bahnhöfe ohne züge, sinkende importzölle und ein bodybuildingmuseum

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Gehe gestern das erste mal zum sport. Wie schon festgestellt, handelt es sich um ein kleines, stinkiges und mäßig ausgestattetes studio, in dem dann für die zeit doch recht viel los ist. und wie schon jahre zuvor, als ich mich mal in einem sportstudio hier in damaskus verdingte, merke ich sofort, dass es eine offenbar weltweite sportstudiokultur der unfreundlichkeit gibt. Ich finde es ja in deutschland immer schon komisch, wenn man menschen, denen man regelmäßig begegnet, auf die man noch dazu zum beispiel in der umkleidekabine oder unter der dusche trifft, einen nicht grüßen oder einen gruß nur widerwillig erwiedern. Hier aber, wo menschen sich überall (wie ich hier nun feststellen darf eben mit ausnahme der sportstudios) freundlich begegnen, sich mit komplimenten und herzlichem tagtäglich überschütten, mutet es noch um vieles merkwürdiger an, wenn man dann auf so muffelige bodybuilder stößt. Vielleicht glauben sie, ihre (ich unterstelle das mal) angekratze männlichkeit, die sie durch muskelberge aufpolieren müssen, brauche zudem noch eine unfreundliche art, um wirklich männlich zu sein. Nun denn, ich muss sie ja nicht heiraten. Und entschädigt werde ich durch das interieur. Trophäen diverser wettbewerbe und bilder der idole aus den achtziger jahren. Die plakate der sport-revue von 1981 hängen aus! Ein bodybuilding-museum!

Die reisebüros, in denen wir uns wegen einer avisierten istanbul-reise mit dem zug (!) erkundigen wollen winken ab: die züge seien staatlich und da müssen wir zum hijaz-bahnhof gehen und uns dort erkundigen. Da waren wir aber schon vorher. Dort trafen wir auf eine private telefonate führende angestellte, die uns zehn minuten ignoriert hat um uns dann einsilbig zu erklären, dass sie auch nichts wisse, man solle zur türkischen grenze fahren und sich dort erkundigen (!!!). ja, wie gesagt, die bahn ist staatlich (was nicht heißt, dass sie besser wäre, wenn sie privat wäre, was aber heißt, dass sie eben wohl so schlecht funktioniert, wie eine behörde hier eben funktioniert). Nun werden wir uns erstmal auf den weg zum weiter außerhalb gelegenen bahnhof machen, bei dem die züge fahren, denn der hijaz-bahnhof ist ja sozusagen nur noch ein rudiment, ein überbleibsel aus besseren zeiten der bahn. Es fahren hier schon seit jahren keine züge mehr, da auf dem alten gleisbett ein einkaufszentrum errichtet werden soll. Das aber ist seit ewigkeiten in planung und es sieht ganz so aus, als ob es dazu so schnell nicht kommen wird. Wir werden uns also in kadam (dem bahnhof mit zügen) erkundigen müssen. Es gibt nämlich sehr widersprüchliche angaben zu zugverbindungen von damaskus nach istanbul. Einige menschen berichten, dass es einen durchgehenden zug gäbe. Das ist aber wohl schon jahre nicht mehr so. dann gibt es andere, die behaupten, man müsse drei mal (wo, da widersprechen sich die angaben) umsteigen, aber die züge seien eben nicht aufeinander abgestimmt und es könne passieren, dass man dann an der grenze oder an einem anderen ort mal so zwei oder drei tage (!) warten müsse. Die züge fahren eben teils nur zwei mal die woche. Das alles spricht dafür, vorher gründliche erkundigungen einzuziehen. Aber mit dem zug soll’s schon sein, das ist viel romantischer als eben mal nach istanbul zu fliegen und deutlich bequemer als zwei tage lang in einem engen, miesen reisebus zu sitzen.

Dann kurz im beit zaman einen kaffee getrunken und ab nach hause, wo mein arabischlehrer schon auf mich wartete. Der stau wird wirklich immer unglaublicher und man braucht inzwischen fast doppelt so lange, um von a nach b zu kommen, als noch vor zwei oder drei jahren. Syrien hätte dieser verdammten wto nicht beitreten sollen und die horrenden importzölle auf autos noch erhöhen sollen! Ich weiß nicht, wann die menschen es hier merken, aber mit einem auto kann man sich hier gar nicht mehr fortbewegen!

09:49 06.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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