Irma Kreiten
16.10.2013 | 01:01 11

Offener Brief an Nicole Gohlke

Genozidforschung Tabuthema Völkermord an den Tscherkessen. - Wer setzt sich in Deutschland für die Gewährleistung von Wissenschaftsfreiheit bei diesem heiklen Forschungsthema ein?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Irma Kreiten

Folgender offener Brief ist an die hochschulpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, Nicole Gohlke, gerichtet.

Sehr geehrte Frau Gohlke,

Ich bin als deutsche Ethnologin und Historikerin in Schwierigkeiten geraten, da ich mich für die Entstehung genozidaler Gewalt im Westkaukasus interessiert und für die wissenschaftliche Aufarbeitung des Völkermordes an den Tscherkessen eingesetzt habe. Mein Forschungsthema stand, ohne daß ich dies anfänglich realisiert hätte, quer zu den Militarisierungstendenzen an der Universität Tübingen, wo ich im Rahmen eines Drittmittelprojektes meine diesbezügliche wissenschaftliche Arbeit begonnen hatte. Auch läuft es dem allgemeinen, von aktuellen politischen Anforderungen bestimmten Forschungstrend in Deutschland zuwider, demzufolge nach Wegfall des Ost-West-Konflikts nun offenbar zunehmend „Muslime“ und „Terroristen“ bzw. der „Orientale“ als neue Feindbilder präsentiert und dabei alte rassistische und kolonialistische Strukturen und Forschungsansätze wiederaufgewärmt werden. In meinem persönlichen Arbeitsgebiet der Osteuropäischen Geschichte kommen zudem noch unaufgearbeitete inhaltliche, personale und strukturelle Kontinuitäten des Fachs zur nationalsozialistischen Ostforschung hinzu, die ebenfalls einer kritischen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den kolonialen Wurzeln moderner Genozide wenig zuträglich sein dürften.

Ich nehme an, Sie sind über Form und Ausmaß der Eingriffe in meine Wissenschaftsfreiheit, wie ich sie in Deutschland bzw. ausgehend von Deutschland seit 2005 erlebt habe und erlebe, zumindest ansatzweise informiert. Zur Sicherheit sei hier noch einmal auf mein Interview mit German Foreign Policy wie auch meinen von Radio Querfunk aufgezeichneten Vortrag verwiesen. Ich hatte mich bereits Anfang 2012 über das Friedensplenum Tübingen, bei dem ich als Studentin mehrere Jahre intensiv mitgearbeitet hatte, an die Abgeordnete Heike Hänsel gewandt. Ich erhielt daraufhin am 16.3.2012 die Rückmeldung, Heike Hänsel werde mit ihren Kolleginnen in der Fraktion bzw. dem entsprechenden Ausschuß sprechen, es könne aber dauern und ich solle die Geduld nicht verlieren.

Ob dieses Gespräch tatsächlich stattgefunden hat und ob auch Sie hierin einbezogen wurden, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen, da bei späteren An- und Nachfragen meinerseits eine Antwort bzw. das mir versprochene Gespräch immer wieder erneut aufgeschoben und damit auch eine inhaltliche Stellungnahme abgeblockt wurde. Nach meinem Vortrag zum Thema „Militarisierung versus Wissenschaftsfreiheit“ im Rahmen der Whistleblower-Ausstellung vom 17.6.2013 wurde mir dann explizit Solidarität und Unterstützung durch die Linkspartei zugesagt. Es hieß, Sie seien in Ihrer Funktion als hochschulpolitische Sprecherin der Linkspartei kontaktiert worden und würden sich um die Angelegenheit kümmern, allerdings in Anbetracht der Kürze der Zeit erst nach den Wahlen. Ich habe mich am 27.9.2013 dann direkt an Ihr Büro gewandt, aber bisher von Ihnen keine Reaktion erhalten.

Sehr geehrte Frau Gohlke, ich trage eine Last konkreter Probleme mit mir herum, die mich – Tendenz steigend - massiv in meiner wissenschaftlichen Arbeit behindern und die ich alleine wohl auch nicht gelöst bekomme. Es sind dies zuallererst:

  • Zunehmende ernsthafte Gesundheitsprobleme: Mir wurde in Deutschland trotz regulärer Krankenversicherung seit 2007 die korrekte Behandlung eines (nicht mit psychosomatischen Störungen in Verbindung stehenden!) Rückenproblems mit Verweis auf den Konflikt mit meinem Arbeitgeber verweigert. Durch die Verschleppung dieses Problems ist nun offenbar ein chirurgischer Eingriff erforderlich. In den letzten Monaten hat sich mein Zustand stark verschlechtert und insbesondere längere Arbeit am Computer fällt mir extrem schwer. Hinzu kommen massive Streßsyptome und psychosomatische Beschwerden, die durch den Druck, dem ich nun fast 10 Jahre lang fortdauernd ausgesetzt bin, hervorgerufen werden. Ich habe mich in den letzten Wochen um Aufnahme in die türkische gesetzliche Krankenversicherung bemüht, weiß aber nicht, ob diese die Kosten für die von deutscher Seite verursachten, bereits jahrelang bestehenden Beschwerden übernehmen wird.

  • Ausschluß aus dem Wissenschaftsbetrieb: Ich hatte mich auf der Flucht vor den deutschen wissenschaftlichen Beschränkungen und als Versuch, die hiervon hervorgerufenen Probleme aus eigener Kraft und auf eigene Kosten zu beheben, im Herbst 2007 an einer englischen Universität als Doktorandin eingeschrieben Diese hat mir allerdings ebenfalls nicht die mir zustehende Unterstützung zukommen lassen und sich insbesondere auch nach Verschlechterung meiner Lage in Deutschland im Jahr 2008 nicht für meine Wissenschaftsfreiheit und persönliche Unversehrtheit eingesetzt. Nachdem ich jahrelang von der Universität Southampton mitsamt meiner schwierigen persönlichen Situation weitgehend ignoriert worden bin, bin ich seit September 2012 nun de facto – ohne jegliche Nennung von Gründen - komplett aus dieser Institution ausgeschlossen. Ich erhalte trotz eines Beschwerdeprozesses, der nun in sein 2. Jahr geht, keinerlei akademische Betreuung und kann, da einem autonomen Arbeiten ebenfalls nicht stattgegeben wurde, damit meine Doktorarbeit nicht fertigstellen. Das heißt konkret auch, daß ich mich nicht formal korrekt auf Stipendien bewerben, keine akademische Anstellung finden und auch nicht ohne weitere, von mir nicht mehr vertretbare Verluste und Kosten an eine andere Institution wechseln kann. Zudem muß ich aufgrund des ungesetzlichen und regelwidrigen Vorgehens der Universität Southampton jeden Moment mit einem vollständigen Herauswurf und damit auch dem Verlust des Zugangs zu Recherche- und Literaturdatenbanken rechnen, ohne die ich meine wissenschaftliche Arbeit nicht werde weiterführen können.

  • Fehlende Rechtssicherheit: Ich befinde mich seit spätestens 2008 in einem Zustand weitgehender Willkür und fortgesetzter Rechtsverletzungen, gegen die ich mich als einzelne und weitgehend mittellose Privatperson nicht effektiv zur Wehr setzen kann. Insbesonders mußte ich auch die Erfahrung einer voreingenommenen, parteiischen und diskriminierenden Behandlung durch Gericht und Staatsanwaltschaft machen, von denen meine Rechte und Belange schlichtweg ignoriert wurden. Diese schwache rechtliche Position und der fehlende Zugang zu adäquater rechtlicher Vertretung wird nun gerade auch von Institutionen wie der Universität Southampton intensiv ausgenutzt. Für mich bedeutet das neben einer großen psychischen Belastung mit ständiger Unruhe und Angst vor weiteren Rechtsverletzungen/Diskriminierungen auch eine höchst instabile, in vielem unkalkulierbare persönliche und berufliche Situation, die mir eine Teilnahme am normalen Leben grundlegend erschwert.

  • Zerstörung meines Rufs als kompetenter und zuverlässiger Wissenschaftlerin: Ich stehe mittlerweile nicht nur vor dem Problem einer mehrfach gebrochenen institutionellen Laufbahn und eines lückenhaften Lebenslaufs, den ich ohne Bezugnahme auf die von mir erlebten Repressionen hinsichtlich meines Forschungsthemas nicht schlüssig erklären kann. Meine gegenwärtigen Lebensumstände erlauben mir zunehmend nun auch nicht mehr, meine wissenschaftliche Arbeit auf unabhängige Weise in gewohnter Qualität fortzusetzen und gegenüber Kollegen eigegangene Verpflichtungen termingerecht wahrzunehmen.

Konkret und ganz aktuell stehe ich - neben der für mich niederschmetternden Tatsache, daß es mir nun trotz eines jahrelangen Kampfes nicht mehr möglich sein wird, meine Arbeit zum Völkermord an den Tscherkessen vor dem politisch signifikanten Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi fertigszustellen - vor folgender Situation. Ich habe in der Erwartung, daß ich baldigst Unterstützung, inklusive der Chance auf medizinische Behandlung, bekomme und nicht mit neuen Schikanen, Aufregungen und meine Gesundheit ruinierendem Druck und Stress zu rechnen habe, die Mitwirkung an mehreren wissenschaftlichen Projekten fest zugesagt. Angesichts eines erneuten unerwarteten zeit- und nervenraubenden Tauziehens mit der Universität Southampton und der Verschlechterung meines Gesundheitszustandes sowie angesichts des Ausbleiben konkreter Unterstützung bin ich nun komplett ratlos, wie ich folgende Verpflichtungen, die mir viel bedeuten, einhalten soll:

  • Mitwirkung an einer anläßlich von Sotschi 2014 geplanten Ausstellung zu tscherkessischer Geschichte und Kultur im Völkerkundemuseum Hamburg, insbesondere die Erstellung von Ausstellungstexten zur Geschichte der Massaker und Vertreibungen

  • Teilnahme am Workshop „The fragments imagine the nation. Minorities in the colonial and postcolonial Middle East“ am 8./9. November 2013 am Graduate Institute International and Development Studies in Genf mit einem eigenen Vortrag unter dem Titel „The Northern Caucasian elite in Ottoman Istanbul: the process of self-definition as negotiation between majority and minority positions

  • Teilnahme an der internationalen Konferenz „Ideologie und staatliche Gewaltverbrechen“ vom 4.-6.12.2013 am Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum mit einem eigenen Vortrag unter dem Titel „Planning for “final subjugation”: towards a discursive history of genocidal violence in Western Caucasus (1780s to mid-19th century

Für mich bieten diese Projekte seit langer Zeit erstmals wieder eine Chance auf Austausch mit Kollegen in einem internationalen wissenschaftlichen Rahmen, auf Kontakte, die bei der Lösung meiner institutionellen Probleme behilflich sein könnten, wie auch Gelegenheit für eigene Publikationen zu Themenfeldern, die von der internationalen Forschung bisher weitestgehend unberührt geblieben sind - letzteres ist auch der Grund, warum ich diese Projekte hier explizit benenne.

Sollte meine momentane Situation unverändert bleiben und ich in der Folge nicht an diesen Projekten teilnehmen können, so möchte ich sichergehen, daß auch nach außen hin deutlich wird, daß hierfür nicht mangelnde Leistungsbereitschaft, mangelnde akademische Fähigkeit oder persönliche Unzuverlässigkeit verantwortlich sind, sondern politisch erzeugte Umstände, über die ich wenig bis gar keine Kontrolle habe. Auch möchte ich hiermit im Detail klargestellt haben, warum kontinuierliche Forschung zum Westkaukasus, dem Völkermord an den Tscherkessen und der tscherkessischen Diaspora bisher in einer internationalen, westsprachlichen Wissenschaftslandschaft kaum stattfindet. Ich bin durchaus nicht die einzige Wissenschaflerin, die bei derartigen Forschungsthemen auf institutionelle und gesellschaftlich-politische Schwierigkeiten stößt – bisher ist eine Offenlegung anderer Fälle wohl aus Angst vor weiteren negativen Konsequenzen für die eigene Karriere unterblieben.

Meines Erachtens ist sowohl für mich persönlich, als auch in Bezug auf die Tagespolitik allerspätestens jetzt, knapp vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi, der richtige Zeitpunkt, um die benannten Problemkomplexe zur Sprache zu bringen. Der deutsche Staat ist verpflichtet, mich vor Eingriffen in meine Wissenschaftsfreiheit zu schützen und berufliche oder persönliche Benachteiligungen zu unterbinden sowie entstandenen Schaden auszugleichen. Wenn entprechende Strukturen, die die Wissenschaftsfreiheit von Akademikern in der Praxis sicherstellen und Verstöße ahnden, nicht gegeben sind, so müssen diese geschaffen werden. Ein Recht auf freie Forschung, das nur auf dem Papier existiert, ist für von Einschränkungen betroffene Wissenschaftler nicht viel wert. Ich empfinde es als unwürdig, seit Jahren von Tür zu Tür zu ziehen, um Rat und Unterstützung anzuhalten, und doch immer wieder nur auf betretenes Schweigen, Ignoranz und abfällige Reaktionen zu stoßen.

Frau Gohlke, setzen Sie ein Zeichen gegen militärlastige, geostrategisch motivierte Forschung. Werden Sie aktiv, indem Sie mir konkrete Unterstützung beim Wiedergewinn meiner grundgesetzlich verbuchten Rechte und der Wiederherstellung eines produktiven Forschungsumfeldes bieten und stoßen Sie eine Debatte darüber an, welche strukturellen Veränderungen nowendig sind, um Wissenschaftler wie mich gegen eine zunehmende Fremdbestimmung und Instrumentalisierung wissenschaftlicher Forschung zu schützen.

Wir brauchen keine neue Teilung der Welt in einen sich abschottenden, ausschließlich seine eigenen wirtschaftlichen und strategischen Interessen vorantreibenden Westen und ein „terroristisches“ Draußen. Was notwendig ist, um den aktuellen fatalen Tendenzen in Politik und Wissenschaft gegenzusteuern, ist u.a. eine Aufarbeitung kolonialer, postkolonialer und neokolonialer Strukturen. Es muß vor diesem Hintergrund ohne jeglichen Karriereschaden und das Risiko persönlicher Einbußen möglich sein, auch Gewalttaten zu erforschen, die der üblichen klischeehaften Rollenverteilung in „demokratischen, freiheitlichen Westen“ versus „östlichen Aggressor/ gewalttätigen, rückständigen Orientalen“ zuwiderlaufen. Es muß möglich sein, auch historische Verbrechen, im Zuge derer muslimische bzw. als muslimisch wahrgenommene Bevölkerungsgruppen wie die Tscherkessen das Opfer westlicher imperialer Aggressionen geworden sind, zu erforschen.

Im Zuge der Herstellung von Öffentlichkeit, die ich für ein Brechen der Tabus um den an den Tscherkessen verübten Völkermord für unerläßlich halte, erlaube ich mir, das gegenwärtige Schreiben als Offenen Brief online zu veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen,

Irma Kreiten

P.S.: Das folgende Schreiben wurde ebenfalls, im Wunsche, daß sich gemeinsam noch eine Lösung für meine Mitwirkung bzw. Teilnahme an den genannten Projekten finden läßt und ich die sich hier bietenden Chancen auf Partizipation in der internationalen Scientific Community auch nutzen kann, auch an den Kuratoren der völkerkundlichen Ausstellung in Hamburg sowie die Organisatoren des Genfer Workshops und der Bochumer Konferenz weitergeleitet.

NACHTRAG: Nicole Gohlke hat mir am 28. Oktober 2013 per email geantwortet. Der Wortlaut ihres Schreibens ist nachzulesen auf meinem blog unter http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com/2013/10/antwortschreiben-von-nicole-gohlke.html

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (11)

JR's China Blog 16.10.2013 | 05:27

Hallo Frau Kreiten,

es ist wohl nicht allzu wahrscheinlich, dass Sie von Abgeordneten irgendeiner Partei konkrete Unterstützung erhalten werden. Dass es sich um ein Thema von größter Relevanz handelt - wie abhängig nämlich Forschund und Lehre tatsächlich von politischen und wirtschaftlichen Interessen sein können -, ändert daran nichts, sondern verschärft das Problem eher noch.

Dass auch die Gewaltenteilung solche Probleme häufig nicht oder allenfalls ansatzweise löst, ist mir am Fall früherer Mitarbeiter des Chinesisch-Dienstes der Deutschen Welle deutlich geworden. https://www.freitag.de/autoren/justrecently/ein-bag-urteil-und-seine-vorgeschichte

Und politisch geht da nicht viel - oder jedenfalls nicht ohne jahrelanges "Bohren dicker Bretter" -, weil die Beschäftigung mit solchen "Einzelthemen" für die einzelnen Abgeordneten persönlich nicht viel bringt. Kredit bei Wählerinnen und Wählern erwirbt man sich mit der Durchsetzung von Autobahnabschnitten, auf Landes- oder Kommunalebene mit der Durchsetzung von Radwegen, Bus- und Straßenbahnstrecken oder Straßenbeleuchtungen, oder allgemeiner mit einer erfolgreichen Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik.



Das macht die Lage von Menschen, die mit Idealismus und positiver Energie an ihre Arbeit gehen (oder gegangen waren), wohl so schwierig bis unmöglich, sobald sie mit den verdeckten, aber strukturell fest eingebetteten Interessen kollidieren - "Interessen", die ein unbeteiligter Beobachter oft gar nicht für möglich hält. Hier scheint mir überhaupt das stabilisierende Element für Unrecht zu liegen, oder eine wichtige Ursache dafür, dass Unrecht politisch mehrheitsfähig ist. Oder einfacher gesagt: "Der geschickte Journalist" - und nicht nur er - "hat eine Waffe: das Totschweigen - und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch."
http://de.wikiquote.org/wiki/Journalismus

Ich kann Ihnen unmöglich raten - ich wüsste selbst nicht, wie ich mit einer Situation wie dieser konkret umgehen würde. Ich glaube aber zu sehen, dass der Weg zurück zu physischer Stärke und seelischem Frieden nicht über kurzfristige berufliche Erfolge führen wird. Als Dissidentin werden Sie sich - vermute ich - nicht in öffentlich oder privatwirtschaftlich finanzierten Projekten einen Namen machen können. Sie werden wohl ausweichen müssen, so wie Sie es versuchsweise mit Southampton und der Türkei getan haben oder tun. Aber das sicherlich auf eine kreative Weise, wenn es zu wissenschaftlichen Ergebnissen führen soll.

Ich wünsche Ihnen vor allem, dass Sie nicht das Handtuch werfen, egal, wie entmutigend der Status Quo aussieht. Vor allem aber: ignorieren sie bei Ihrer schwierigen Arbeit nicht Ihre Gesundheit und Ihre Möglichkeiten, über kürzere oder längere Phasen einfach mal glücklich zu sein - immer wenn sich das ergibt.

Und selbstverständlich wünsche ich Ihnen, dass Ihr offener Brief zu Fortschritten führt. Ich würde nur nicht darauf wetten.

Irma Kreiten 16.10.2013 | 10:52

Danke fuer Ihre Ausfuehrungen, die ich im grossen und ganzen nur teilen kann, insbesondere, was die Kosten-Nutzen-Rechnungen unserer Parteien und politischen Wuerdentraeger angeht. Sie bestaetigen nicht zuletzt meine Erfahrungen, dass in Deutschland konkrete Ansprechspartner und konkrete Unterstuetzung/konkreter Schutz von andersdenkenden Wissenschaftlern und Intellektuellen fehlen. Deutsche Medien und Politiker echauffieren sich gerne und oft, wenn im Ausland Forschungs- und Meinungsfreiheit nicht gewahrt werden (zumindest dann, wenn eine diesbezuegliche Offenlegung ihren eigenen Interessen dient), beteiligen sich dann aber im eigenen Land an einer Praxis des Wegsehens und Verschweigens. Wem nutzen abstrakt vorhandene Rechte, wenn Verletzungen dieser Rechte kategorisch geleugnet werden. Sicher sind das dicke Bretter, die hier gebohrt werden muessen, die Offenlegung solcher Faelle und Strukturen, wie auch Sie es in Ihrem Artikel getan haben, ist meines Erachtens ein wichtiger Schritt hierzu, er dient auch anderen Betroffenen dazu, sich nicht als Kuriosum der Weltgeschichte zu fuehlen. Es sei mir aber erlaubt, einen m.E. doch erheblichen Unterschied zum Vorgehen der Deutschen Welle zu benennen: so tragisch wie auch der Verlust des Arbeitsplatzes sein mag, bei mir ist das Vorgehen nicht auf einen Konflikt mit meinem Arbeitgeber begrenzt geblieben, sondern hat sich auf eine Diskriminierung durch weitere Instanzen - etwa die Verweigerung medizinischer Behandlung - ausgeweitet, die Chance zu einem Gerichtsprozess hat sich mir erst gar nicht geboten. Eine offene Kuendigung waere in diesem Falle fuer mich sogar weitaus positiver gewesen, denn sie haette reinen Tisch gemacht. Danke jedoch fuer Ihre Aufmunterungen und guten Wuensche - ich werde weitermachen.

