Überwachen und Staunen

Staatliche Kontrolle Im Friedrichshain kommen Kastenwagen angerollt, wenn ein Obdachloser von der Parkbank kippt. Fast so, als hätte Edward Snowden wieder ein bekanntes Geheimnis verraten

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"Was ist denn bei Euch schon wieder los?", fragt mich neulich eine Freundin, die zweimal im Jahr die große Reise aus Friedenau nach Friedrichshain antritt, um mich zu besuchen. “Voll viel Polizei auf der Boxhagener Straße, ist was passiert?" Typisch Wessi: Viel Polizei auf der Straße heißt, da muss was ganz Schlimmes los sein. Nicht so im Friedrichshain. Die Menge an Polizeiaufgebot in Form von Kastenwagen und dazugehörigen Polizisten steht nicht immer im Zusammenhang mit der Schwere der in den Griff zu bekommenden Situation.

Zum Vergleich: Als im Februar 2011 das besetzte Haus in der Liebigstraße 14, bekannt als L14, geräumt wurde, zog zur vorgerückter Stunde ein Schwarzer Block aus vielleicht zwanzig Personen und dazu mehrere Hundertschaften in unsere Straße um. Die Straße war gesperrt, Polizeiwagen an Polizeiwagen reihte sich aneinander so weit das Auge sah. Dann folgte ein Straßengefecht nach folgendem Ablauf: Brennende Müllcontainer und alte Sofas als Barrikade auf die Kreuzung schieben. Rückzug in die Häusereingänge. Gucken. Circa fünfzig Polizisten mit Schlagstöcken in der Hand rücken an. Sofas wegräumen. Container wegschieben. Gucken. Schwarzer Block wieder raus aus den Häusereingängen. Und? Genau: Sofa wieder auf die Straße schieben, Container dazu stellen. Zwei Stunden dauerte das Schauspiel. Oder so: Man biegt nichts ahnend um die Ecke und schwupps – zwei Kastenwagen auf dem Wismarplatz, drumherum zwei Streifen mit stummgeschalteten Blaulicht, die im Schneckentempo den Schauplatz umkreisen. Etwa acht Polizisten stehen mehr oder weniger gelangweilt vor einer Parkbank, zwei im Gespräch. Was war passiert? Ich weiß es nicht, aber als Gegenüber zählte ich drei junge Punks, das dazugehörige Rudel Hunde und zwei Obdachlose, wo von der eine, naja gut, so halb auf dem Boden lag. Nach einem notwendigen Betreuungsverhältnis von 8:5 sah es jedenfalls nicht aus.

Als ich mit meiner Begleitung aus Friedenau also wenig später auf der Boxhagener Straße entlang ging und wir durch das Dickicht aus Gittern und grün-weißen Streifen eine kleine Gruppe mit circa zwölf Menschen sahen, die Transparente mit ihren Genzentrifizierungs-Sprüchen hochhielten, war ich dementsprechend wenig überrascht. Wir haben dann noch viel über Überwachung und Verhältnismäßigkeiten geredet. Heute würden wir bestimmt auch über Edward Snowden reden und darüber, wie ein Einzelner heutzutage ganze Staatengefüge durcheinanderbringen kann, mit Wahrheiten, die niemanden mehr so recht aufzuregen scheinen. Fast so, wie bei uns im Friedrichshain.

Ich glaube, ich stelle mich demnächst auch mal irgendwo mit einem Plakat hin und guck’, was passiert. Aber lieber nicht auf den Alexanderplatz, da wird man einfach zu schnell erschossen.

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irritation im alltag

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