Künstler entsorgt Elektroschrott im Meer

Kunst Deutsch-Iranischer Künstler Iman Rezai veröffentlich neues Projekt zur Sichtbarmachung von E-Waste. Mit I AM E-WASTE zeichnet der Künstler nun den Weg von E-Waste nach.
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Der deutsch-iranische Künstler Iman Rezai ist bekannt für seine drastischen Arbeiten. Nun geht er mit I AM E-WASTE ein Thema von globaler Relevanz an. Unter dem Deckmantel des Recycling werden jährlich geschätzt knapp 50 Millionen Tonnen Elektroschrott illegal aus den Industrienationen nach Asien und Afrika gebracht, wo sie Menschen und Umwelt vergiften. Diese Route macht der Künstler nun bekannt.

Mit dem rasant steigenden Konsum elektronischer Geräte nimmt auch die Masse an elektronischem Abfall rasant zu. Der Umgang mit E-Waste ist in Deutschland gesetzlich klar geregelt: E-Waste muss beim Händler oder bei öffentlichen Recycling-Höfen abgegeben werden. Damit ist die bürgerliche Pflicht getan, eventuell stellt sich noch ein gutes Gefühl ein: wird ja schließlich recycelt. BULLSHIT! Hier beginnt der Wahnsinn, auf den Iman Rezai mit I AM E-WASTE aufmerksam macht.

Der Handel mit E-Waste ist ein Milliardengeschäft. Unter dem Deckmantel des Recyclings wird E-Waste in Entwicklungsländer gebracht, wo es zum Wert von US $ 500 pro Tonne verkauft wird. Bei jährlich 50 Millionen Tonnen E-Waste werden laut Interpol rund zwischen US $ 12,5 – 18,5 Milliarden mit dem illegalen Handel von E-Waste generiert. Der geringste Teil wird tatsächlich zum Wiederverkauf aufbereitet.

Der Großteil wird auf riesige Deponien gebracht, wo wiederverwendbare Wertstoffe aus den Geräten extrahiert werden. Dies geschieht unter entsetzlichen Bedingungen, für die Umwelt und die Menschen, die diese Arbeit übernehmen. Der einfachste Weg, an die Wertstoffe zu kommen, ist es, die Geräte in Brand zu setzten. Bei diesem Vorgang entsteht giftiger Rauch, der den Menschen vor Ort und der Umwelt enorm schadet. Aus den Geräten entweichen zudem giftige Stoffe, wie Blei, Quecksilber und Arsen, die den Boden und das Wasser in der Region konterminieren, wodurch wiederum lokal angebaute Lebensmittel zusätzlich gesundheitsschädlich sind. Diese Lebensbedingungen haben, besonders bei den Kindern, die auf den Deponien arbeiten, gefährliche Auswirkungen auf das Immunsystem und das zentrale Nervensystem, was in Fehlgeburten, Krebsleiden und einer erschreckend niedrigen Lebenserwartung resultiert.

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Das ist unser Abfall! Ich allein habe fünf alte Smartphones im Regal liegen. Dazu kommt mein aktuelles, welches zwangsläufig zukünftiger E-Waste ist.

Die Problematik um E-Waste ist keine neue, dennoch fehlt noch die öffentliche Aufmerksamkeit, die für einen Wandel nötig ist.

Für I AM E-WASTE schafft Iman Rezai einen multimedialen Werkszyklus. Neben filmischen und fotografischen Arbeiten, füllt er eine wiederverschließbare Glasflasche mit Kabeln und anderem E-Waste und wirft sie ins Meer. Der E-Waste geht als Flaschenpost auf eine Reise, zurück in sein Herkunftsland.Die „E-MAIL“ wird in eine konzeptuelle Performance eingefasst und durch den performativen Charakter zusätzlich mit Bedeutung aufgeladen.
Die Kritik gegen diese Aktion kam wenig überraschend. Als Teil des Teams um Iman Rezai habe ich mich selbst zunächst gegen die Idee positioniert. Doch je lauter mein Widerspruch wurde, desto zufriedener war Iman. Allein das Konzept seiner Performance stieß direkt auf moralischen Widerspruch. Ich muss eingestehen, dass ich nie auf eine heftige Realität, in der Menschen ihr Leben im giftigen Abfall unseres Konsums verbringen, reagiert habe. Wieso sträubt sich alles bei der Vorstellung, eine Flaschenpost voll toxischem Abfall ins Meer zu werfen? Wieso regt sich bei dieser Aktion laute Kritik, während der Fakt, dass andere Menschen ihr Leben im giftigen Abfall unseres Konsumismus verbringen, mit einer mitleidigen Grimasse abgehakt wird?

Liegt es an der realen, kulturellen oder imaginierten Distanz? Ist es die Anonymität der Betroffenen? Ist es Ignoranz und Egozentrismus? Die französische Soziologin Françoise Verges schreibt in der aktuellen „South“ Magazin zu documenta14, dass die Welt immer noch den imperialistischen Machtstrukturen unterworfen ist und bezieht sich konkret auf das Entsorgen von Giftmüll in den globalen Süden. Das Thema E-Waste ist in einen vielschichtigen Diskurs eingebettet, was die Auseinandersetzung umso wichtiger macht.

Der erste Schritt ist die Sichtbarmachung des Problems, dann geht es an die Lösung. I AM E-WASTE reicht uns den Spiegel, sehen können wir nur selbst.

Getragen wird das Projekt über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Die Kampagne läuft noch bis Mitte Juli. Sammler können hierüber Objekte der Werksarbeit vorab erwerben und sich den Zugang zur filmischen Dokumentation der investigativen Reise sichern.

ÜBER IMAN REZAI

Der deutsch-iranische Künstler Iman Rezai thematisiert in seinen Arbeiten stets gesamtgesellschaftliche Probleme, welche sich für ihn oft in Doppelmoral manifestieren. Die Provokation hat er noch nie gescheut. Schon als Student polarisierte er international mit seiner partizipativen Performance Die Guillotine. Hier wurde online über die Hinrichtung eines Schafs mittels einer riesigen selbstgebauten Guillotine abgestimmt. Der öffentliche Aufschrei war enorm. Das Leben eines Schafes polarisiert, während es sich oft so bequem wegschauen lässt, wenn durch unser Handeln das Leben anderer Menschen aktiv verkürzt wird.

10:04 17.06.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

IsabelleD

Kulturwissenschaftlerin / Kunsthistorikerin / Freie Kuratorin mit Schwerpunkt auf Artivism, Feminismus und Museumskritik.
IsabelleD

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