Martin Franz 16.10.2013 | 12:00

....."in Schwierigkeiten geraten, da ich mich für"......

....."dahin" gerät ja wohl JEDER "der"!!!......und genau "da" liegt das eigentliche PROBLEM!!!.....ÜBERALL!!!......

...und Frau Gohlke dürfte "dazu" gehören.....

....traurig, traurig, traurig!!!

.....aber niemals die HOFFNUNG und insbesondere DARAN und DAFÜR zu ARBEITEN aufgeben.....im GEGENTEIL!!!....."dies" als ANSPORN anzusehen!!!......

....."dann" wird "es" schon "werden".......

Irma Kreiten 16.10.2013 | 15:27

"..."Interessen", die ein unbeteiligter Beobachter oft gar nicht für möglich hält. Hier scheint mir überhaupt das stabilisierende Element für Unrecht zu liegen, oder eine wichtige Ursache dafür, dass Unrecht politisch mehrheitsfähig ist." Hier haben Sie so recht, denn wenn man sich in einer vorgeblich freiheitlichen Gesellschaft gegen derartige Interessen und Strukturen wehrt, wird man schlicht und einfach zusammen mit dem betreffenden Problem unsichtbar gemacht, waehrend dort, wo es gleich auf den ersten Blick rauher zugeht, immer noch der Trost des Dissidenten-Nimbus winkt und einem damit nicht gleich von vornherein die gesellschaftliche Unterstützung abgegraben wird. Foucault mit seiner Unterscheidung in innere und äußere Disziplin läßt grüßen. Der bekannte türkische Journalist Can Dündar hat jüngst in Bezug auf die Transformation der türkischen Presse- und Zensurlandschaft ein paar interessante Beobachtungen hierzu angestellt: http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/10/491337/tuerkischer-journalist-selbstzensur-treibt-medien-in-die-unglaubwuerdigkeit/. Meines Erachtens ist das, was er hier erstaunt beschreibt, allerdings das, was bei uns schon seit geraumer Zeit gang und gäbe ist.

JR's China Blog 16.10.2013 | 19:30

Nun ja - es geht mancherorts nicht nur auf den ersten Blick rauher zu. Vor der Wahl zwischen einem chinesischen Arbeitslager oder Gefängnis und einem deutschen Knast würde ich immer noch diese Seite des Urals wählen.

Auffallend beim Dissidententum ist z. B. in China, dass viele Personen, die international durchaus bekannt sind, im Inland überwiegend gar nicht erst bemerkt werden (auch da funktioniert die Presse - unter der Anleitung eines zentralen Propagandabüros - im von Tucholsky beschriebenen Sinn). Und die meisten, die doch einmal öffentlich wahrgenommen wurden, werden dann wieder vergessen. Aber der Preis des Vergessenwerdens oder des Übersehenwerdens ist in China definitiv höher als hier.
Trotzdem steht wohl außer Frage, dass Zwangssysteme in verfeinerter Form - und in manchen Fällen auch gar nicht mehr subtil - auch in Deutschland angewendet werden. Ich beobachte in dem Zusammenhang oft eine Mischung aus Wegschauen und Fatalismus ("ist halt ein Schweinesystem" / "kann man nichts machen").Mir scheint, in der Türkei wird auch Zwang gegenüber Verlegern ausgeübt. Ist das so? Das gibt es in Deutschland - meiner Wahrnehmung nach - nicht. Hier in Deutschland gibt es offenbar einen Konformitätsdruck, der dezentraler und mithin indirekter ausgeübt wird.Dafür, dass die Exekutive in Deutschland bisher jedenfalls weniger freie Hand hat als in vielen anderen Ländern, ist sicher keiner starken Zivilgesellschaft zu danken - die ist nicht des Deutschen Größe. Noch halten statt dessen in den meisten Fällen die Leitplanken, die Alliierte und Mütter und Väter des Grundgesetzes gezogen haben. Aber darauf sollte sich niemand ausruhen.

