Sie fehlt: zum fünften Todestag von Gerburg Treusch-Dieter

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"Nur wenn die Toten weiter unter den Lebenden sind, kann das entstehen, was mit Foucault Geschichte der Gegenwart heißt."

Schauspielerin und Soziologieprofessorin Gerburg Treusch-Dieter (1939 - 2006) war Gründungsmitherausgeberin des Freitag

Ich war vor gut sieben Jahren mit meinem Studienverlauf im Großen und Ganzen sehr zufrieden und stand kurz davor, mir Gedanken über mögliche Diplomprüfungsthemen zu machen sowie über die darauffolgende Zeit nachzudenken. Zu diesem späten Zeitpunkt trat Gerburg in mein studentisches Leben und zeigte mir erstmals, was es im akademischen Sinne heißt, einen bereits für gut befundenen und demnächst vollendeten Zeitabschnitt nochmals völlig neu zu erleben und damit auch neu zu bewerten. Dabei waren ihre Seminare auf den ersten Blick wild und ungestüm, oszillierend zwischen spontaner Performance und atemloser Detailversessenheit, quasi eine wilde Achterbahnfahrt durch Soziologie, Psychologie und Geschichte. Doch diese Oberfläche, das war nur das, was jeder sehen konnte, offensichtlich, ohne Anstrengung erkennbar. Interessant wurde es tatsächlich erst, wenn man sich auf das Ereignis voll und ganz einließ. So berührte Gerburg die, die sich auf die Beschleunigung ihres Denkens einlassen konnten und nicht nur am Rande verharren wollten.

Es war rasant, es war laut, es war intensiv. Es war genau das Richtige, damals, so kurz vor dem Diplom. Und es entzog sich auf ganz besondere Art und Weise den üblichen Bewertungskriterien, denn es war ganz anders als alles, was zuvor geschah. Es war eine Horizonterweiterung, die das Individuum stärkte und die man auch damals nur selten vorfinden konnte. Ich wußte es zu Beginn nicht, doch konnte ich letzten Endes sagen: ich war angekommen. Zugegeben: Gerburgs Seminare waren nicht der einzige Lichtblick im Studium, es gab zahlreiche gute und leider auch überhaupt nicht gute Dozentinnen und Dozenten. Aber ohne Gerburg, so erscheint es mir heute, wäre dies alles ganz anders und auch nicht komplett gewesen. Sie gab dem Studium einen völlig neuen Drall, jenseits der Anhäufung von Vorratswissen – womit man, dies sei an dieser Stelle ausdrücklich betont, nicht automatisch ein Problem haben muß, denn auch die Akkumulation von Wissen dient der Horizonterweiterung und formt den Menschen. Ein Mensch ohne Wissensvorrat erscheint gerade in unserer Zeit nur schwer vorstellbar, infantil, ungebildet, hilflos. Wissen ist und bleibt Macht, auch wenn es sich auf die Aneignung von Fertigkeiten beschränkt.

Doch erst durch Gerburg wurde mir klar, was jenseits dieser reinen Wissensakkumulation noch auf mich wartet. Vielleicht war es deshalb aus diesem Grund gar nicht so schlimm, sie erst spät im Studienverlauf kennengelernt zu haben. Vielleicht brachte diese Form einer, ja, Charakterbildung an dieser Stelle besonders viel. Insgesamt war es aber leider schon viel zu spät. Denn heute vor fünf Jahren, nur anderthalb Jahre nach meiner Diplomprüfung, starb Gerburg. Unser letztes gemeinsames akademisches Projekt konnte deshalb nicht vollendet werden, sondern wurde schlagartig unterbrochen, was nicht nur mich sehr traurig machte, sondern auch mein persönliches Umfeld, und was erneut akademische Grundsatzfragen aufwarf. Denn es war für alle deutlich erkennbar, wie mich das „Ereignis Gerburg“ tief berührte, mein Denken und Handeln positiv beeinflußte. Es stellte sich umgehend die Frage, wie es denn ohne sie weitergehen könne. Doch es mußte nicht nur weitergehen, es sollte auch weitergehen, und zwar ganz in ihrem Sinne.

Nur wenige Tage nach ihrem Tod übernahm ich ihre bestürzten, plötzlich ohne Diplomgutachterin dastehenden Prüflinge an der Universität der Künste Berlin, wo ich im Übrigen auch heute noch tätig bin. Und gerade aus institutioneller Sicht erscheint, fünf Jahre nach Gerburgs schmerzlichem Tod, der Verlust noch gravierender. Freilich: Bildung ist und bleibt ein guter Deal, mit dem man grundsätzlich nichts falsch machen kann. Ein Studium lohnt sich, definitiv finanziell, gerade wenn man die aktuellen Zahlen zu erfolgreichen Übergängen von Absolventen ins Berufsleben anschaut. Und das ist in Zeiten der Dauerkrise schon sehr viel, ja geradezu ein gut nachvollziehbarer, begehrenswerter Zustand.

Aber, da bin ich mir sicher, man verpaßt etwas, wenn man sich nur auf Zahlen, Daten und Fakten konzentriert. Ich bin sehr froh, als Student nicht mehr mit Bachelor und Master konfrontiert worden zu sein, obwohl nicht wenige meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen, die mit der persönlichen Gestaltungsfreiheit nur sehr wenig anfangen konnten, über die früheren lockeren Zeiten geschimpft haben, über die Verlorenheit an der Massenuniversität, die Ziellosigkeit und das Irrlichternde zahlloser Akteure im Universitätsbetrieb, das Beliebige, das Fehlen von verbindlichen Normen und Regeln. Doch der größte Vorteil der Durchstrukturierung – der Verlust an Orientierungslosigkeit - ist zugleich der größte Nachteil: straffe schulähnliche Strukturen führen oftmals zu uniformer Zwangsbeglückung, halten keine Lücken für Experimente und Blicke über den Tellerrand hinaus bereit und erschweren so intellektuelle Ereignisse dieser ganz besonderen Art. Bachelor und Master führen zwar schneller zu Erfolgen – aber dafür auch zu immer gleichen Erfolgen. Die Masse in der Universität ist nicht mehr eine bloße Größenangabe, sondern sie ist eine Zielvorgabe geworden. Man kommt zweifellos weit mit dieser Art von akademischer Ausbildung. Weiter kommt man jedoch mit akademischer Charakterbildung.

Gerburg ist mit ihrer Vorgehensweise etwas gelungen, was ich erstaunlich und respekteinflößend finde: sie hat lange nach ihrem Tod noch immer Einfluß auf die Menschen, die ihr begegnet sind und die von ihr gelernt haben. Und dies nicht nur durch ihre Arbeitsergebnisse, sondern – und das ist sehr, sehr selten – durch ihre Haltung und ihre Handlungen: sie inspirierte, forderte, förderte, kitzelte den Intellekt, sie war provokant und demütig zugleich, sie kam zu spät und nahm sich doch mehr Zeit als üblich, sie war gleichermaßen strukturiert und chaotisch, gleichermaßen eine Zumutung und eine Offenbarung, kurz: sie wirkte. Und deshalb ist es besonders bedauerlich, daß heutige Studierende zwar ihre Schriften analysieren, nicht mehr jedoch ihre persönliche Wirkmächtigkeit erleben können. Sollte es jedem von uns, der sie erlebt und gekannt hat, gelingen, hier ein wenig von ihren positiven Einflüssen weitergeben zu können, wäre das schon enorm viel.

Dieser intellektuelle Zündfunken ist in Zeiten stromlinienförmiger Studiengangsgestaltung und weltweiter Krisenhaftigkeit vielleicht mehr wert als je zuvor.

Sie fehlt, keine Frage.

12:13 19.11.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stephan Humer

Stephan Humer: promovierter Diplom-Soziologe u. Informatiker, Hochschuldozent Hochschule Fresenius Berlin, Vorstand Netzwerk Terrorismusforschung e.V.
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