Einmischungen

GEGENWART Sie kämpfen gegen einen Staudamm, behandelt werden sie wie Staatsfeinde

Am 2. Mai stand in der Frankfurter Rundschau, Rubrik "Aus aller Welt": "Frühzeitige Warnungen vor der katastrophalen Dürre im Westen Indiens sind nach Angaben von Wissenschaftlern ungehört verhallt. Im Westen und Süden Indiens leiden 100 Millionen Menschen unter der schlimmsten Dürre seit hundert Jahren. Allein in Gujarat kamen 5.000 Kühe und Büffel um, weil wegen der Trockenheit kein Futter wuchs."

Nun mischt sich eine junge indische Schriftstellerin ein: Arundhati Roy, international bekannt durch ihren Roman "Der Gott der kleinen Dinge", die Geschichte einer Familie, die an einer verbotenen Liebe zerbricht. Nach ihrem Architekturstudium und dem Entschluss, "niemals Kunstdenkmäler oder historische Stadtkerne zu restaurieren" hatte sie zunächst beim Film gearbeitet, sie schrieb einige Drehbücher, dann ihren Erfolgsroman. In ihrem neuen Buch, "Das Ende der Illusion", schreibt sie über das Wasser in Gujarat und anderen Provinzen. Durch Gujarat fließt der Narmada, einer der größten Ströme Indiens. An diesem Fluss sollen Staudämme gebaut werden, darunter zwei gigantische Projekte: der Sardar Sarowar Staudamm in Gujarat und der Narmada Sagar in Madhya Pradesh. Seit Jahren leisten Inder dagegen Widerstand.

Weshalb wechselte die erfolgreiche Romanautorin auf die Seite der Unterdrückten? "Ich ging hin, weil Schriftsteller von Geschichten angezogen werden wie Geier vom Aas. Mein Motiv war nicht Mitleid. Es war schiere Gier. Ich behielt recht. Ich bekam meine Geschichte. Und was für eine Geschichte." Die "Geschichte" ist lesenwert, da gebe ich ihr Recht. Wussten Sie zum Beispiel, dass Indien in den letzten fünfzig Jahren 3.600 Staudämme gebaut hat und trotzdem ein Fünftel der indischen Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat? Und dass alleine an diesem einen Fluss Narmada 3.200 Staudämme geplant sind?

Die Gier ist aber nicht ihr einziges Motiv: "Mein Instinkt hieß mich Joyce und Nabokov zur Seite zu legen und die Lektüre von Don DeLillos großem Buch auf später zu verschieben. An ihre Stelle traten Berichte über Be- und Entwässerung, Zeitschriften, Bücher und Dokumentarfilme über Staudämme, warum man sie baut und was sie bewirken." Diese Fakten und Hintergründe sind der Boden für Arundhati Roys Fragen an die indische Politik. Lassen Sie sich jetzt nicht abschrecken. "Bei Zahlen sind mir früher die Augen zugefallen. Jetzt nicht mehr. Nicht mehr, seit ich der Richtung zu folgen weiß, in die sie weisen", schreibt sie. Und diese Richtung beschäftigt sich mit den Millionen von Umgesiedelten und ihrem Schicksal, das im Nichts verschwindet - es gibt keine Zahlen, Statistiken oder Aufzeichnungen offizieller Art, ob die Staudämme die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen, genausowenig wie darüber, was mit den wahrscheinlich Millionen von umgesiedelten Menschen geschehen ist. Betroffen sind vor allem Adivasi, ein Urvolk Indiens, das bis heute eine hohe Rate an Analphabeten aufweist, und Dalits, "Unberührbare". Es geht um den Sinn und Effekt solcher Staudammprojekte und die Interessen der internationalen Entwicklungshilfe - im Kern darum, weshalb ein konkreter Widerstand gegen ein konkretes Staudammprojekt bekämpft wird wie eine Gefährdung des Staates.

Beim Lesen tauchen Erinnerungen auf an Widerstand gegen die Politik von IWF und Weltbank in verschiedenen Teilen der Welt, Erinnerungen an Widerstand gegen die Startbahn-West und Gorleben, an die Massivität staatlicher Antworten darauf. Die Dimensionen sind in vielem unvergleichbar, die Situationen in ihrem Kontext spezifisch. Vorstellbar wird aber jedenfalls, welchen Mut es erfordert, in solchen Auseinandersetzungen eine klare Position zu beziehen. Und das ist der Autorin gelungen, auch beim zweiten Thema des Buches, den indischen Atombombenversuchen: klar parteilich, ohne in Zynismus zu verfallen und ihre Neugier zu verlieren. Das Buch beweist sehr viel Mut. Man erinnere sich an die Reaktionen auf die Paulskirchenrede von Günter Grass anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Yasar Kemal, als er die Bundesregierung wegen ihrer Ausländer- und Asylpolitik kritisierte? Und Arundhati Roy ist kein etablierter Schriftsteller der älteren Generation in Westeuropa, sondern eine junge Schriftstellerin in Indien.

Arundhati Roy, Das Ende der Illusion, Politische Einmischungen, aus dem Englischen von Wolfgang Ströle, Blessing Verlag, München 2000, 156 S., 24,90 DM.

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