Philosophische Betrachtung der Politik (III)

Utilitarismus. Der letzte Teil einer philosophischen Betrachtung der Politik
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Es gibt diverse Wertesysteme, mit welchen man sein eigenes Handeln begründen könnte. In der Regel bedienen wir uns der Moral als Maßstab für richtiges oder falsches Handeln.

Es wird Menschen geben, die es als eine Art von moralischer Pflicht sehen werden beispielsweise die CDU zu wählen ( - so ihre Religion das Christentum ist). Sie könnten glauben, dass es im Rahmen ihrer Religion richtig sei, eine christliche Partei zu wählen.

Davon abgesehen gibt es Menschen, die (a) nicht wählen, (b) sich auf das Urteil anderer Personen verlassen [Freunde, Familienmitglieder etc.], und (c) (aus Unwissen) irgendeine Partei wählen.

Von diesen Wählern abgesehen, muss das vorantreibende Element bei der Entscheidungsfindung eines Wählers utilitaristischer Natur sein. Der Utilitarismus ist eine Form der Ethik, bei der der Nutzen von zentraler Bedeutung ist. Eine Handlung ist richtig, wenn sie unter allen alternativ möglichen Handlungen die beste Lust-Leid-Bilanz unter Menschen hervorbringt. Häufiger stehen utilitaristische Prinzipien mit den moralischen Prinzipien im Konflikt.

Um den Unterschied Klar zu machen:

Wenn man einen Menschen tötet, um seine Organe zur Rettung für zwei andere, schwer kranke Menschen zu nutzen, ist dies aus Sicht des Utilitarismus richtig. Gleichzeitig wäre dies aber aus moralischer Sicht abzulehnen und steht zudem in Konflikt mit dem Grundgesetz.

Die Grundannahme, dass Wähler nach dem - aus ihrer jeweiligen Sicht - höheren Nutzeffekt wählen, scheint, unter Verwendung des Umkehrschlusses, wahrscheinlich. Der Umkehrschluss hieße, dass Wähler absichtlich Parteien und Politiker wählen, die sie selbst als inkompetent einstufen würden.

Es stellt sich nunmehr die Frage, welche Art von utilitaristisch motivierter Wahl der Wähler trifft.

Der Handlungs- und der Regelutilitarismus sind vermutlich die bekanntesten Formen des Utilitarismus.

Beim Handlungsutilitarismus wird der höhere Nutzen nur auf eine bestimmte Handlung abgewogen. Es kann beispielsweise viel nützlicher sein, in einer Situation ein vorher gegebenes Versprechen zu brechen als es einzuhalten.

Der Regelutilitarismus betrachtet die Handlung als Regelmäßigkeit und entscheidet danach, ob eine Handlung von höherem Nutzen ist. Ein Versprechen zu brechen zieht Misstrauen und Verachtung mit sich. Dazu kommt, dass der eigene Ruf in Mitleidenschaft geraten könnte. Aus diesem Grund ist es aus Sicht des Regelutilitarismus von höherem Nutzen ein Versprechen zu halten, da damit Vertrauen aufgebaut wird und der eigene Ruf im günstigsten Fall auch noch besser wird.

Welche Art Wähler würde sich jetzt wie verhalten? Diese Frage soll anhand von fiktiven Beispielen beantwortet werden.

Handlungsutilitarismus:

Wenn Helmut Schmidt sagt, dass er gegen den Einmarsch der Bundeswehr in Afghanistan war, so müsste er als Handlungsutilitarist eine Partei wählen, die dies nicht wollte, selbst wenn er die Partei per se verabscheut. (Dies gilt selbstredend nur unter der Prämisse, dass der Nicht-Einzug der Bundeswehr zu diesem Zeitpunkt die höchste Bedeutung zugesprochen wurde. Wenn beispielsweise die NPD die einzige Partei gewesen wäre, die seinem Wunsch entsprochen hätte, stünde er vor der Entscheidung, ob der Nicht-Einzug oder das Nicht-Wählen der NPD im Fokus der Wichtigkeit für ihn steht.)

Wenn Helmut Schmidt heute sagt, dass Deutschland nicht ohne Weiteres Afghanistan verlassen dürfe, weil dies eine Katastrophe mit sich brächte, ist dies sowohl handlungsutilitaristisch als auch moralisch begründbar. Handlungsutilitaristisch, weil sich die Bedingungen verändert haben und es nun von höherem Nutzen für eine Leid-Lust-Bilanz ist, Afghanistan zu helfen.

Moralisch, weil es selbstredend ökonomisch besser wäre, Afghanistan zu verlassen, er aber der Überzeugung ist, dass man zu den Folgen seiner Handlung stehen müsse.

Man kann sagen, dass ein handlungsutilitaristisches Entscheiden eines Wählers in sich konsequent, sogar moralisch vertretbar und unter Umständen zu besseren Ergebnissen führen kann. Man darf diesbezüglich nicht vergessen, dass Deutschland momentan die Chance gegeben wird in Afghanistan Vertrauen und Freundschaft aufzubauen. Wie man diese Chance umsetzt, ist eine andere Angelegenheit und wäre auch außerhalb der Partizipationsmöglichkeit des Wählers.

Regelutilitarismus:

Es kann den Leser nun verwundern, aber tatsächlich könnte man das eben genannte Beispiel auch im Sinne des Regelutilitarismus begründen.

Wenn Helmut Schmidt sich als Regel sagt, dass er der Situation entsprechend stets die dazu - aus seiner Sicht - am ehesten passende Partei wählt, handelt er regelutilitaristisch.

Genauso könnte er als Regel aufstellen, stets die SPD zu wählen, da er Mitglied ist und sich für seine Partei engagieren möchte. Dies könnte aber damit enden, dass er eine Partei wählt, die sich zu einem Zeitpunkt X gänzlich konträr zu seinen Überzeugungen verhält.

In diesem Sinne sei gesagt, dass es nicht so sehr darauf ankommt, ob man meint den höchst möglichen Nutzen mit seiner Wahl zu erreichen, sondern viel eher sich die Frage stellt: Wieso halte ich diese und jene Prämissen als Ausgangslage für derart nützlich?

Ein letztes Beispiel:

Es gibt junge Eltern, deren Fokus auf Parteien liegt, die - aus Sicht der Eltern - mit besonders guter Familien- und Bildungspolitik auf sich Aufmerksam machen. Dies ist verständlich.

Aber trotzdem sollten diese Eltern sich das gesamte Programm der jeweiligen Partei ansehen. Es wäre immerhin denkbar, dass die Partei in vielen, anderen Belangen sich völlig konträr zu den Überzeugungen der Eltern verhalten.

Abschließend muss gesagt werden, dass der Utilitarismus ebenfalls eine sogenannte konsequentialistische Ethik ist. Obgleich man also handlungs- und oder regelutilitaristisch wählt, muss man sich hinsichtlich der Konsequenzen im Klaren sein - also wissen, was die favorisierte Partei alles tun möchte, -, um überhaupt eine in sich schlüssige, konsequente Entscheidung treffen zu können.

22:37 02.10.2012
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Geschrieben von

IPhilG

In Philosophischer Gesellschaft GbR ist ein Unternehmen, welches sich zum Ziel gemacht hat die Philosophie wieder stärker ins Bewusstsein zu bringen.
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