Vergiss die Stadt, den Kiez, den Tod!

Feldbeobachtung Flughafengelände Tempelhof, Berlin Tempelhof heute: Himmel, Himmel, Himmel, Horizont, soweit das Auge reicht - der Nazi-Kleiderbügel von Flughafen ist weit weg

Der Himmel über Berlin ist ja eigentlich nur eine Metapher. Ungefähr so greifbar wie die Berliner Luft. Und doch ist er das erste, was jenen ins Auge fällt, die das Tempelhofer Feld zwischen Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof dieser Tage durch den Seiteneingang betreten: Himmel, Himmel, Himmel, Horizont, soweit das Auge reicht. Der Blick geht ganz automatisch nach oben. Der Nazi-Kleiderbügel von Flughafen ist weit weg, steht als graue Kulisse am Rand. Das riesige Gelände wirkt wie eine Installation von James Turrell in der Wüste von Arizona. Sie soll sehen lehren, was vor lauter Häusern sonst nicht mehr zu sehen ist: Den Himmel, die Weite, das Firmament. Vergiss die Stadt, den Kiez und den Tod. Vor dir liegen 389 Hektar öffentliches Grün. Unfassbar.

Die 18 pink lackierten, krummen Holzstäbe, die am Eingang im Boden stecken, sehen aus wie die weißen Stäbe, mit denen Isa Genzken vor ein paar Jahren der faschistischen Architektur des italienischen Pavillons auf der Venedig-Biennale antifaschistische Haare hat wachsen lassen. Direkt neben dem Gedenkstein für die 75 Männer, die bei der Luftbrücke vor sechzig Jahren gestorben sind, weisen die Stecken nach oben. Denn jetzt ist das Terrain eine Himmelsbrücke. Überall stehen Menschen und schauen. Statt Rosinenbombern steigen Drachen und Modellflugzeuge in den Himmel über Berlin.

Skaten, Radfahren, Spazierengehen, in die Luft starren. Das surreale Bewegungstheater auf der Flachwiese ist die performative Aneignung eines öffentlichen Raumes. Vierzig Jahre war das geschichtsträchtige Flugfeld, der Exerzierplatz der Kaiserzeit, das Projekt des Nazi-Größenwahns, das Symbol der Freiheit, ein Nicht-Ort, Mythos, Sperrgebiet. Wie nimmt man so etwas an? Jeder Baum wird wie ein Naturdenkmal bestaunt. Immer wieder der notdürftig geflickte Asphaltparcours abgeschritten. Jede zementierte Sackgasse verspricht Neuland und Geheimnis. Das Schöne: In so einem undefinierten Gelände lassen sich eigene Zeichen setzen. Und wenn es nur die Rauchzeichen des Barbecue sind.

Oder man kann sich einer Naturillusion hingeben. Wer in der mannshohen Schafgarbe sitzt, könnte auf den Gedanken kommen, auf einem Feld in Mecklenburg-Vorpommern zu sein, kurz vor der Ostsee. Bis der Blick auf den angefressenen grauen Telefonkasten fällt. Die silbern glänzenden Metallbolzen im Boden. Den rostroten Hydranten vor der alten Trafostation. Oder das Schild: Weiterfahrt ohne Funkkontakt zum Tower verboten!

Unmerklich zerfällt hier alles, ist nur noch Erinnerung an Funktion: „Relikte historischer Nutzung“ steht auf dem Schild an dem rot-weiß gekachelten Gebäude der alten Flugsicherung. Neben der alten Landebahn verrottet ein Übungsflugzeug der Flughafenfeuerwehr. Wilder Holunder überwuchert langsam den stumpf gewordenen Stahlleib, das Pilotenfenster und den aufgeschlitzten Rumpf. Der Kalte Krieg als Land-Art, Zeitgeschichte als Verfallsmasse. Ganz hinten, am Ende der Landebahn, da wo sich alles in spiegelnde Fiktion auflöst, stehen ein paar Strichmännchen und deuten nach links, nach rechts, nach oben. Vielleicht ergeben die Straßen, die ins Nichts führen, die gelben Zeichen und weißen Pfeile darauf, nur von oben einen Sinn. Gebrauchsanweisungen für die, die eines Tages zurückkommen: Spiegel in den Himmel.

Täglich von 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit. Kein Katalog. Freier Eintritt, Zwischen- und Pioniernutzer willkommen

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09:10 03.07.2010
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Ausgabe 27/2020

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