime ohne Massenbasis“ war. In einem Punkt widerlegt er sich selbst. Denn dieses soziale Defizit wurde mehr als kompensiert durch jene Integrationsideologie, die Anderson so prägnant beschreibt. Ob der bürgerliche (später hingerichtete) Politiker Adnan Menderes, ob der Sozialdemokrat Ecevit, der neoliberale Turgut Özal oder der islamische Politiker Tayyip Erdogan an der Regierung waren. „Eine Fahne, eine Nation, eine Sprache, ein Staat“ – das martialische Credo des „integralen Nationalismus“, den Atatürk zur Basis seines Staates gemacht hatte, skandierten sie alle. Akribisch rechnet Anderson die Verfolgung, Ausrottung und andauernde Diskriminierung von Minderheiten auf, die dieser Nationalismus zu legitimieren half. Der Massenmord an den Armeniern rangiert für Anderson noch vor dem Holocaust: „Der eine Genozid war der Wahnsinn einer Herrschaftsordnung, die verschwunden ist. Der andere war der Gründungsmoment eines Staates, der überdauert hat“.

Dessen bis heute andauernde Leugnung hält Anderson – ganz zu Recht – für einen ähnlichen schwerwiegenden Geburtsfehler der Republik wie den falschen Säkularismus. In seinem Bestreben, die Religion zu kontrollieren, habe der „robuste Atheist“ Atatürk die Religion erst verstaatlicht, dann aber zunehmend als Identitäts-Füllstoff für das „dubiose Konstrukt“ seiner erfundenen Nation instrumentalisiert. Zusammen mit der „Sakralisierung des Staates“ sei jene „pervertierte Dialektik von Staat und Religion“ entstanden, die die Türkei heute noch beherrscht. Die Entwicklung der Religion als „unausgesprochener Definition des Nationalen“ hallt in dem legendären Satz des Putschgenerals Evren nach: „Laizismus bedeutet nicht Atheismus“, den Anderson zitiert. Die Mär vom Militär als „Hüter des Säkularismus“ sieht man bei diesem Bekenntnis in einem anderen Licht.

Aus der Feder eines britischen Linken so scharfe Kritik an einem veritablen Kulturrevolutionär und Republikaner zu lesen, ist einigermaßen überraschend. Schärft aber den Blick für die Schattenseiten der Modernisierung und die Dimension dess EU-Beitritts der Türkei. Bürgerliche Historiker sind da milder. Atatürks Biograph, der Bamberger Turkologe Klaus Kreiser, bewertet die – unbestreitbaren – Kulturleistungen Atatürks insgesamt höher als den „Brandhorizont“ seiner Kriege im Vorfeld der Republikgründung (Freitag 46/08).

In seinem Bemühen, die „Naivität des Bilderbogens“ zu konterkarieren, den die Befürworter des türkischen Beitritts zur EU von dem Land zeichneten, überzieht Anderson allerdings gelegentlich. Etwa, wenn er die Türkei als „Abkömmling eines imperialen Staates“ mit dem „Ideal fortwährender Kriegführung“ charakterisiert. Atatürk selbst gab das bis heute mantraartig wiederholte Motto aus: „Friede zu Hause. Friede in der Welt“ und verfolgte eine strikte Neutralitätspolitik.

Sein Nachfolger Ismet Inönü lavierte das Land mit seiner Schaukelpolitik an der Seite der Nazis durch den Zweiten Weltkrieg. Großmachtpläne verfolgte die Türkei aber nicht. Trotzdem wird man Anderson kaum widersprechen können, wenn er feststellt: „Ein integraler Nationalismus, der nie davor zurückschrak, die Armenier auszurotten, die Griechen zu vertreiben, die Kurden zu deportieren und die dissidenten Türken zu foltern, und der immer noch sehr viele Wähler auf seiner Seite hat, ein Machtfaktor, den man nicht leichtnehmen sollte.“ Dieser Nationalismus ist auch die Ursache für den gordischen Knoten namens „Zypern-Problem“, den Anderson in einem Kapitel historisch-ideologisch überzeugend entwirrt. Diese immer und überall leicht zu entzündende, kollektive Mentalität in dem Land am Bosporus wird auch kein noch so ehrgeiziges Reformpaket irgendeiner türkischen Regierung für die EU über Nacht abschaffen können.

Projekt der Eliten

Andersons Text liest sich stellenweise wie eine argumentative Steilvorlage für Gegner des türkischen EU-Beitritts. Aber die Gemeinschaft sieht er sowieso skeptisch. Er reduziert sie auf ein Projekt der kapitalistischen Eliten, zählt deren Interesse an neuen Märkten und billigen Arbeitskräften auf, an dem „geopolitischen Bollwerk“ Türkei an einer neuralgischen Ecke der Weltpolitik und als „Kampf-der-Kulturen“-Prophylaxe. Gesteht aber zu, dass die türkischen Armen und die Minderheiten im Land von den sozialen und kulturellen Rechten der EU profitieren würden.

Dass nun ausgerechnet der Zuwachs an kritischen Intellektuellen, die durch die Auseinandersetzung mit Staat und Militär geprägt wurden, diese Stamokap-EU umzukrempeln vermöchte, kommt einem da wie die Überbaufantasie eines Materialisten vor. Jedenfalls setzt Anderson darauf: „Die Textur der Europäischen Union würde in der Tat reicher durch die Ankunft so vieler starker und kritischer Geister und durch die Würde und Höflichkeit so vieler gewöhnlicher Menschen“. Wie kritisch sie im eigenen Land auftreten dürfen, dürfte sich Anfang September zeigen. Dann eröffnet die 11. Internationale Istanbul-Biennale.

Perry Anderson. Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Berenberg, Berlin 2009, 184 S., 19

11:55 02.07.2009
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Ausgabe 23/2020

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