Offener Brief an Nicole Gohlke

Genozidforschung Tabuthema Völkermord an den Tscherkessen. - Wer setzt sich in Deutschland für die Gewährleistung von Wissenschaftsfreiheit bei diesem heiklen Forschungsthema ein?
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Folgender offener Brief ist an die hochschulpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, Nicole Gohlke, gerichtet.

Sehr geehrte Frau Gohlke,

Ich bin als deutsche Ethnologin und Historikerin in Schwierigkeiten geraten, da ich mich für die Entstehung genozidaler Gewalt im Westkaukasus interessiert und für die wissenschaftliche Aufarbeitung des Völkermordes an den Tscherkessen eingesetzt habe. Mein Forschungsthema stand, ohne daß ich dies anfänglich realisiert hätte, quer zu den Militarisierungstendenzen an der Universität Tübingen, wo ich im Rahmen eines Drittmittelprojektes meine diesbezügliche wissenschaftliche Arbeit begonnen hatte. Auch läuft es dem allgemeinen, von aktuellen politischen Anforderungen bestimmten Forschungstrend in Deutschland zuwider, demzufolge nach Wegfall des Ost-West-Konflikts nun offenbar zunehmend „Muslime“ und „Terroristen“ bzw. der „Orientale“ als neue Feindbilder präsentiert und dabei alte rassistische und kolonialistische Strukturen und Forschungsansätze wiederaufgewärmt werden. In meinem persönlichen Arbeitsgebiet der Osteuropäischen Geschichte kommen zudem noch unaufgearbeitete inhaltliche, personale und strukturelle Kontinuitäten des Fachs zur nationalsozialistischen Ostforschung hinzu, die ebenfalls einer kritischen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den kolonialen Wurzeln moderner Genozide wenig zuträglich sein dürften.

Ich nehme an, Sie sind über Form und Ausmaß der Eingriffe in meine Wissenschaftsfreiheit, wie ich sie in Deutschland bzw. ausgehend von Deutschland seit 2005 erlebt habe und erlebe, zumindest ansatzweise informiert. Zur Sicherheit sei hier noch einmal auf mein Interview mit German Foreign Policy wie auch meinen von Radio Querfunk aufgezeichneten Vortrag verwiesen. Ich hatte mich bereits Anfang 2012 über das Friedensplenum Tübingen, bei dem ich als Studentin mehrere Jahre intensiv mitgearbeitet hatte, an die Abgeordnete Heike Hänsel gewandt. Ich erhielt daraufhin am 16.3.2012 die Rückmeldung, Heike Hänsel werde mit ihren Kolleginnen in der Fraktion bzw. dem entsprechenden Ausschuß sprechen, es könne aber dauern und ich solle die Geduld nicht verlieren.

Ob dieses Gespräch tatsächlich stattgefunden hat und ob auch Sie hierin einbezogen wurden, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen, da bei späteren An- und Nachfragen meinerseits eine Antwort bzw. das mir versprochene Gespräch immer wieder erneut aufgeschoben und damit auch eine inhaltliche Stellungnahme abgeblockt wurde. Nach meinem Vortrag zum Thema „Militarisierung versus Wissenschaftsfreiheit“ im Rahmen der Whistleblower-Ausstellung vom 17.6.2013 wurde mir dann explizit Solidarität und Unterstützung durch die Linkspartei zugesagt. Es hieß, Sie seien in Ihrer Funktion als hochschulpolitische Sprecherin der Linkspartei kontaktiert worden und würden sich um die Angelegenheit kümmern, allerdings in Anbetracht der Kürze der Zeit erst nach den Wahlen. Ich habe mich am 27.9.2013 dann direkt an Ihr Büro gewandt, aber bisher von Ihnen keine Reaktion erhalten.

Sehr geehrte Frau Gohlke, ich trage eine Last konkreter Probleme mit mir herum, die mich – Tendenz steigend - massiv in meiner wissenschaftlichen Arbeit behindern und die ich alleine wohl auch nicht gelöst bekomme. Es sind dies zuallererst:

  • Zunehmende ernsthafte Gesundheitsprobleme: Mir wurde in Deutschland trotz regulärer Krankenversicherung seit 2007 die korrekte Behandlung eines (nicht mit psychosomatischen Störungen in Verbindung stehenden!) Rückenproblems mit Verweis auf den Konflikt mit meinem Arbeitgeber verweigert. Durch die Verschleppung dieses Problems ist nun offenbar ein chirurgischer Eingriff erforderlich. In den letzten Monaten hat sich mein Zustand stark verschlechtert und insbesondere längere Arbeit am Computer fällt mir extrem schwer. Hinzu kommen massive Streßsyptome und psychosomatische Beschwerden, die durch den Druck, dem ich nun fast 10 Jahre lang fortdauernd ausgesetzt bin, hervorgerufen werden. Ich habe mich in den letzten Wochen um Aufnahme in die türkische gesetzliche Krankenversicherung bemüht, weiß aber nicht, ob diese die Kosten für die von deutscher Seite verursachten, bereits jahrelang bestehenden Beschwerden übernehmen wird.

  • Ausschluß aus dem Wissenschaftsbetrieb: Ich hatte mich auf der Flucht vor den deutschen wissenschaftlichen Beschränkungen und als Versuch, die hiervon hervorgerufenen Probleme aus eigener Kraft und auf eigene Kosten zu beheben, im Herbst 2007 an einer englischen Universität als Doktorandin eingeschrieben Diese hat mir allerdings ebenfalls nicht die mir zustehende Unterstützung zukommen lassen und sich insbesondere auch nach Verschlechterung meiner Lage in Deutschland im Jahr 2008 nicht für meine Wissenschaftsfreiheit und persönliche Unversehrtheit eingesetzt. Nachdem ich jahrelang von der Universität Southampton mitsamt meiner schwierigen persönlichen Situation weitgehend ignoriert worden bin, bin ich seit September 2012 nun de facto – ohne jegliche Nennung von Gründen - komplett aus dieser Institution ausgeschlossen. Ich erhalte trotz eines Beschwerdeprozesses, der nun in sein 2. Jahr geht, keinerlei akademische Betreuung und kann, da einem autonomen Arbeiten ebenfalls nicht stattgegeben wurde, damit meine Doktorarbeit nicht fertigstellen. Das heißt konkret auch, daß ich mich nicht formal korrekt auf Stipendien bewerben, keine akademische Anstellung finden und auch nicht ohne weitere, von mir nicht mehr vertretbare Verluste und Kosten an eine andere Institution wechseln kann. Zudem muß ich aufgrund des ungesetzlichen und regelwidrigen Vorgehens der Universität Southampton jeden Moment mit einem vollständigen Herauswurf und damit auch dem Verlust des Zugangs zu Recherche- und Literaturdatenbanken rechnen, ohne die ich meine wissenschaftliche Arbeit nicht werde weiterführen können.

  • Fehlende Rechtssicherheit: Ich befinde mich seit spätestens 2008 in einem Zustand weitgehender Willkür und fortgesetzter Rechtsverletzungen, gegen die ich mich als einzelne und weitgehend mittellose Privatperson nicht effektiv zur Wehr setzen kann. Insbesonders mußte ich auch die Erfahrung einer voreingenommenen, parteiischen und diskriminierenden Behandlung durch Gericht und Staatsanwaltschaft machen, von denen meine Rechte und Belange schlichtweg ignoriert wurden. Diese schwache rechtliche Position und der fehlende Zugang zu adäquater rechtlicher Vertretung wird nun gerade auch von Institutionen wie der Universität Southampton intensiv ausgenutzt. Für mich bedeutet das neben einer großen psychischen Belastung mit ständiger Unruhe und Angst vor weiteren Rechtsverletzungen/Diskriminierungen auch eine höchst instabile, in vielem unkalkulierbare persönliche und berufliche Situation, die mir eine Teilnahme am normalen Leben grundlegend erschwert.

