Fahren, nicht zahlen

Graswurzel-Bewegung Nächste Woche erreicht das Bahn-Chaos in Berlin den Höhepunkt. Nach dem Motto "lieber schwarz fahren als sich schwarz ärgern" bieten sich neue Protestformen an

„Der Spaß ist zu teuer, von mir kriegste nüscht!“ lässt Mensch Meier im gleichnamigen Ton Steine Scherben-Song den Schaffner wissen. Im Lied solidarisieren sich die anderen Fahrgäste: „solln'ses bei den Bonzen holen, die uns beklauen. Du kannst deinem Chef bestellen, wir fahr'n jetzt alle schwarz“. Ton Steine Scherben haben damit ziemlich genau die Idee der Schwarzfahrer-Bewegung beschrieben: organisiertes Schwarzfahren als sozialer Protest.

In vielen Ländern haben sich Graswurzel-Vereine gegründet, die dem Ziel dienen, Menschen zu unterstützen, die sich aus politischen Erwägungen heraus im Nahverkehr kein Ticket kaufen. Die Ankündigung der Bahn, für einige Zeit die zentrale S-Bahn-Strecke in Berlin stillzulegen, lässt vermuten, dass ein solcher Verein auch in Deutschland nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

Vorbild könnte beispielsweise die schwedische Gruppe Planka sein. Sie will erreichen, dass der Nahverkehr in ihrem Land für lau angeboten wird. „Unser Ziel ist ein offener Nahverkehr, der für alle umsonst ist“, sagt Mitglied Christian Tengblad. Der Nahverkehr sei ein öffentliches Gut, und müsse allen gleichermaßen zur Verfügung stehen: „Die Menschen brauchen den Nahverkehr, gerade jetzt in der Krise.“ Bis Planka diese Forderung politisch durchsetzt, bietet die Organisation eine Art Schwarzfahrer-Versicherung an. Wer monatlich 100 Kronen in eine Gemeinschaftskasse zahlt, der bekommt sein Bußgeld erstattet, wenn er von einem Kontrolleur erwischt wird.

Das Spiel mit der Legalität kennen auch andere Schwarzfahrervereine. Für Deutschland hat sich die vor einigen Jahren eingeschlafene Initiative Pinker Punkt einen besonderen Trick überlegt: Schwarzgefahren wird nur in der Gruppe mit pinkfarbenen Punkten an den Revers, also offensiv - wie von Mensch Meier vorgemacht. Dem Kontrolleur sagt man dann einfach, man habe gar nicht die Absicht einen Fahrschein zu kaufen und verzichte aus Prinzip darauf. Die Idee: Ein einzelner Schaffner kann kaum von mehreren auf ihn einredenden Menschen zugleich die Personalien aufnehmen.

Die Methoden mögen streitbar sein. Hinter der Haltung der Schwarzfahrerbündnisse steckt aber mehr: die interessante Idee von Mobilität als Grundrecht. Zumindest sollte jeder an dem teilhaben können, was sich öffentlich nennt. Das ist aber immer weniger der Fall, wenn Fahrpreise steigen, Sozialtickets unbezahlbar und Strecken stillgelegt werden. Öffentliche Verkehrsmittel voll aus öffentlichen Geldern zu bestreiten wäre gerechter. Vielleicht hilft es den ohnehin schon gebeutelten Bahnkunden ja, ihr schlechtes Gewissen beim Schwarzfahren gänzlich abzulegen, wenn sie bei der nächsten Fahrt schwitzend bemerken, dass sie für eine Fahrt zum Hauptbahnhof in einen Bus umsteigen müssen.

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12:00 19.07.2009
Geschrieben von

Irene Habich

Autorin
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Ausgabe 39/2020

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