brennende fahnen, wütende demonstranten und ganz geheime polizisten

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Auf dem weg zu einer mittagsverabredung am marje fallen mir schon die heerschaaren mittelalter, gutgenährter männer auf (die ganz offenbar nicht beim mittagsgebet sind). Normalerweise ist um die zeit die stadt wie ausgestorben. Die läden sind geschlossen und die menschen entweder zuhause oder eben in der moschee. Heute ist dem nicht so. dann, am zentralen platz vor der uno-zentrale steht auch viel polizei. Von weitem kann ich eine kleine demonstration erkennen, die sich dem platz nähert (vielleicht so dreißig leute). Die transparente kann ich nicht lesen (ich scheitere schon an der sehr verschnörkelten schrift, selbst wenn ich ein wort entziffert hätte, mir fehlte dann sicher das vokabular), aber die bilder zeigen jerusalem. Es handelt sich also um eine der demonstrationen, die hier nicht wirklich systemgefährdend sind. Die dreißig menschen (viele frauen – alle ohne kopftuch!) bauen sich mit ihren transparenten in der mitte des platzes auf. Es scheint sich um die vorhut zu handeln, denn es sind drei fernsehübertragungswagen und cirka zehn kamerateams anwesend. Die werden kaum wegen der dreißig menschen gekommen sein. Auch die hundertschaften an geheimpolizei lassen auf eine kommende großdemo schließen.

Dann fahren mit lauter musik und marzialisch gekleideten menschen zwei kleinbusse heran, die die fahnen der hamas und des islamischen jihad schmücken. Kurz darauf füllen sich die straßen (das gebet ist vorbei) und tausende palästinensische- und syrische fahnen schwenkende menschen demonstrieren gegen die siedlungspläne israels. Auf plakaten sieht man hundertfach ein neues präsidentenbild des syrischen präsidenten, auf dem der präsident mal richtig gut aussieht. Da war sicher photoshop am werk. Ich liebe solche großdemos hier. Sie sind immer so symbolträchtig und reich an pathos. Mit benzin wird ein judenstern auf den asphalt gegossen und angezündet. Dann kann man ihn mit den füßen austrampeln. Oder man verbrennt eine amerikanische flagge – das kommt auch immer wieder gut. Dazu skandieren wütende menschen aus tausenden kehlen kraftvolle slogans. Bei uns sind demos immer nur latsch-demos und zum einschlummern, hier ist wenigstens action! Und die warnhinweise des auswärtigen amtes (man solle sich von solchen großdemos fernhalten) kann man getrost ignorieren. Ich habe selten so positive reaktionen auf meine anwesenheit bei einer demo bekommen, wie hier.

Selbst als ich mal mit einem freund bei einer solchen demo war, der ungeschickterweise an dem tag auch noch ein t-shirt mit einer amerikanischen flagge anhatte, wurden wir willkommen geheißen. Ich glaube es liegt daran, dass die menschen hier noch nie wirklich ihre regierungen haben wählen können und daher sehr wohl zwischen menschen und regierungen zu unterscheiden vermögen. Als george dabbelyou an der macht war, haben wir doch alle amerikaner doof gefunden, eben wegen iher regierung (die sie ja auch irgendwie gewählt hatten). Jetzt finden wir amerikaner wieder cooler – eben wegen obama. Hier aber, wo die menschen wissen, dass regierende nicht das volk sind, wo sie als diktatoren oft ja sogar gegen das volk handeln, nimmt man die menschen – egal aus welchem land – eben als menschen wahr und nicht als vertreter ihrer regierung. Daher werden eben auch amerikaner willkommen geheißen – trotz ihrer regierung. Ich wünsche mir dieses abstraktionsniveau manchmal in deutschland.

Eine frage aber beschäftigte mich noch, als sie demo schon zuende war und horden junger menschen fröhlich die straßen unsicher machten: warum waren die ersten dreißig demonstranten alle kopftuchlos, die dann kommenden wagen aber islamistische organisationen? Ich habe dafür nur eine erklärung: die alevitische, säkulare (herrschende) schicht will sich den protest gegen die israelische politik nicht aus den händen nehmen lassen und ihn nicht den islamistischen organisationen überlassen. Daher musste die choreographie dahingehend gestaltet sein, dass erst die staatstragenden elemente und dann (sich quasi darunter subsumierende) islamistische, religiöse kräfte die bühne betreten. Eine sache nur hat mich doch sehr verwundert: warum so viel geheimpolizei? Die müssen wirklich eine wahnsinnige angst haben, dass solche demonstrationen entgleiten. Dabei habe ich an keiner stelle auch nur einen funken unkontrollierter aggressivität gespürt. Noch lange hinterher sind jugendliche mit assad-bildern durch die stadt gezogen und haben den freien tag gefeiert.

10:16 27.03.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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