Wissenschaftliches Care-Paket: Google finanziert Internet-Institut

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Gestern, am 11. Juli, stellten vier Universitäten bzw. Forschungseinrichtungen – Humboldt-Universität, Universität der Künste, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und das Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg – das gemeinsame Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin vor, welches von Google Deutschland finanziert wird und im Oktober dieses Jahres starten soll. Es wird 4,5 Mio Euro für drei Jahre erhalten – eine Anschubfinanzierung, nicht mehr und nicht weniger. Dieses Institut wird das erste deutsche Internet-Institut sein, welches sich an international erfolgreichen Vorbildern wie dem Berkman Center der Harvard University und dem Oxford Internet Institute orientieren wird. Das heißt: Der Schwerpunkt liegt in der sozialwissenschaftlichen Internetanalyse, nicht im Bereich der Technikentwicklung. Es geht – endlich – um die sozialen Auswirkungen der Digitalisierung unserer Lebenswelt. Spät, sicherlich, aber immerhin: für alle sozialwissenschaftlichen Internetforscherinnen und –forscher in Deutschland (und deshalb auch für mich) ein bedeutender Moment.

Es wurde nun darüber diskutiert, ob diese Finanzierung durch Google gut oder schlecht ist – auf der Pressekonferenz waren offenbar viele Journalisten der Meinung, daß dies zumindest fragwürdig sei, denn obwohl dort Uni-Präsidenten, Gründungsdirektoren, leitende Professoren und der Vertreter des HBI saßen, sprich: ein hochkarätiges Team für spannende inhaltliche Fragestellungen, gingen gut die Hälfte aller Fragen an den Google-Repräsentanten – und überwiegend ging es um, genau, Googles Einfluß. Mal offen (Finanzierung), mal verdeckt (Einfluß Googles in den Kooperationsverträgen), mal direkt (Googles Rolle im Institut und die Frage der Einflußnahme durch eventuelle Mitbestimmungsrecht), mal indirekt (Google-Mitarbeiter als Forscher im Institut) – der Google-Deutschland-Vertreter hatte nicht wenig zu tun auf dieser Pressekonferenz. Und das war schon bezeichnend.

Ich kann die grundsätzlichen Überlegungen in Hinblick auf eine mögliche Einflußnahme eines Geldgebers gut nachvollziehen: die Finanzierung von Wissenschaft ist immer ein sensibles Thema, dem die Gesellschaft stets besondere Aufmerksamkeit schenken sollte (was sie meines Erachtens derzeit jedoch kaum macht) – im Übrigen auch dann, wenn der Staat finanziert, denn die vielbeschworene totale Unabhängigkeit, die viele gerne hätten, kenne ich so nur von auf Lebenszeit verbeamteten Professorinnen und Professoren, die im Falle eines Falles ihre Ernennungsurkunde als Schutzschild nutzen können. Diese sind aber lediglich eine Statusgruppe von vielen im Wissenschaftsbetrieb. Drittmittelempfänger, befristet Tätige, auf Probe ernannte Professorinnen und Professoren, Gastdozenten, Fellows, Lehrbeauftragte usw. können wohl kaum gleichsam wagemutig agieren, denn eine Abhängigkeit vom Geldgeber besteht dann ebenfalls, egal ob nun privat, staatlich oder bunt gemischt finanziert. Das heißt: die Frage der Abhängigkeit ist eher eine strukturelle und weniger eine firmenspezifische Frage - und nicht automatisch entscheidend in Hinblick auf Forschungsergebnisse.

Doch hier geht es meines Erachtens ohnehin um etwas viel Größeres, denn erstens scheint Google sich nach den bisherigen Informationen voll und ganz auf die Rolle des reinen Geldgebers beschränken zu wollen (die vermeintliche „Schere im Kopf“ dürfte somit wohl kaum "gefährlicher" sein als bei anderen Drittmittelprojekten), zweitens sind wirklich starke Institutionen – HU, UdK, WZB, HBI – an Bord, die das Potential besitzen, penibel zu kontrollieren und zu wachen und drittens wird nun endlich ein deutliches Zeichen für die sozialwissenschaftliche Internetforschung in Deutschland gesetzt - und dafür sollte man den Initiatoren dankbar sein. Ja, es gibt freilich einige Institutionen und Personen, die das Internet erfolgreich erforschen, auch in Deutschland. Ich freue mich deshalb auch sehr, an der beteiligten UdK schon vor über fünf Jahren einen engagierten Lehrstuhlinhaber gefunden zu haben, der meine Arbeit, den Aufbau eines Arbeitsbereiches Internetsoziologie, nach Kräften unterstützte. Aber – und das ist der Unterschied zum neuen Institutsprojekt – dies alles geschah (bei mir wie bei den anderen) meist stark fragmentiert, als kleiner Teil von etwas Größeren, was wiederum gerade nicht das Internet und die Digitalisierung zum Thema hatte. Das prekäre und kräftezehrende Einzelkämpferdasein in diesem Forschungsbereich ist weit verbreitet, die Institutionalisierung und damit die Anerkennung als gesellschaftlich relevante Angelegenheit verschwindend gering. Und genau das ist das Problem.

Wir brauchen aber für die offensichtlichen Herausforderungen, die die Digitalisierung bereithält, endlich eine Anerkennung, eine Wertschätzung der sozialwissenschaftlichen Analyse. Wir müssen weg von der vorherrschenden Technikgläubigkeit und dem deutschen Over-Engineering, der selbstverliebten digitalen Spielerei und manchmal auch Spinnerei, von der Idee, daß technische Phänomene mit sozialen Auswirkungen von Technikern analysiert werden können. Ich wiederhole nochmal: Technik ist zu wichtig, um sie nur Technikern zu überlassen – und das gilt ganz besonders für eine revolutionäre Entwicklung wie die Digitalisierung unserer Lebenswelt. Denn die Auswirkungen betreffen uns alle, nicht nur eine kleine Gruppe von auffälligen Netzaktivisten, Bloggern und Nerds. Die Digitalisierung ist viel zu wichtig, um sich auf boulevardeske Spielchen und technophile Absurditäten zu konzentrieren.

Daß es für die erfolgreiche Umsetzung dieser Erkenntnis eines Internetgiganten aus Kalifornien bedurfte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Doch das ist nicht den beteiligten Einrichtungen, sondern höchstens der Politik vorzuwerfen, letztlich aber vernachlässigbar, wenn mit der Etablierung dieses Instituts ein gesellschaftlicher Erkenntnisprozeß in diesem Land einhergeht, der der sozialen Analyse digitaler Phänomene 16 Jahre nach der Massenausbreitung des Internets endlich den ganz offensichtlich verdienten Stellenwert einräumt.

15:57 12.07.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stephan Humer

Stephan Humer: promovierter Diplom-Soziologe u. Informatiker, Hochschuldozent Hochschule Fresenius Berlin, Vorstand Netzwerk Terrorismusforschung e.V.
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