Wo bleibt der Streit?

Kulturkommentar Warum traut sich das Fernsehen keine anspruchsvolle Literaursendung zu? Anmerkungen zu einem unbeachteten Strukturwandel der Öffentlichkeit

In Deutschland boomt angeblich die Kreativwirtschaft. Warum und wo genau, weiß man nicht so recht. Es muss irgendwie mit Postfordismus und urbanem Reizklima zusammenhängen. Nur eines weiß man. Auch wenn in Mainz Europas größter Fernsehsender steht. Kreativität, der neue Rohstoff des Kapitalismus, ist dort nicht zu Hause.

Was das ZDF der Republik vergangenes Wochenende in Sachen Literaturkritik zu bieten hatte, gehört zu den deprimierenden Erfahrungen der jüngeren Fernsehgeschichte. Jeder Absolvent einer x-beliebigen Medienkunsthochschule hätte den TV-Verwaltern vom Lerchesberg ein innovativeres, zeitgemäßeres, verrückteres Format erfunden, als die keimfreie Literatur-Sprechstunde, die sich das ZDF für die Nachfolge des Literarischen Quartetts und Elke Heidenreichs Lesen!-Sendung ein ganzes Jahr lang ausgedacht hat.

Es ist immer dasselbe Lied: Literatur, wenn sie gut ist, geht aufs Ganze. Literaturkritik, wenn sie im Fernsehen gemacht wird, setzt auf das Motto: Komplexität meiden! Möglichst wenig Streit! Angefangen hatte alles 1977, als Marcel Reich-Ranicki neun Kritiker vor laufender Kamera zum Bachmann-Wettbewerb versammelt hatte. Dann duckten sich nur noch drei von ihnen in den schweren Lederpolstern des Literarischen Quartetts vor dem Donnergott MRR. Am Schluss bequasselten Frau Heidenreich oder die Herren Scheck und Wickert alleine ihr Publikum. Literaturkritik im Fernsehen war in Deutschland bislang die Geschichte eines Rückschritts: von der Polyphonie zur Einstimmigkeit, von der Kritik zur Empfehlung, vom Diskurs zur Jubelarie – auch eine Art schleichender Strukturwandel der Öffentlichkeit. Vielleicht sind ja deswegen Kritik und Streit in die Blogs ausgewandert?

Immerhin sind Die Vorleser zum Dialog zurückgekehrt. Inhaltlich näherte sich das neue Duo aber bedrohlich dem, was Roland Barthes einmal den „Nullpunkt“ der Literatur genannt hat. Nicht nur, weil Amelie Fried und Ijoma Mangold wie unter Narkose agierten. Wären nicht die Worte „Rollenmodell“, und „Gesellschaftsroman“ gefallen, niemand wäre auf die Idee gekommen, es hier mit Literaturkritik zu tun zu haben. Spätestens als Fried die Vokabeln „anregend“ und „vergnüglich“ intonierte, war die Sache dann gelaufen.

„Jeder Tadel, jeder Spott, den der Kunstrichter mit dem Buch in der Hand machen kann, ist erlaubt“ befand 1769 der Literaturkritiker Gotthold Ephraim Lessing. 240 Jahre später kommen Die Vorleser nicht über lauwarme Verbraucherberatung hinaus. Der „Fluch der Mittelmäßigkeit“, den Kurt Tucholsky schon in der Weimarer Republik beklagte, hängt immer noch über dem Land. Und auf „das Publikum“, über dessen „zuckrigen“ Geschmack Tucholsky 1931 in einem Gedicht spottete, berufen sich Programmverantwortliche auch heute noch, wenn es gilt, intellektuelle Herausforderungen zu meiden.

Literatur(-kritik) und Fernsehen sind so inkompatibel nicht, wie immer behauptet wird. Bilder und Zeichen könnten beide komplexer, reicher und ausdrucksfähiger machen – jenseits von Homestory und Verkaufsförderung. Doch warum beschränken sich alle, wenn sie es einmal anders machen könnten, auf den Hitlisten- und Servicejournalismus, der jetzt schon das Netz überschwemmt? Anders gefragt: Was bedeutet es für den Kreativstandort Deutschland, dass seine Medien die Literatur und ihre Kritik nicht so repräsentieren, geschweige denn diskutieren lassen können, wie es diesem „verzaubernden Worthorizont“ (Roland Barthes) zukommt?

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