Dann muss ich Sie bitten, mitzukommen

Eventkritik Mathias Kopetzki stellt in Berlin ein Buch über die Freude am Schwarzfahren vor - die meisten seiner Zuhörer sind schon mal erwischt worden

Schimpfen über die Deutsche Bahn kann jeder. Auch Busse, Straßen- und U-Bahnen geben Anlass für Beschwerden. Millionen Bürger belassen es beim Grämen – andere handeln, indem sie Schwarzfahrerbewegungen gründen und zum organisierten Boykott des Ticketkaufs aufrufen. Oder ein Buch schreiben. So wie Mathias Kopetzki.

Der Schauspieler und Autor stellt an diesem Montagabend im Kaffee Burger in Berlin-Mitte einen solchen Roman vor. Im Sarg nach Prag – Erlebnisse eines Schwarzfahr-Profis heißt er. Kopetzki, der früher auch in Comedysendungen aufgetreten ist, habe als Schwarzfahrer so viel erlebt, dass daraus das Buch entstehen musste, so wirbt sein Verlag. Nur wer kommt zu solch einer Lesung?

Etwa 40 Zuhörer sitzen auf den Holzbänken vor der Bühne, gemischtes Publikum. Wie ein militanter Bahngegner sieht hier kaum jemand aus, aber die Wut kommt ja oft im bürgerlichen Gewand daher, wie Stuttgart 21 gezeigt hat.

Kopetzki begrüßt das Publikum und hat einen Hinweis für eventuell anwesende Anwälte der Bahn: „Erfunden ist nur das, womit man mich nachträglich belangen kann.“ Dann liest Kopetzki das erste Kapitel seines Romans. Darin beschreibt er, wie er am Anfang seiner Schauspielkarriere schwarzfahrend durch die Provinz pendelt und damit noch etwas Gutes tut: Er erspart seinen Arbeitgebern, den „finanziell ins Leere arbeitenden Kulturinstitutionen in den Provinzen“, für seine Fahrtkosten aufzukommen. Mehr für die Armen, weniger für die Bahn, das Robin-Hood-Prinzip also, wie Kopetzki das nennt.

Zufällig nicht abgestempelt

Konnte er im Publikum schon jemanden überzeugen? Jens, 32, findet Schwarzfahren politisch unkorrekt. „Wenn ich schwarzfahre, müssen ja die anderen mehr bezahlen.“ Ganz so vorbildlich ist Jens dann aber doch nicht. Zufällig hat er auf dem Weg zur Lesung gerade vergessen, sein BVG-Ticket abzustempeln. „Aber wenn man erwischt wird, kostet das ja weniger als Schwarzfahren.“ Das glaubt er zumindest.

Auch zwei Frauen auf der Bank neben Jens geben sich erst einmal bedeckt. Schwarzfahren, nein, in der Regel tun sie das nicht. Allerdings sind sie beide schon mal dabei erwischt worden. Andrea, 47, hat vergessen, ein Anschlussticket zu ziehen. Und Maren, 34, entpuppt sich doch noch als gelegentliche Überzeugungstäterin. Gründe für das Schwarzfahren: zu wenig Geld oder zu spät dran. Manchmal sei ja auch der Fahrkartenautomat kaputt. Was sie von Schwarzfahrerbewegungen hält, die den Ticketkauf grundsätzlich ablehnen? Sie kann solche Ansichten gut verstehen. „Vor allem im Winter in Berlin, wenn die Bahn wegen zwei Zentimetern Neuschnee gleich ausfällt, oder weil die Schaffner dauernd krank sind.“

Kopetzki trägt auf der Bühne weitere Geschichten vor. Von der Realität können diese im besten Falle inspiriert sein, das merkt man vor allem bei der Episode über eine Schwarzfahrt im Sarg nach Prag. Aber der Funke springt über – die Leute scheinen fürs Schwarzfahren einfach Sympathie zu haben. Und Kopetzki weiß sie zu schüren. Er holt mehrfach zwei Freunde auf die Bühne, in kleinen Rollenspielen geben sie den bürokratischen Schaffner, den spießigen Denunzianten und den netten Schwarzfahrer. Das Gelächter im Raum verrät: So sind die Rollen für die meisten hier verteilt.

Soll man sie anschwärzen?

Empörung regt sich, als Kopetzki aus der „Gewissensfrage“ zitiert, einer Ratgeber-Rubrik im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Moralisch richtig sei es, Schwarzfahrer anzuschwärzen, heißt es dort.

Die Mehrheit des Publikums an diesem Abend sieht das anders. Einen Kaugummiklau im Supermarkt würden wohl weniger der Menschen, die sich diese Lesung anhören, tolerieren als das vermeintliche Kavaliersdelikt einer Schwarzfahrt. Aber erschleicht nicht ein Schwarzfahrer schnell Leistungen im Wert von Hunderten Euro?

Selbst wenn viele das Unternehmen Deutsche Bahn generell ablehnen – solche, die prinzipiell gegen Fahrkartenkauf sind und das Recht auf Mobilität für alle fordern, sind in der Minderheit.

Autor Kopetzki ist es, bei aller Satire, mit seiner Kritik an der Bahn ernst. Das erzählt er hinterher am Büchertisch. Mit einer Bahncard 100 ist Kopetzki zwar längst zum zahlenden Fahrgast geworden. Aber gerade deshalb auch empört. „Unverschämt“ sei es, dass die Bahn ständig fehlinvestiere und sich nicht darum schere, bei Milliarden-Umsätzen günstige Tickets anzubieten. In seinem Roman wendet er sich sogar direkt an die Bahn und erklärt sich: Er sei als zahlender Fahrgast frustriert, wenn immer wieder die Klimaanlage ausfällt oder gleich der ganze Zug.

Jedem sein Recht

Und auch wenn Kopetzki den Aufruf zum Schwarzfahren mit Humor verschleiert: Zumindest ein Abschnitt seines Buchs kann als echte Anleitung dienen. In dem Kapitel „Schwarzfahren für Dummies“ gibt er ziemlich nützliche Tipps. Und es liegt nahe, dass der Autor durchaus erfahren ist, auch wenn er womöglich doch nicht im Sarg nach Prag gereist ist.

Kopetzki empfiehlt zum Beispiel, das Faltblatt „Ihr Reiseplan“ nach Aufenthalten über vier Minuten zu durchkämmen, weil immer dann die Kontrolleure wechseln. Und er rät Schwarzfahrern von falscher Scheu ab: „Vor Gericht oder eventuell im Gefängnis landet man als Schwarzfahrer in der Regel nur, wenn man sich strikt weigert, nach mehrmaliger Aufforderung und zusätzlicher Tatwiederholung die finanzielle Forderung zu begleichen.“

Am Ende des unterhaltsamen Abends hat Kopetzki dann auch wirklich noch Überzeugungsarbeit geleistet. Bei ihm am Signiertisch steht eine Frau. Sie hat zwar „Angst vorm Schwarzfahren“, sagt sie, sieht es aber nicht als Unrecht. Worin sein Recht besteht, das müsse schließlich jeder selbst entscheiden.

Irene Habich fährt höchstens mal aus Versehen schwarz

11:02 19.09.2012
Geschrieben von

Irene Habich

Autorin
Schreiber 0 Leser 0
Avatar
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare