Stephan Humer
12.07.2011 | 15:57 3

Wissenschaftliches Care-Paket: Google finanziert Internet-Institut

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Stephan Humer

Gestern, am 11. Juli, stellten vier Universitäten bzw. Forschungseinrichtungen – Humboldt-Universität, Universität der Künste, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und das Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg – das gemeinsame Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin vor, welches von Google Deutschland finanziert wird und im Oktober dieses Jahres starten soll. Es wird 4,5 Mio Euro für drei Jahre erhalten – eine Anschubfinanzierung, nicht mehr und nicht weniger. Dieses Institut wird das erste deutsche Internet-Institut sein, welches sich an international erfolgreichen Vorbildern wie dem Berkman Center der Harvard University und dem Oxford Internet Institute orientieren wird. Das heißt: Der Schwerpunkt liegt in der sozialwissenschaftlichen Internetanalyse, nicht im Bereich der Technikentwicklung. Es geht – endlich – um die sozialen Auswirkungen der Digitalisierung unserer Lebenswelt. Spät, sicherlich, aber immerhin: für alle sozialwissenschaftlichen Internetforscherinnen und –forscher in Deutschland (und deshalb auch für mich) ein bedeutender Moment.

Es wurde nun darüber diskutiert, ob diese Finanzierung durch Google gut oder schlecht ist – auf der Pressekonferenz waren offenbar viele Journalisten der Meinung, daß dies zumindest fragwürdig sei, denn obwohl dort Uni-Präsidenten, Gründungsdirektoren, leitende Professoren und der Vertreter des HBI saßen, sprich: ein hochkarätiges Team für spannende inhaltliche Fragestellungen, gingen gut die Hälfte aller Fragen an den Google-Repräsentanten – und überwiegend ging es um, genau, Googles Einfluß. Mal offen (Finanzierung), mal verdeckt (Einfluß Googles in den Kooperationsverträgen), mal direkt (Googles Rolle im Institut und die Frage der Einflußnahme durch eventuelle Mitbestimmungsrecht), mal indirekt (Google-Mitarbeiter als Forscher im Institut) – der Google-Deutschland-Vertreter hatte nicht wenig zu tun auf dieser Pressekonferenz. Und das war schon bezeichnend.

Ich kann die grundsätzlichen Überlegungen in Hinblick auf eine mögliche Einflußnahme eines Geldgebers gut nachvollziehen: die Finanzierung von Wissenschaft ist immer ein sensibles Thema, dem die Gesellschaft stets besondere Aufmerksamkeit schenken sollte (was sie meines Erachtens derzeit jedoch kaum macht) – im Übrigen auch dann, wenn der Staat finanziert, denn die vielbeschworene totale Unabhängigkeit, die viele gerne hätten, kenne ich so nur von auf Lebenszeit verbeamteten Professorinnen und Professoren, die im Falle eines Falles ihre Ernennungsurkunde als Schutzschild nutzen können. Diese sind aber lediglich eine Statusgruppe von vielen im Wissenschaftsbetrieb. Drittmittelempfänger, befristet Tätige, auf Probe ernannte Professorinnen und Professoren, Gastdozenten, Fellows, Lehrbeauftragte usw. können wohl kaum gleichsam wagemutig agieren, denn eine Abhängigkeit vom Geldgeber besteht dann ebenfalls, egal ob nun privat, staatlich oder bunt gemischt finanziert. Das heißt: die Frage der Abhängigkeit ist eher eine strukturelle und weniger eine firmenspezifische Frage - und nicht automatisch entscheidend in Hinblick auf Forschungsergebnisse.

