bleichcreme, rockerfilme, schokowaffeln und ausgeschlagene zähne

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Gestern abend im hamam haben sich ganz viele jungs so braune nach schokolade duftende creme ins gesicht geschmiert. So eine art gesichtspackung. Sie soll (man hat sie mir auch angeboten) angeblich eine aufhellende wirkung haben (leider nicht auf den geist sondern auf die haut). Bei uns geht man an den strand oder aufs solarium um braun zu werden, hier schmiert man sich schokocreme ins gesicht um bleich zu werden. Ganz nach dem motto: „was ich haben will, das krieg ich nicht und was ich kriegen kann, gefällt mir nicht“. Ich habe allerdings dankend abgelehnt. Beim hamam-besuch ist mir aufgefallen, dass sich gesellschaftliche veränderungen immer auch in den körpern niederschlagen. Parallel zur zunehmenden gesellschaftlichen spaltung, diversifizieren sich die körper hier inzwischen deutlich. Während noch vor einigen jahren fast alle diese schlanken, sehnigen körper hatten, gibt es jetzt sowohl fettgewordene (bessere ernährungslage, weniger bewegung – das kennen wir ja in deutschland gut), als auch reichlich bodygebuildete. Letztere teils mit imposanten körpern. Entweder sind hier alle chemischen hilfsmittel leicht verfügbar, oder die genetische grundlage, auf der dies alles geschieht, ist der unseren (insbesondere der meinigen) deutlich überlegen. Vermutlich sogar beides.

Im kino läuft ein vollkommen abgefahrener film. Muss aus den späten siebzigern sein. Ägyptische produktion. Hippieszene mit rockerversatzstücken (motorräder) und vollkommen futuristischen kostümen in lackleder, gold, orange und türkis. Männer in knallgelben nikki-hosenanzügen und wilde rockmusik. Dazu leichtbekleidete hippie-frauen, die sich im matsch räkeln und permanent partyszenen mit wildem rumgeknutsche und reichlich drogenkonsum. Ich wundere mich, dass nicht schon lange die sittenpolizei einschreitet. Aber ich bin der festen überzeugung, dass ein solcher film heute in der arabischen welt nicht mehr gedreht werden könnte. Roll-back auch hier.

Deutlich schlimmer allerdings ist aktuell rafiks frau dran. Die ist beim putzen von der leiter gefallen und hat sich alle vier oberen schneidezähne ausgeschlagen! Die lippen mussten genäht werden und die verbleibenden stummel will der arzt ziehen. Sie muss sich nun von suppe durch eine strohhalm ernähren. Da sie wohl auch an den seiten nicht genug zähne hat, bleibt nichts, woran eine brücke aufgehängt werden könnte. So hat der arzt eine praktische vollprothese vorgeschlagen, was sie in einen nun schon stunden dauernden weinkrampf versetzt hat. Die alternative sind implantate, die hier aber zu teuer wären. Wenn ich solche nachrichten höre, empfinde ich tiefe dankbarkeit der deutschen krankenversicherung gegenüber! Gern auch würde ich mehr noch dafür zahlen, wenn bloß nicht zustände wie (hier) in der dritten welt bei uns einkehren mögen. Aber guido wird schon dafür sorgen, dass auch wir demnächst, ähnlich wie bewohner von entwicklungsländern, arme menschen an ihren zahnstummeln erkennen können.

Am abend begegne ich noch maya, duygu und einer weiteren sehr netten kopftuchtragenden türkin die ich neulich am bab touma im christlichen viertel kennen gelernt hatte. Alle drei kommen aus freiburg und schwäbeln leicht. Wir unterhalten und sehr nett und die drei – da sie auf der suche nach etwas süßem (sie meinen dabei keine männer sondern kalorienhaltiges) sind – gehen wir zusammen eine waffel essen. Am waffelstand herrscht hochkonjunktur. Der waffelmann macht mich trotz meiner drei (!) weiblichen begleiterinnen an, fragt, wie ich heiße, woher ich komme und zwinkert mir vielsagend zu. Schamlos! Die waffel ist ähnlich schamlos! Super lecker und mit fetter schokosauce, die wirklich (was bei schokolade hier sonst nie der fall ist) sehr schokoladig-lecker schmeckt! Dazu eine kugel eis und die kalorienbombe ist perfekt! Zum glück stehen die männer hier auf dicke.

Habe dann abends spät (ladenöffnungszeiten sind hier recht unberechenbar) eine wunderbare adidas-trainigsjacke aus atmungsaktivem polyester erstanden, die mir unheimlich gut steht. Es gab sie leider nur zusammen mit einer schrecklich hässlichen hose, die ich nun auch besitze und die ich – da ich weiß, dass ich sie niemals tragen werde – gar nicht erst anprobiert habe. So habe ich mir auch den abscheulichen anblick im spiegel erspart, den ich in dieser hose unweigerlich hätte abgeben müssen.

11:31 31.12.2009
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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