Böse blicke, zukünftige labore und verschwundene giftkanonen

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Am morgen in aller herrgottsfrühe müssen wir aufstehen um zum flughafenbus zu fahren, denn thomas fährt heute leider wieder ab. Danach gehe ich schon um acht ins costa unter dem bocelli, denn alles andere ist um diese zeit in damaskus noch nicht geöffnet. Gleich benehme ich mich daneben. Erst setze ich mich hin, ohne etwas zu trinken zu holen, wer kann auch ahnen, dass das ein selfservice-laden ist? dann hole ich mir was, aber setze mich an die falschen tische (nicht vom costa, die dunkel sind, sondern von segafredo, die hell sind) und ernte gleich böse blicke des personals. Dann verschütte ich beim versuch, unter den wackeligen tisch eine serviette zu bugsieren den kaffee. Als mir neuer gebracht wird (vermutlich hatten sie schon überlegt, einen pfleger für mich abzustellen), schmeiße ich zu guter letzt dann auch noch das milchkännchen auf den boden, das mit einem lauten klirren dort zerschellt. Ich werde mich so schnell nicht mehr dort blicken lassen können.

Danach getreu dem motto der stadt damaskus „shop untill you drop“ ein rieseneinkaufsbummel. Ab und zu muss ja eben mal alles nachgekauft werden. Vor die größten probleme stellt mich die wahl des richtigen waschmittels. Nicht nur, dass die waschmaschine schon gnadenlos schlecht wäscht, so dass ich bei weißwäsche immer bleach zugeben muss, damit man das nach der wäsche noch als weißwäsche erkennt; auch die trockene hitze (und der damit verbundene schnelle trocknungsprozess) verbrennt die wäsche geradezu. Die frau von rafik gab mir nun den tipp, immer nachts die wäsche aufzuhängen, damit sie nicht so schnell trocken wird (sie ist dennoch mitte der nacht schon trocken aber eben vielleicht nicht nach einer sondern erst nach drei stunden). Zusammen mit den hier gnadenlos aggressiven waschmiteln sieht meine wäsche inzwischen arg ramponiert aus. Was reinheit, farbfrische und spannkraft des stoffes angeht genügt sie westeuropäischen standards schon lange nicht mehr. Um die melonenernte vom feld zu holen geht es noch gerade, aber ich befinde mich hier ja inmitten einer städtischen zivilisation ersten ranges und muss etwas auf mein auftreten achten. Nach langem suchen habe ich ein „aril“ genanntes mittel gefunden, das wohl eine billige fälschung von ariel sein soll und angeblich ständiger kontrolle eines „future technologies la boratories“ in paris – also eines zukünftigen labors, bzw. la bors! - unterliegt. Na dann herzlichen glückwunsch! Auf jeden fall bekam ich vom duft, der das halbe stadtviertel beduftet hat, gleich einen schlimmen niesanfall.

Am abend treffe ich dann noch rafik im park, wo es schlimm voll ist. der sommer treibt die leute des nachts auf die straßen und ich freue mich auf durchwachte nächte und verschlafene tage. Allerdings werden mir das erste mal die mücken bewusst. Bisher war ich davon ausgegangen, dass diese aufgrund der trockenheit hier nicht überleben. Mir waren auch in all den letzen jahren keine mücken begegnet. Allerdings gab es in den letzten jahren auch diese tollen lastwagen mit der giftkanone drauf. Die fuhren regelmäßig durch die straßen und versprühten (ein sicher für menschen total ungefährliches) insektengift. Da sie so ein dröhnendes zischen, was man schon von weither hörte, abgaben, war ich immer schon gewarnt und habe dann schnell einen laden oder einen hauseingang aufgesucht und gewartet, bis sich die gröbste giftwolke wieder verzogen hatte. Danach war damaskus immer absolut insektenfrei. Seit monaten aber nun sehe ich diese giftkanone nicht mehr. Und erstaunlicher nebeneffekt: es sind wieder vögel in der stadt! Die ernähen sich ja glaube ich von insekten und die hatten die letzten jahren hier nicht viel zu lachen (und zu essen) und waren dementsprechend seltene gäste. Vermutlich ist dies alles den bemühungen in sachen umweltschutz geschuldet und sicher in ökologischer hinsicht total begrüßenswert. Allerdings waren die mücken (denen offenbar kleinste wasservorräte im bewässerten park für ihre fortpflanzung reichen) wieder zugegen und haben mit den aufenthalt nicht gerade versüßt.

11:12 23.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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hibou | Community