Doch hier geht es meines Erachtens ohnehin um etwas viel Größeres, denn erstens scheint Google sich nach den bisherigen Informationen voll und ganz auf die Rolle des reinen Geldgebers beschränken zu wollen (die vermeintliche „Schere im Kopf“ dürfte somit wohl kaum "gefährlicher" sein als bei anderen Drittmittelprojekten), zweitens sind wirklich starke Institutionen – HU, UdK, WZB, HBI – an Bord, die das Potential besitzen, penibel zu kontrollieren und zu wachen und drittens wird nun endlich ein deutliches Zeichen für die sozialwissenschaftliche Internetforschung in Deutschland gesetzt - und dafür sollte man den Initiatoren dankbar sein. Ja, es gibt freilich einige Institutionen und Personen, die das Internet erfolgreich erforschen, auch in Deutschland. Ich freue mich deshalb auch sehr, an der beteiligten UdK schon vor über fünf Jahren einen engagierten Lehrstuhlinhaber gefunden zu haben, der meine Arbeit, den Aufbau eines Arbeitsbereiches Internetsoziologie, nach Kräften unterstützte. Aber – und das ist der Unterschied zum neuen Institutsprojekt – dies alles geschah (bei mir wie bei den anderen) meist stark fragmentiert, als kleiner Teil von etwas Größeren, was wiederum gerade nicht das Internet und die Digitalisierung zum Thema hatte. Das prekäre und kräftezehrende Einzelkämpferdasein in diesem Forschungsbereich ist weit verbreitet, die Institutionalisierung und damit die Anerkennung als gesellschaftlich relevante Angelegenheit verschwindend gering. Und genau das ist das Problem.

Wir brauchen aber für die offensichtlichen Herausforderungen, die die Digitalisierung bereithält, endlich eine Anerkennung, eine Wertschätzung der sozialwissenschaftlichen Analyse. Wir müssen weg von der vorherrschenden Technikgläubigkeit und dem deutschen Over-Engineering, der selbstverliebten digitalen Spielerei und manchmal auch Spinnerei, von der Idee, daß technische Phänomene mit sozialen Auswirkungen von Technikern analysiert werden können. Ich wiederhole nochmal: Technik ist zu wichtig, um sie nur Technikern zu überlassen – und das gilt ganz besonders für eine revolutionäre Entwicklung wie die Digitalisierung unserer Lebenswelt. Denn die Auswirkungen betreffen uns alle, nicht nur eine kleine Gruppe von auffälligen Netzaktivisten, Bloggern und Nerds. Die Digitalisierung ist viel zu wichtig, um sich auf boulevardeske Spielchen und technophile Absurditäten zu konzentrieren.

Daß es für die erfolgreiche Umsetzung dieser Erkenntnis eines Internetgiganten aus Kalifornien bedurfte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Doch das ist nicht den beteiligten Einrichtungen, sondern höchstens der Politik vorzuwerfen, letztlich aber vernachlässigbar, wenn mit der Etablierung dieses Instituts ein gesellschaftlicher Erkenntnisprozeß in diesem Land einhergeht, der der sozialen Analyse digitaler Phänomene 16 Jahre nach der Massenausbreitung des Internets endlich den ganz offensichtlich verdienten Stellenwert einräumt.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (3)

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helena-neumann 13.07.2011 | 03:21

Vielen Dank für den sehr interessanten Beitrag, an den sich (bei mir) viele Gedanken anknüpfen!!!

Um es gleich vorweg zu sagen. Ich bin für Drittelmittelforschung und begrüße die Gründung von „privatfinanzierten“ Instituten an Universitäten!

A. Allerdings habe ich da ein paar Einwände und die betreffen die Transparenz im Umgang mit eben diesen Mitteln. Hier sind doch folgende Fragen für die Öffentlichkeit arg unterbelichtet: Wie ist das Zahlenverhältnis von Drittmitteln gegenüber staatlichen den Universitäten zur Verfügung gestellten Geldern und damit verbunden (gerade an deutschen Universitäten) die Frage, wie stehen die aus Steuergeldern der Bürger eingebundenen Ressourcen (Gebäude, Equipment, Personal etc. Zeitmanagement Gehälter (!) der Lehrkörper) im Verhältnis zu den angeworbenen Drittmitteln (das ist ein riesiges Problem in der Medizin und Biochemie, in den Naturwissenschaften allgemein, Ingenieurwissenschaften: welche Personen profitieren am meisten, wer profitiert von der Fragestellung: Stichwort Grundlagenforschung) profitiert eine Fachrichtung auf Dauer davon (das ist kein strukturelles sondern ein inhaltliches Problem) usw. und sofort. Ihre Auffassung, dass die Institutsleiter, das Personal an den Universitäten (sie zählen da ein paar auf) schon unabhängig genug seien, um sich selbst zu kontrollieren, halte ich gelinde gesagt für allzu naiv. Bereits die Preußen Könige haben nach Lektüre der Humboldt‘schen Bildungsreform die luzide Schlussfolgerung hinsichtlich der Freiheit der Wissenschaften gezogen, gerade aus politischen Gründen, die Universitäten, in einem Zustand am Rande der permanenten Unterversorgung zu belassen. An der notorischen Unterfinanzierung soll sich ja bis heute nicht groß etwas geändert haben.
Ein indirektes Problem stellen Drittmittel für die Geisteswissenschaften dar: Führt der Trend zur Drittmitteleinwerbung hier auf Dauer zu deren Marginalisierung (in den philologischen Fächern und der Philosophie ist das in den USA so); wie verändert das den Habitus eines Gelehrtentypus… „Wer zahlt, der malt“ und „des Brot ich ess‘ des Lied ich sing!“