Irma Kreiten 16.10.2013 | 19:37

Das war wohl etwas falsch angekommen: mit "auf den ersten Blick" rauher meinte ich, dass man Gewalt/Disziplinierung auf den ersten Blick auch als solche erkennt und nicht, daß diese dann auf der Oberflaeche bleiben. Ich fuer meinen Teil moechte trotzdem nicht zwischen einer deutschen Psychiatrie, denn dorthin wandern bei uns u.a. Whistleblower, und einem post-kommunistischen Arbeitslager entscheiden muessen, ich kann auf beides gut verzichten.

JR's China Blog 16.10.2013 | 19:50

An diesem Punkt wird es schwierig, Frau Kreiten. Ein Unterschied zwischen mir als deutschem Staatsbürger, und chinesichen Staatsbürgern, die ich gut kenne, besteht darin, dass ich mein Recht auf Versammlungs- und Koalitonsfähigkeit wesentlich eher wahrnehmen kann, als ein Chinese das könnte, ohne schon beim ersten Mal vorläufig festgenommen zu werden oder nach einiger Zeit der Aktivität zu einem ersten "Tee mit der Staatssicherheit" vorgeladen zu werden.

Und das sollten Deutsche meiner Meinung nach gelten lassen: sie haben ganz andere politische Möglichkeiten als viele ihrer Zeigenossen anderswo in der Welt. Mir scheint, das wird vielfach darum nicht anerkannt, weil sich daraus persönliche - moralische - Pflichten ergeben könnten: die nämlich, sich einzumischen und mitzumischen.

"Gesellschaft" ist ein Begriff, der mir eigentlich nur in diesem Zusammenhang wichtig ist. Im Zusammenhang mit dem, was viele Kollegen - und auch manche Freunde - darunter verstehen, bedeutet er mir nicht viel.

"Kulturell", z. B.. Warum sollte ich in ein Theater gehen, in dem man sich, wie Asansör hier beschreibt, in der Show auf betroffen macht, aber verwaltungstechnisch genau die Praktiken anwendet, die auf der Bühne kritisiert werden?

Irma Kreiten 16.10.2013 | 23:24

Ich glaube Ihnen gern, daß viele Menschen falsche Vorstellungen von der Repressivität des chinesischen Regimes haben - mein Vergleichspunkt ist meist die Türkei, bedingt auch Rußland. Ein Einwand sei mir aber erlaubt: mir persönlich standen und stehen eben gerade nicht die vielen politischen Möglichkeiten zur Verfügung, die der nicht-aneckende Durchschnittsdeutsche genießen mag. Diese Möglichkeiten gelangen dort an ein schnelles Ende, wo man einem Menschen nicht mehr zuhört, ihm keine Rechte mehr zuerkennt .- er ist ja verrückt - und ihn kurzerhand als gesellschaftlicher Störfaktor in der Psychiatrie zu entsorgen sucht, wo er dann ebenfalls körperlich mißhandelt und mit sogenannten Medikamenten zerstört wird. Das ist etwas, was sowohl bei uns als auch im Ausland viele Menschen nicht nachvollziehen können, da es nicht dem Bild entspricht, das man sich von demokratischen Gesellschaften macht.. Ich bin aber nicht ohne Grund in der Türkei und schöpfe meine Meinungs- und Redefreiheit zu einem großen Teil aus der geographischen und juristischen Distanz zu meinem lieben Vater- und Mutterland. Vielleicht könnte ich , ohne dass mir etwas passieren wuerde, nun auch in Deutschland das gleiche sagen und schreiben. Der Punkt ist aber der, daß ich mich angesichts dessen, was ich dort erlebt habe, einschließlich physischer Gewalt, dies nicht mehr trauen würde. Das Schweigen einer Vielzahl von Menschen gerade zum Tabuthem Völkermord an den Tscherkessen zeigt mir, daß auch anderen deutschen Mitbürgern Angst vor den negativen Folgen von Meinungsäußerungen - und seien sie auch nur privat - ganz und gar nichts Unbekanntes ist, ich würde sogar vermuten, daß man hier sehr viel weniger Mut und Zivilcourage zeigt als so mancher Chinese.