  • Zerstörung meines Rufs als kompetenter und zuverlässiger Wissenschaftlerin: Ich stehe mittlerweile nicht nur vor dem Problem einer mehrfach gebrochenen institutionellen Laufbahn und eines lückenhaften Lebenslaufs, den ich ohne Bezugnahme auf die von mir erlebten Repressionen hinsichtlich meines Forschungsthemas nicht schlüssig erklären kann. Meine gegenwärtigen Lebensumstände erlauben mir zunehmend nun auch nicht mehr, meine wissenschaftliche Arbeit auf unabhängige Weise in gewohnter Qualität fortzusetzen und gegenüber Kollegen eigegangene Verpflichtungen termingerecht wahrzunehmen.

Konkret und ganz aktuell stehe ich - neben der für mich niederschmetternden Tatsache, daß es mir nun trotz eines jahrelangen Kampfes nicht mehr möglich sein wird, meine Arbeit zum Völkermord an den Tscherkessen vor dem politisch signifikanten Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi fertigszustellen - vor folgender Situation. Ich habe in der Erwartung, daß ich baldigst Unterstützung, inklusive der Chance auf medizinische Behandlung, bekomme und nicht mit neuen Schikanen, Aufregungen und meine Gesundheit ruinierendem Druck und Stress zu rechnen habe, die Mitwirkung an mehreren wissenschaftlichen Projekten fest zugesagt. Angesichts eines erneuten unerwarteten zeit- und nervenraubenden Tauziehens mit der Universität Southampton und der Verschlechterung meines Gesundheitszustandes sowie angesichts des Ausbleiben konkreter Unterstützung bin ich nun komplett ratlos, wie ich folgende Verpflichtungen, die mir viel bedeuten, einhalten soll:

  • Mitwirkung an einer anläßlich von Sotschi 2014 geplanten Ausstellung zu tscherkessischer Geschichte und Kultur im Völkerkundemuseum Hamburg, insbesondere die Erstellung von Ausstellungstexten zur Geschichte der Massaker und Vertreibungen

  • Teilnahme am Workshop „The fragments imagine the nation. Minorities in the colonial and postcolonial Middle East“ am 8./9. November 2013 am Graduate Institute International and Development Studies in Genf mit einem eigenen Vortrag unter dem Titel „The Northern Caucasian elite in Ottoman Istanbul: the process of self-definition as negotiation between majority and minority positions

  • Teilnahme an der internationalen Konferenz „Ideologie und staatliche Gewaltverbrechen“ vom 4.-6.12.2013 am Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum mit einem eigenen Vortrag unter dem Titel „Planning for “final subjugation”: towards a discursive history of genocidal violence in Western Caucasus (1780s to mid-19th century

Für mich bieten diese Projekte seit langer Zeit erstmals wieder eine Chance auf Austausch mit Kollegen in einem internationalen wissenschaftlichen Rahmen, auf Kontakte, die bei der Lösung meiner institutionellen Probleme behilflich sein könnten, wie auch Gelegenheit für eigene Publikationen zu Themenfeldern, die von der internationalen Forschung bisher weitestgehend unberührt geblieben sind - letzteres ist auch der Grund, warum ich diese Projekte hier explizit benenne.

Sollte meine momentane Situation unverändert bleiben und ich in der Folge nicht an diesen Projekten teilnehmen können, so möchte ich sichergehen, daß auch nach außen hin deutlich wird, daß hierfür nicht mangelnde Leistungsbereitschaft, mangelnde akademische Fähigkeit oder persönliche Unzuverlässigkeit verantwortlich sind, sondern politisch erzeugte Umstände, über die ich wenig bis gar keine Kontrolle habe. Auch möchte ich hiermit im Detail klargestellt haben, warum kontinuierliche Forschung zum Westkaukasus, dem Völkermord an den Tscherkessen und der tscherkessischen Diaspora bisher in einer internationalen, westsprachlichen Wissenschaftslandschaft kaum stattfindet. Ich bin durchaus nicht die einzige Wissenschaflerin, die bei derartigen Forschungsthemen auf institutionelle und gesellschaftlich-politische Schwierigkeiten stößt – bisher ist eine Offenlegung anderer Fälle wohl aus Angst vor weiteren negativen Konsequenzen für die eigene Karriere unterblieben.

