Zwei Sprachen

LEIPZIGER BUCHMESSE Europa und die Literatur

Kann die Literatur der europäischen Verständigung dienen? Im Prinzip vielleicht etwas. Aber wenn die europäische Verständigung eines Tages vorzeitig scheitern sollte, dann vielleicht weniger an grobem Unverständnis, als am Übermaß von Ritualen und Floskeln. Eine neue Kostprobe dieses Europagesülzes gab es letzte Woche im Leipziger Gewandhaus, als beim alljährlichen, inzwischen ziemlich eingesteiften Eröffnungsakt der Buchmesse Ost mit immer demselben Streichorchester und Honoratiorengeschiebe der italienische Philosoph und ehemalige Bürgermeister von Venedig, Massimo Cacciari, das "Europa aus Logos und Pathos" beschwor. Das Rauschen der Metaphern von der "Einheit von Vernunft und Geschichte", der "Vielheit des Austauschs" und Kurt Biedenkopfs "Europa der Regionen" wurde mitunter so stark, dass man sich unwillkürlich duckte, um nicht von ihnen erschlagen zu werden. Da war man froh, als Peter Urban, der dieses Jahr neben Hanna Krall von der Messe für seine Übersetzungen aus dem Osteuropäischen ausgezeichnet wurde, die Buchgemeinde mit einer Philippika gegen die deutsche Beteiligung am Balkan-Krieg vor einem Jahr aus der Sonntagsruhe riss - die andere, längst vergessene Seite der goldenen europäischen Verständigungsmedaille.

Verständigung ist ein Mehrwegphänomen. Doch das neue Messemotto "Europa in der Zeitenwende", blieb etwas einseitig. Denn im "Cafe Europa" trugen europäische SchriftstellerInnen nur "Wahrnehmungen zu Deutschland" vor. Zwar war es interessant, wie die Französin Paule Constant das verdrängte Deutschsein ihrer Familie entdeckte. Oder der junge russische Autor Vladimir Sorokin von Japan aus in Deutschland den "erdrückenden Schlaf" eines "Provinznestes" der kunstfeindlichen Alt-68er ausmachte. Aber ist das größte Problem Europas, wie die anderen die Deutschen sehen?

Nicht, dass es nicht auch "Tore zur Wechselseitigkeit" (Biedenkopf) gäbe, den literaturexpress europa 2000 etwa, der im Sommer durch Europa tourt. Doch wie stark das Medium der Völkerverständigung national verengt wird, konnte man an der zweckdienlichen Propaganda von Arnulf Conradi und Martin Hielscher für die angeblich unverfälschte Erzählwut der jungen deutschen Literatur sehen, die sich aus der "grauen Wolke der Selbstreflektion" und dem "Gefängnis einer verkalkten Moderne" gelöst habe. Da scheint Literatur mehr als nationaler Markenartikel im globalen Lit-Marketing gefragt denn als die "Kraft des öffnenden Wortes, das sich verschenkt". So hatte sich Cacciari die "europäischen Sprechweisen" gewünscht. Und wenn Matthias Politycki seine EU-Literatur beschwört, jene raffinierte Mischung aus ernst und lustig, die gleichzeitig der Amerikanisierung trotzen soll, klingt auch das eher nach ästhetischen Fronten. Soll sich nur Europa verständigen? Und hört die Verständigung am Atlantik auf?

Und wie funktioniert sie nach Osten? Ein Jahr nach dem NATO-Angriff auf seine ungeliebte Heimat war der serbische Schriftsteller Bora Cosic skeptisch. Die auf der Buchmesse in Frankfurt 1998 gegründete Gruppe 99, eine Vereinigung von Schriftstellern aus den Ländern Ex-Jugoslawiens, die nach dem Vorbild der Gruppe 47 eine diskursgestützte Demokratiebildung für ihre Region vorleben wollte, ist praktisch tot, konstatierte der resignierte Emigrant im Leipziger Nachtclub naTo vor ein paar Zuhörern, während der Rest der Messe beim Aufbau-Verlag das Tanzbein schwang. Und wie wollen die Serben sich mit Europa verständigen, fragte Cosic, wenn schon die in und die außerhalb Serbiens Lebenden "zwei Sprachen" sprechen?

Hinter den Elogen auf die europäische Multikultur steckt eine naive Utopie. Doch nur harmonisch ist die nicht zu haben. Lesen ist womöglich eine der besten Übungen, die Spannung zwischen zwei Polen herzustellen, die DzŠevad Karahasan als Lebensform dem Kreis vorzog, der nur einen Mittelpunkt hat. Doch die meisten Leser wollen lieber verschmelzen mit dem Autor. Wahrscheinlich darf man die Kunst nicht überschätzen. Richard Swartz las einen leisen Text über seinen Großvater, den schwedischen Schuhfabrikanten, der die Ausgaben der geliebten deutschen Klassiker mit demselben Leder einband, aus dem er die Stiefel für die Armeen Kaiser Wilhelms und Adolf Hitlers fertigte. Als er merkte, dass die Kultur nichts half gegen des österreichischen Gefreiten Bücherverbrennung, löste er seine riesige Bibliothek auf und verschenkte alle Bücher.

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