Apostel, Kunde, Freund

Netzgeschichten Betrachten und betrachtet werden: Die Webseiten von Musikern verraten etwas über ihr Verhältnis zu den Fans und sich selbst. Ein kleiner Streifzug durchs Internet

Manchmal kann das Internet ganz schön entlarvend sein. Auf welche Weise sich ein Musiker auf seiner Webseite präsentiert, verrät zum Beispiel viel darüber, wie er seine Fans sieht.

Für Pete(r) Doherty etwa scheinen sie eine Art moralischer Instanz zu sein. Zur Veröffentlichung seines Solo-Albums ­Grace/Wastelands hat sich der Sänger bei Myspace angemeldet und macht dort ganz auf braver Bub. Auf myspace.com/gracewastelands blickt er einem aus einem kleinen Schwarz-Weiß-Porträt so dermaßen unschuldig und leidend entgegen, dass man ihm am liebsten sagen möchte, es sei doch alles gar nicht so schlimm. Eingerahmt ist das Foto von braunen Kästen in Papp-Optik, einen füllt ein Text, der auf 15 Absätzen versucht, den „wahren“ Doherty vorzustellen, und um Verständnis für dessen ausschweifenden Lebensstil heischt. Zum Beispiel habe er es als Kind „immer schwer gehabt Freunde zu finden“, weil er so oft umziehen musste.

Nach der Veröffentlichung war das ­Grace/Waste­lands-Album für einige Tage komplett auf der Seite anzuhören, vermutlich als Entschädigung für zugedröhnte und abgesagte Konzerte des Musikers. Die Videos auf der Seite stammen übrigens von zwei verschiedenen Dohertys: Pete und Peter. Kein Tippfehler, der Künstler hat zu seinem 30 Geburtstag entschieden, ein „r“ an seinen Vornamen anzuhängen, um reifer zu wirken. Ein unterstützenswertes Vorhaben, wobei er es ja auch mal mit ein paar nüchternen Auftritten versuchen könnte.

Professioneller gestaltet sind das Myspace-Profil von Madonna und ihre Webseite madonna.com. Hier wird schnell klar, dass sie die Fans in erster Linie als Konsumenten versteht. Es gibt alles zu kaufen: Madonna-Kinderbücher und Madonna-Filme – wobei man aufpassen sollte, etwa die Hälfte der angebotenen Filme war verdienterweise für die Goldene Himbeere, den Anti-Oscar, nominiert. Zu Specials wie Madonna-Bildschirmschonern und Verlosungen von Tickets haben allerdings nur Mitglieder ihres Fanclubs Zugang, mit dem richtigen Passwort.

Madonna wirbt auf der Seite außerdem für ihre Stiftung „Raising Malawi“, die Kinder in dem afrikanischen Land unterstützt, auch ohne dass sie sich von dem Star adoptieren lassen müssen. Die Adresse ihrer Homepage musste Madonna sich übrigens vor Jahren vor Gericht erstreiten. Unter madonna.com hatte zuvor ein New Yorker Geschäftsmann Pornos ins Netz gestellt. Das schädige ihr Image klagte die Sängerin – und bekam die Adresse schließlich zugesprochen.

Die Alternativ-Rocker von Radiohead wiederum scheinen Fans eher als Freunde begreifen zu wollen, denen man ohne weiteres vertrauen kann. Auf radiohead.com ließ sich das komplette Album In Rainbows herunterladen – zu einem selbst bestimmten Preis und in der Hoffnung, dass die Fans schon eine annehmbare Summe zahlen würden. Bis jetzt gaben die Musiker allerdings nicht bekannt, welches Geschäft sie mit den Downloads gemacht haben. Was skeptisch macht: Beim nächsten Album wollen sie vorsichtiger verfahren. Es sollen zunächst zwei Titel im Netz angeboten werden, um zu testen, wie sich die Nutzer diesmal verhalten.

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