Sturm über Tel Aviv

Trauma Nir Barams Roman „Der Wiederträumer“ ist eine Parabel auf die geistige Situation Israels und den Verlust des einstigen Pioniergeistes

Die Schöne. Die Hebräische. Mehrere Namen standen zur Auswahl, als die Bewohner des Küstenorts Achusat-Bajits im Frühling 1910 auf einer Vollversammlung zusammenkamen. Schließlich entschieden sich die jüdischen Siedler in Palästina, unweit von Jaffa, für Tel Aviv – Hügel des Frühlings. Den Namen hatten sie im biblischen Buch Ezechiel gefunden, wo Tel Aviv einen Ort in Babylonien bezeichnet, an dem der Prophet seine Offenbarungen über die Rettung Israels empfängt.

Es bedarf keiner großen Deutungskunst, einen Roman, in dem diese Frühlingsstadt von einem Wintersturm heimgesucht wird, in dem der Himmel am Morgen schwarz bleibt und am Ende eine Epidemie ausbricht, als Metapher für die geistige Situation Israels zu lesen. Und nicht bloß als den Versuch, ein israelisches Pendant zu Frank Schätzings Schwarm zu liefern. Was aber insofern verwunderlich ist, als Der Wiederträumer von einem Mann geschrieben wurde, von dem man annehmen könnte, er habe besseres zu tun, als in Apokalypsen zu schwelgen.

Ewige Party

Der 1977 geborene Autor Nir Baram sieht mit seiner modischen Ponyfrisur, den stets schicken T-Shirts und dem Silberring an Finger wie einer jener sehr jungen Menschen aus, die in der Tel Aviver Sheinkin-Straße oder im Szeneviertel Neve Tzedek den lieben langen Tag im Café sitzen und Handys ans Ohr halten, um sich mit ihren Freunden zum abendlichen Ausgehen zu verabreden. Israel als Staat mag unter den Jugendlichen der Welt als Besatzermacht verschrien sein. Tel Aviv verteidigt den Ruf einer hippen Metropole, in der alle die ewige Party feiern.

Doch der junge Schriftsteller ist so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, was das Äußere zu signalisieren scheint. Baram entstammt einer berühmten Politikerfamilie der israelischen Arbeiterpartei. Sein Vater war Minister unter Yitzhak Rabin. Der Sohn agiert als Bürgerrechts-Intellektueller. 2006 organisierte er eine Anti-Kriegs-Petition. Vergangenen Sommer machte er gegen ein Gesetz zur Abschiebung von Darfur-Flüchtlingen mobil.

Totzdem ist auch an dem vorbelasteten Baram die Erosion des zionistischen Ideals, nicht spurlos vorüber gegangen. In seinem Debüt Purple Love Story (Freitag vom 24.3.2006) konterkariert er das eherne Siedler-Ideal mit der Indifferenz der Generation der Nachgeborenen. In seinem zweiten Roman ist nun aus der Frühlingshoffnung eine Eisblume geworden. Und auch das übrige Personal und Panorama von Der Wiederträumer sind Symbole der Desillusionierung, des inneren und äußeren Verfalls einer großen Utopie und der Gemeinschaft, die sie trug.

Da ist der Vater des Geschwisterpaares Alon und Lior, die in einer seltsam symbiotischen Beziehung in einer Wohnung in Tel Aviv leben. Von einem zionistischen Pionier verwandelte er sich im Laufe der Jahre zu einem korrupten Geschäftemacher. Da ist der Bettlerkönig, der die Armen und Entwurzelten sammelt. Da ist der Journalist Joel, der sich an seine Jugend im Jerusalemer Vorort Beth-Hakerem erinnert. Erst kommen in dem ehemaligen Kibbuz Amerika und die Konsumkultur an, dann die modernen Kinder aus der Innenstadt: „Die alte Welt zerfiel in ihre Bestandteile, sie wieder zusammenzufügen war nicht mehr möglich. So hatten sie auf einmal die Wohltat der Fragmentierung erhalten“.

Ins Komplexe verliebt

Das Zentrum des Romans bildet jedoch die geheime Fähigkeit Joels, die dem Roman den Namen gibt. Schon als Kind entdeckte er, dass er die Träume anderer nachträumen und wiedergeben kann. Und entwickelt daraus eine regelrechte Profession. So wie Baram mit diesem Motiv den Doppelcharakter des Traums als Speicher der Erinnerung und Medium des Kommenden entwickelt, macht er das Trauma des Landes am Mittelmeer sichtbar: Gefangen im Unbewussten, unfähig das Bild einer besseren Zukunft zu entwickeln. Gesucht wird einer, der den Menschen den Traum zurückgibt.

„Reine Abbildung ist langweilig“ hat Baram kürzlich in einem Interview seinen Versuch begründet, der Falle des Realismus zu entgehen. Dieser Autor ist ins Komplexe verliebt. So gekonnt, wie er dabei zwischen Traum und Realität, Geschichte und Gegenwart wechselt, scheint sich wenigstens in der israelischen Gegenwartsliteratur so etwas wie ein neuer Frühling abzuzeichnen.

Der Wiederträumer Nir Baram. Roman. Aus dem Hebräischen von Lydia Böhmer und Harry Oberländer. Schöffling, Frankfurt am Main 2009, 478 S., 24,60

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