Wenn ich Sie aber richtig verstanden habe, ist das Drittmittelproblem für sie nur ein Nebenschauplatz, der allerdings dann umso virulenter umworben sein wird, wie andere Universitäten nachziehen werden resp. eine Antwort geben müssen auf die Gründung eines solchen Instituts, dessen Gründung angesichts „staatlicher“ Schwerfälligkeit, Ignoranz überfällig ist.

Hier wird dann in der Tat die Konkurrenz das Geschäft beleben, denn Sie haben natürlich Recht, dass neben einem fehlenden breit angelegten soziologischen und aus meiner Sicht auch philosophischen Diskurs, hier ein Forschungsdesiderat besteht, das dringend in Angriff genommen werden muss und sicher auch zur Belebung der Soziologie führen könnte, die, und hier bin ich nur Beobachterin aus der großen Ferne, in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle spielt.

Mich würde ganz konkret interessieren, ob dieses Institut einen interdisziplinären Ansatz verfolgt, z. B. auch die Psychologie mit einbezieht, sich methodisch aufstellt. Vielleicht können Sie dazu noch etwas „nachschießen“.

B. Google hat erkannt, dass die kulturellen Voraussetzungen in jedem Land andere sind als etwa in den USA.
Weniger in Bezug auf die Geschäftsmodelle, die einzelne Unternehmen anstreben, finde ich in dem Zusammenhang sehr interessant, was Clay Shirky sagt und denkt (ich weiß nicht, ob ich hier auf der Höhe der Zeit bin?), den lapidar, als Technik-Guru abzutun, wie kürzlich im Guardian geschehen, doch eine starke Untertreibung darstellt.
www.guardian.co.uk/books/2011/jun/16/cognitive-surplus-clay-shirky-review

Ein Kommentator kritisiert den Artikel dann auch als zu defensiv. Ich habe auch den Eindruck, dass der Journalist hier eher auf der Seite derer steht, die um ihre traditionell verbriefte Meinungshoheit fürchten, denn die Beobachtungen und Einlassungen Shirkys über sich spontan neuorganisierende Bewegungen von unten sind alles andere als dümmlich, wie aber Nicholas Lezard die Leser glauben machen will.

www.youtube.com/watch?v=q5drMYNkel8=related Clay Shirky - Hierarchy Leadership

Shirky verweist noch auf ein hoch interessantes Thema, wie sich Gruppen, oder Leute verständigen können auf Strategien, Methoden, Formen zur Meinungsbildung im Internet.

www.youtube.com/watch?v=CrQzwRuvyLY=1 Clay Shirky: tell stories of what didn't work

Da wendet Shirky sich ja gegen Good-Practise-Beispiele und setzt auf die gute alte Erzählung. Hier sollte Lezard, der offenkundig noch an altem Schreibgerät hängt, ein Stück versöhnt sein. Das kann er natürlich nicht, denn das Medium Zeitung hat sich in den letzten 250 Jahren nicht qua Erzählungen (und allen voran der ehrwürdige Guardian) behauptet, sondern im Gegenteil, seine aufklärerische Qualität in dem Grade etabliert, wie Journalisten zur Diskursivität, zur Streitbarkeit Talent haben.

Wenn es also um Erzählungen, wie Shirky meint, und zuvörderst nicht mehr so sehr um Argumente (wie gut oder schlecht, die auch sein mögen) geht, wie in den letzten 250 Jahren Zeitungswesen, dann handelt es sich hier um eine Kulturrutsch ganz besonderer Art. Während die Diskursivität distinkt ist, mag die Erzählung zwar ältere, auf jeden Fall bildungsunabhängigere und wildere Form der Kommunikation sein. Vielleicht geht die „Schlacht“ ja auch um diesen Punkt.