Thomas Stangl illuminiert mit „Einer Handvoll sehr kurzer Erzählungen“

Wortmächtig In dem Erzählband „Diverse Wunder“ setzt Thomas Stangls gegen vermeintliche Gewissheiten, den Stoff, den es nur zu reinigen gilt
Ausgabe 17/2023
Spiel mit den Sinnen: Thomas Stangls Erzählband „Diverse Wunder“ lädt in fantastische Welten ein
Spiel mit den Sinnen: Thomas Stangls Erzählband „Diverse Wunder“ lädt in fantastische Welten ein

Foto: Imago/YAY Images

Eine Frau steigt aus einem Gemälde. Oder täuscht das nur? „Sie streicht die Haarsträhne von ihrer Stirn. Ihre weiße Haut. Die Haut eines Menschen. Ihre blitzenden grünen Augen. Sie kommen mir ganz nahe … Du musst zu Farbe werden. Du drehst dich. Ein Wirbel. Es jagt dich durch die Wand … Sie beugt sich nah ans Bild, und die Alarmsirene beginnt zu heulen.“ Fast wie ein Motiv aus einem romantischen Märchen mutet diese Szene an, wo sich hinter Bilderrahmen und Spiegeln fantastische Welten öffnen. Der Titel von Thomas Stangls neuem Buch, Diverse Wunder, könnte derlei Erwartungen wecken. Doch hier fügt sich nichts zur Verkörperung einer Sehnsucht. Die Merkwürdigkeiten haben eher etwas widerborstig Stachliges. Sie stehen für sich. Die Wirklichkeit ist dermaßen vieldimensional und absurd, dass die adäquate Art, sich ihr zu nähern, fragloses Staunen ist.

Ein paar Handvoll sehr kurzer Geschichten, verspricht der Untertitel. In Wirklichkeit sind es über achtzig, die man wie kleine Leckerbissen genießen kann, wenn man sich mit dem Autor auf eine Wellenlänge wagt. Thomas Stangl, 1966 in Wien geboren, hat dort Philosophie und Spanisch studiert und sein Studium 1991 mit einer Arbeit über dekonstruktive Literaturtheorie abgeschlossen. „Es gibt kein Außerhalb des Textes“, schrieb Jacques Derrida. Stangls Bücher – dies ist sein zehntes – lassen sich vor diesem Hintergrund lesen. Gegen die vermeintlichen Gewissheiten und Lügen, die uns umschwirren, wehrt er sich, indem er mit Hilfe von Literatur eine zweite Welt erschafft, in der alles möglich ist. Zum Beispiel kann man nach der Ankunft in einer fremden Stadt „in der Bahnhofsunterführung die falsche Richtung einschlagen“ und dennoch das Zentrum finden. Und auch im heimischen Wien öffnen sich zwischen bekannten Straßen und Plätzen Keller und Schluchten mit unterirdischem Wald und wucherndem Gestrüpp.

Genussvolle Paradoxien

„Ich glaube doch meiner Haut nicht mehr“, heißt es in der „Rede des Schattenpriesters“, einer der Geschichten des Bandes. Auch Daniil Charms tritt ins Spiel, der den „Quatsch“ als Gegenmittel zum sowjetischen Pathos kultivierte, und Julio Cortázar, der das Spielerische und den Humor als Grundmotiv seines Schreibens verstand. „Eine Fliege beginnt zu sprechen.“ Nur dieser eine Satz genügt Thomas Stangl, um uns einen magischen Raum zu öffnen.

Was erleben wir alles, wenn wir ihn betreten! Nichts anderes habe er zu tun, heißt es im Prolog, „als den Stoff, den ich vor mir habe, zu reinigen. Alles abzuschaben, was überflüssig ist … Bis nur noch dasteht, was alle wissen oder gewusst haben; aber an einem Ort, den es bisher nicht gab“, fügt er hinzu.

Genussvolle Arbeit an der Sprache, um immer wieder Paradoxien aufscheinen zu lassen – darin besteht eine der Ambitionen des Bandes. Wobei es für die Leser*innen wiederum auch eine Lust ist, Wiederkehrendes in den Texten zu entdecken: einen Fisch auf einem Mosaik inmitten von Ruinen, einen kleinen Polizisten, der hin und wieder aus einem Amulett steigt, oder eine Akrobatin, die sich der Ich-Erzähler als Begleitung seines „Neffen“ denkt.

Ein sprechender Hund, ein Spaniel, irrt durch Venedig, nachdem er von dem chinesischen Maler Wu Daozi zum Leben erweckt worden ist. Von ihm, der während der Ming-Dynastie lebte, sagt übrigens die Legende, dass er in einem seiner Gemälde verschwand. „Manchmal wird mir klar, dass das, wovon ich schreiben will, alle anderen schon seit jeher wissen. Jeder Baum weiß es, jeder Baum in der Dämmerung, und Baum für Baum, die sich den Abhang hinab vom Haus zum See aneinanderreihen. Jeder Fisch und jeder Vogel weiß es und der See mit seiner unbewegt im schwachen Licht spiegelnden Oberfläche.“

Ein melancholischer Schleier umspielt die Texte, in denen der Tod bejaht und verneint wird. Wortmacht gegen den Zweifel, die Verzweiflung. „Ziel der Literatur ist es, der Gurke den Weg aus dem Gurkenglas zu zeigen“, heißt es unter der Überschrift „Wittgenstein zwei“. Und man denkt an dessen Ausspruch, dass Aphorismen „geistige Vitaminpillen“ sind. „Einnahme beliebig, keine schädlichen Nebenwirkungen.“

Diverse Wunder Ein paar Handvoll sehr kurze Geschichten Thomas Stangl Droschl, 112 S., 20 €

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