Meines Erachtens ist sowohl für mich persönlich, als auch in Bezug auf die Tagespolitik allerspätestens jetzt, knapp vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi, der richtige Zeitpunkt, um die benannten Problemkomplexe zur Sprache zu bringen. Der deutsche Staat ist verpflichtet, mich vor Eingriffen in meine Wissenschaftsfreiheit zu schützen und berufliche oder persönliche Benachteiligungen zu unterbinden sowie entstandenen Schaden auszugleichen. Wenn entprechende Strukturen, die die Wissenschaftsfreiheit von Akademikern in der Praxis sicherstellen und Verstöße ahnden, nicht gegeben sind, so müssen diese geschaffen werden. Ein Recht auf freie Forschung, das nur auf dem Papier existiert, ist für von Einschränkungen betroffene Wissenschaftler nicht viel wert. Ich empfinde es als unwürdig, seit Jahren von Tür zu Tür zu ziehen, um Rat und Unterstützung anzuhalten, und doch immer wieder nur auf betretenes Schweigen, Ignoranz und abfällige Reaktionen zu stoßen.

Frau Gohlke, setzen Sie ein Zeichen gegen militärlastige, geostrategisch motivierte Forschung. Werden Sie aktiv, indem Sie mir konkrete Unterstützung beim Wiedergewinn meiner grundgesetzlich verbuchten Rechte und der Wiederherstellung eines produktiven Forschungsumfeldes bieten und stoßen Sie eine Debatte darüber an, welche strukturellen Veränderungen nowendig sind, um Wissenschaftler wie mich gegen eine zunehmende Fremdbestimmung und Instrumentalisierung wissenschaftlicher Forschung zu schützen.

Wir brauchen keine neue Teilung der Welt in einen sich abschottenden, ausschließlich seine eigenen wirtschaftlichen und strategischen Interessen vorantreibenden Westen und ein „terroristisches“ Draußen. Was notwendig ist, um den aktuellen fatalen Tendenzen in Politik und Wissenschaft gegenzusteuern, ist u.a. eine Aufarbeitung kolonialer, postkolonialer und neokolonialer Strukturen. Es muß vor diesem Hintergrund ohne jeglichen Karriereschaden und das Risiko persönlicher Einbußen möglich sein, auch Gewalttaten zu erforschen, die der üblichen klischeehaften Rollenverteilung in „demokratischen, freiheitlichen Westen“ versus „östlichen Aggressor/ gewalttätigen, rückständigen Orientalen“ zuwiderlaufen. Es muß möglich sein, auch historische Verbrechen, im Zuge derer muslimische bzw. als muslimisch wahrgenommene Bevölkerungsgruppen wie die Tscherkessen das Opfer westlicher imperialer Aggressionen geworden sind, zu erforschen.

Im Zuge der Herstellung von Öffentlichkeit, die ich für ein Brechen der Tabus um den an den Tscherkessen verübten Völkermord für unerläßlich halte, erlaube ich mir, das gegenwärtige Schreiben als Offenen Brief online zu veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen,

Irma Kreiten

P.S.: Das folgende Schreiben wurde ebenfalls, im Wunsche, daß sich gemeinsam noch eine Lösung für meine Mitwirkung bzw. Teilnahme an den genannten Projekten finden läßt und ich die sich hier bietenden Chancen auf Partizipation in der internationalen Scientific Community auch nutzen kann, auch an den Kuratoren der völkerkundlichen Ausstellung in Hamburg sowie die Organisatoren des Genfer Workshops und der Bochumer Konferenz weitergeleitet.

NACHTRAG: Nicole Gohlke hat mir am 28. Oktober 2013 per email geantwortet. Der Wortlaut ihres Schreibens ist nachzulesen auf meinem blog unter http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com/2013/10/antwortschreiben-von-nicole-gohlke.html

01:01 16.10.2013
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