Mehrsprachigkeit als Stigma oder Potential

Bilinguale Kinder Berlin Wann kommt das bilinguale Abitur mit Polnisch, Türkisch oder Arabisch? Warum Berliner Schulen von echter Vielsprachigkeit noch weit entfernt sind
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35% der Berliner*innen haben einen Migrationshintergrund, und sprechen damit neben Deutsch oft noch weitere Sprachen. Englisch oder Chinesisch sind in Lebensläufen gerne gesehen. Aber nicht alle Sprachen werden gleich bewertet. Sprechen Kinder Arabisch oder Türkisch, dann sorgt das im Berliner Schulsystem oft eher für Stigmatisierung als Anerkennung. Migrantische Organisationen engagieren sich dafür, dass sich dieser Missstand endlich ändert.

Doch zuerst ein Blick in die Geschichte: das Berliner Französische Gymnasium wurde schon 1689 gegründet – und ist damit die älteste öffentliche Schule Berlins. Auch deutsche Auslandsschulen existieren seit über 200 Jahren und unterstützen damit deutsche Sprachkenntnisse außerhalb des Landes. Die Deutsche Schule in Brüssel wurde beispielsweise 1803 gegründet.

Mehrsprachigkeit fördert das interkulturelle Verständnis, weitet den Horizont und macht das Erlernen jeder weiterer Sprache einfacher – darüber gibt es wohl mittlerweile Konsens. Aber gleichzeitig ist es ein Politikum. Es wird nach wie vor unterschieden zwischen der Tradition von Fremdsprachenunterricht, der in Deutschland bereits früh institutionalisiert wurde und herkunftssprachlichem Unterricht, also der Förderung einer zweiten Muttersprache.Nicht alle Sprachen werden gleichermaßen gefördert: eine türkische, polnische oder arabische Schule gibt es in Berlin bislang nicht.

Auf politischer Ebene geschah lange nichts, um diesen Missstand zu beheben. Darum haben Migrant*innen und Deutsche mit Migrationshintergrund das Thema selbst in die Hand genommen. Sie wurden aktiv, um die Förderung der zweiten Herkunftssprache ihrer Kinder an Schulen zu verwirklichen. Im Verein „mamis en movimiento“ engagieren sich beispielsweise seit 2009 spanischsprachige Eltern und Lehrkräfte für die Förderung von Spanisch an Berliner Schulen. Aus mehreren solcher Initiativen ist in Pankow die Arbeitsgemeinschaft „Mehrsprachigkeit“ entstanden, die bei den Integrationsbeiräten von Pankow und Marzahn-Hellersdorf angebunden ist.

Für Marita Orbegoso von Migra up, einer der mitarbeitenden Organisationen, geht es dabei um einen fachlichen Dialog zwischen Migrant*innenorganisationen und der Senatsverwaltung. Denn die Vereine und Initiativen kennen die Situation an den Schulen gut und können die Herausforderungen und Stolpersteine bei der Umsetzung von herkunftssprachlichem Unterricht benennen.

Ihr Engagement zeigt Wirkung: Die Förderung einer zweiten Herkunftssprache wurde endlich in Berlin in die politische Agenda aufgenommen. Seit Mai 2019 besetzt Fatih Özcan ein neugeschaffenes Amt. Er ist der Beauftragte der Berliner Senatsverwaltung für Mehrsprachigkeit.

„Wir haben da mit einer ganz kleinen Anzahl an Schulen angefangen, aber inzwischen bieten wir an 75 Schulen Türkisch an, an drei Schule Kurdisch und an neun Schulen Arabisch“, erzählt Özcan. Das ist immer noch zu wenig, betont er: „Wir wissen natürlich auch, dass es da viel mehr Potential gibt, für noch mehr Lerngruppen an weiteren Schulen.” Die Zusammenarbeit mit den Migrant*innenorganisationen schätzt Özcan sehr: „Für mich persönlich ist dieser Austausch wichtig, um auch die Entwicklung aus der Migrant*innenperspektive mit aufzunehmen. Was sind aktuell die Fragen und Themen innerhalb der Schüler*innencommunity, die die jeweiligen Sprachen sprechen? Für freuen uns, diese in unsere Arbeit aufzunehmen.“

Trotz dieser Fortschritte bleibt noch viel zu tun. Für Remziye Uykun vom Verband für Interkulturelle Arbeit (VIA) e.V. ist ein ganzheitliches und durchgängiges Mehrsprachigkeitskonzept das Ziel, von der Kita bis zur Ausbildung.

Aktuell scheitert das noch an fehlenden qualifizierten Lehrkräften. An den Berliner Hochschulen gibt es derzeit kein Angebot für herkunftssprachlichen Unterricht. Die Lehrkräfte sind meist Sprecher*innen der Herkunftssprachen mit anerkannten Qualifikationen im Berliner Schulsystem, die aber nicht in Deutschland ausgebildet worden sind.

Wann die Ausbildung der Lehrkräfte an deutschen Hochschulen zur Regel wird, kann Fatih Özcan, der Senatsbeauftragte für Mehrsprachigkeit, noch nicht sagen. Und auch, wann eine Zweisprachigkeit mit Türkisch, Arabisch oder Polnisch in Form von Noten belegt werden kann, wie es bei dem bilingualen Abitur mit Englisch, Französisch oder Spanisch schon passiert, ist noch offen.

Damit die Fähigkeiten von mehrsprachigen Schüler*innen anerkannt werden, ganz gleich, welche Sprache sie sprechen, muss noch einiges getan werden. Die Mehrsprachigkeit an Berliner Schulen bleibt somit ein spannendes Thema. Und die Initiativen, die sich für die Institutionalisierung herkunftssprachlichen Unterrichts engagiert haben, sind an vorderster Front dabei.

14:56 16.03.2021
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