abrissarbeiten, nächtliche anrufe und knatternde ampelanlagen

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Wache heute morgen durch beharrliches gehämmere auf, das auf abrissarbeiten hindeutet. Die bautätigkeit hier erreicht immer neue höhepunkte, dabei ist das viertel eigentlich schon dicht bebaut. Aber im laufe der letzten zwei monate wurden mehrere kleinere und ältere lehmhäuser dem erdboden gleichgemacht, um an ihrer stelle schönere, und vor allem höhere häuser aus beton zu bauen. Manchmal aber auch werden nur kleine, wackelig aussehende räume auf die dächer schon bedenklich wackelig dastehender älterer häuser gesetzt. So wuchert raum um raum zu einem amorphen gebilde aus stein, lehm, wellblech und stahlstangen, die dem ganzen halt geben sollen. Wie dem auch sei, seit heute morgen um neun (immerhin) wird fleißig gehämmert. Mal mit dem vorschlag-, mal mit dem presslufthammer, dass der boden unter meinen füßen bebt. An schlaf – insbesondere ausschlafen ist da gar nicht zu denken!

Gegen zwei uhr in der nacht rief noch mein sprachlehrer an, um einen termin zu bestätigen. anders als in europa scheint es hier keine grenze zu geben, bis wann man anrufen kann. Das hat mich schon immer stutzig gemacht, wenn ich zu später stunde bei rafik anrief und seine frau mich dann bat, in zwei stunden – gegen ein uhr nachts – noch mal anzurufen. Dafür kann es meiner meinung nach drei gründe geben: zum einen könnte man schlicht verlangen, dass derjenige, der nicht angerufen werden will, sein telefon einfach aus- oder leisestellt. Zum anderen kann es ungebrochene begeisterung für moderne kommunikationstechnik sein und als drittes mag es eine haltung sein, mit der man hier auch unangemeldeten besuch zu jeder zeit herzlich willkommen heißt. Ich vermute, es ist der dritte grund, warum man hier gern auch mal nachts angerufen wird.

Dann mal wieder mit rafik ins cham-city-center um schokolade für seine frau und danette für mich zu kaufen. Ich gebe ein heidengeld aus! Zum einen, weil ich in einen laden gehe, um danette zu kaufen und mit fünf einkaufstüten voller kram rauskomme (danettes sind nicht darunter, die waren gerade aus! Dafür chips mit dem geschmack französischen käses (!) und erdnussbutter mit honig). aber auch, weil die preise steigen und steigen. ich verliere schon die besinnung, so teuer ist das teils. Als wir zwischendurch einen kaffee trinken gehen, rechne ich um, dass ich für zwei normale kaffee mit milch über sechs euro bezahlt habe (und man hat mich nicht betrogen!). wer soll sich das hier leisten können? Auf dem einkaufstripp merke ich durch ein beständiges, mich begleitendes knattern, dass man die ampelanlagen, nachdem man nun fast überall die rückwärts zählenden sekundenanzeiger angebracht hat, mit geräuschanlagen für blinde ausgestattet hat. ich war bisher immer davon ausgegangen, dass blinde ein besseres hörvermögen haben, als sehende. Die produzenten dieser knatteranlagen scheinen aber vom gegenteil auszugehen, denn diese knattern dermaßen laut, dass man es weithin hört. Ein enerviertendes knatatatata begleitet einen auf schritt und tritt. Im park üben jugendliche ungeschickte break-dance-figuren. Ja, die globalisierung macht auch hier nicht vor der jugend halt. Sie sprechen mich gleich an, ob ich nicht auch break-dance könne (wo denken die hin?), da ich ja schließlich aus europa sei und dort sei das ja sehr verbreitet. Nun, wir fahren ja auch nicht alle bmw oder mercedes...

Am abend noch mitglied in einem sportstudio geworden. In einem kleinen stinkigen, denn das hat den vorteil, dass es drei minuten von mir entfernt liegt. Es war unglaublich voll! Auf 40 quadratmetern haben cirka 40 leute trainiert. Das gibt einem das richtige sardinendosen-feeling. Angeblich ist morgens, wenn ich hingehen will, nix los. Inscha’allah! Ein Vertrag oder ähnliches musste nicht gemacht werden. Man zahlt einfach umgerechnet 10 euro und geht einen monat lang hin. Punkt. Sehr einfach und unkompliziert. So werde ich also ab morgen meine bemühungen fortsetzen, dem verfallsprozess meines welcken fleisches entgegenzuwirken.

15:28 02.04.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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