bestechungsgeld, streitschlichter und ein feldversuch zur co2belastung

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Der besuch bei der ausländerbehörde gestaltete sich gestern anders, als letztes mal (www.freitag.de/community/blogs/isam-almatlub/wie-ich-zu-einer-aufenthaltsberechtigung-kam). Im wesentlichen müssen wir die gleichen stationen besuchen, wie vor monaten schon mal (die für die erteilung meines aufenthaltes zuständige stelle, das büro im erdgeschoss, das foto-büro, wieder die besagte stelle, dann den chef der brigade, die staatssicherheit, den computer und so weiter). Allerdings gibt es bei unserem zweiten besuch der zuständigen stelle eine komplikation. Der diensthabende beamte (dunkelblaue schulterklappe, aber keine sterne auf selbiger) meint, der mietvertrag müsse auf meinen namen lauten (was uns ca. 500 euro höhere steuern kosten würde, da rafik 3%, ich aber 21% auf die monatsmiete zahlen müsste) oder ich müsse übermorgen ausreisen. Beides ist wenig erfreulich. Nach einigem überlegen und ratlos dastehen, versuchen wir eine lösung à la syrienne: wir legen einen 500er in meinen pass (ca. 8 euro) und geben den pass zur nochmaligen prüfung (diesmal dem kollegen des diensthabenden beamten, der unser gesuch zuvor abgelehnt hatte, ebenfalls mit dunkelblauer schulterklappe allerdings mit drei sternen!). Erstaunlicherweise klappt es nun. Und das schneller als beim letzten besuch, wo wir nach zwei stunden noch mal kommen mussten. Diesmal kriegen wir den pass gleich wieder mit. Ich werde in zukunft immer die sterne auf den schulterklappen betrachten und mich dann zu demjenigen durchschlagen, der die meisten davon hat.

Danach schlimm die schulter beim sport verknackst. Kann mich nur noch unter schmerzen bewegen. Ja, sport ist mord! Habe mir nun eine syrische wundercreme besorgt, die wie ihr name schon sagt, wunder bewirken soll. Ansonsten tipps von allen seiten: tigerbalsam, heiße bäder, diese oder jene creme aus dem iran oder jordanien. Nun denn, ich lasse es auf mich zukommen. Zur not werde ich eben halbinvalide. Desweiteren ist der tag durch die arbeit bestimmt. Vier stunden deutschunterricht! Aber gelehrige schüler, noch dazu höflich – wo hat man das in deutschland schon? Allerdings trinken sie zu wenig – resp. Nix! In vier stunden unterricht. Und das bei über 30 grad. Spätestens in der letzten stunde sind sie „out of coverige-area“ wie der syrische mobilfunk ständig.

Heute ist es bewölkt und etwas drückend. Bis mittags noch erträglich. Sitze im park und genieße das leben. Beobachte, wie zwei streithähne, die aufeinander losgehen wollen, von anderen zurückgehalten werden. Streit wird hier fast immer schnell deeskaliert. Alle anwesenden greifen beherzt ein und schlichten, halten zurück oder ziehen die streithähne auseinander. Es gibt wenig gaffer. Ich weiß nicht ob aus angst, in eine auseinandersetzung verwickelt zu werden und dann womöglich mit verantwortlich gemacht zu werden, oder aus desinteresse. Vielleicht ist es aber auch einfach die angenehme begleiterscheinung einer gesellschaft, in der man sich für den anderen verantwortlich fühlt. Das ist ja wirklich ein unterschied. In deutschland fühlen wir uns (höchstens und wenn unsere sozialisation erfolgreich verläuft) für das verantwortlich, was wir selbst tun. Was andere (seien es familienmitglieder, nachbarn, angehörige der sippe oder kollegen) machen, geht nicht auf unser konto. Ich glaube manchmal, dass es hier anders ist. handfest wird es ja damit, dass die frau, schwester, tochter die trägerin der famlienehre ist. damit ist ja schon ein sozusagen fremdverantwortliches element eingeführt. Ich glaube aber auch, dass es noch weiter geht, dass zum beispiel nachbarn (stichwort sozialkontrolle) darauf achten, dass „ihre“ gegend anständig bleibt, dass deine freunde ein gutes, bzw. schlechtes licht auf dich werfen, dass es wichtig ist, mit wem du dich umgibst, bzw. abgibst. Ob es dazu genauere forschungen gibt? Was hier deutlich wird ist, dass es eine modernisierung, eine zunehmende individualisierung und freiheitsrechte einzelner nicht geben wird, ohne dass die tradition zurückgedrängt wird, ohne dass die gesellschaft dann auch weiter auseinanderfällt. Die sehnsucht nach freiheiten, die hier viele berechtigterweise haben, werden sie erkaufen müssen durch den wegfall der sozialen bezugssysteme, die hier im moment (noch) halt geben. Die freiheit, mit wem auch immer zu machen was immer ich will, gibt es nicht umsonst.

Auch nicht umsonst (nämlich um dem preis meiner gesundheit) gab es heute auch den großen feldversuch: wie lange können menschen ohne sauerstoff und bei einer 100-fachen co2-belastung überleben? Die wolken und die leichte schwüle, die sich am tag noch aushalten ließen, haben im laufe des nachmttags dazu geführt, dass alle abgase, die hier sonst durch einen kräftigen wind verweht werden, in der stadt gehalten haben. Vom merje aus konnte man das four-seasons-hotel (höchstens 500 meter weit entfernt) nur noch schemenhaft erkennen, so schlecht war die luft. Ich habe noch jetzt, spät nachts, während ich dies schreibe einen schlimmen kopfschmerz und fühle mich unpässlich. Rafik und Ian haben den ganzen tag in einem schläfrigen dämmerzustand zugebracht, unfähig einer sinnvollen betätigung nachzugehen. Ein luftkurort ist damaskus ja nie, aber heute habe ich den co2-gehalt eines ganzen jahres eingeatmet. Ich hoffe, die wolken sind morgen wieder verschwunden!

Nach meinem arabischunterricht (bei dem ich immer nach einer brandquelle – innerhalb und außerhalb meiner wohnung gesucht habe, durch die ich mir die schlimme luft erklären wollte, bis ich gemerkt habe, dass die ganze stadt so stinkt) haben rafik und ich die tickets für el hasakeh gekauft. Liegestühle im bus! Allerdings mit 10 euro pro person sündhaft teuer! Für eine achtstündige fahrt aber halte ich das sonst im bus kaum aus. Morgen geht es dann also auf in den kurdischen nord-osten des landes! Danach gibt es dann wieder einen kleinen reisebericht...

15:21 21.05.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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