chaotischer fahrgastwechsel und unorthodoxe abbiegeregelungen

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Ich muss mich noch mal zum thema verkehr äußern. Und damit meine ich nicht den unehelichen geschlechtsverkehr, sondern den straßenverkehr. Da ich heute gegen halb eins richtung souk und eine gute stunde später wieder zurückgefahren bin, ist mir aufgefallen, wie ungeplant (unplanbar?) die verkehrsströme hier laufen. Ich glaube, dass es praktischerweise so eingerichtet ist, dass ausgerechnet, wenn arbeiter und angestellte Mittagspause haben, die schüler die schule verlassen und alle menschen nach hause oder woauchimmerhin wollen, sowohl taxifahrer als auch microbusfahrer eine große pause einlegen oder einen schichtwechsel durchführen. Am merje, dem zentralen platz der stadt, kam alle 10 minuten ein micro mit 13 plätzen, dabei hätte locker alle 10 minuten eine ganze u-bahn mit fahrgästen gefüllt werden können. Wenn dann ein micro kommt, strömen die menschen auf ihn zu und blockieren seine weiterfahrt an den straßenrand (von haltestellen hat man ja eh noch nie was gehört). Der steht dann also mitten auf der straße und blockiert nachfolgenden verkehr. Zudem führt die menschentraube dazu, dass die im bus befindlichen nicht rauskommen und der vorgang des fahrgastwechsels unnötig lange dauert.

Was mich immer wieder erstaunt ist, dass trotz dieses chaotischen verfahrens erstaunlich viele greise und auch zartere frauen plätze ergattern. Das deutet darauf hin, dass entweder doch rücksicht genommen wird, oder diese sich einfach noch geschickter durchzusetzen wissen. Eine stunde vorher noch (auf dem hinweg) stauten sich an selber stelle in selbe richtung die leeren micros und blockierten ebenfalls den verkehr, da sie auf nicht vorhandene fahrgäste warteten (da gab es noch die mindestens 10 fache menge, die allerdings nicht gebraucht wurde, später waren alle busse verschwunden). Hier würde eventuell die einführung der gleitzeit bei der arbeit enorme entzerrungen der verkehrsströme zur folge haben. Ich sollte dem präsidenden mal einen vorschlag unterbreiten.

Hat man dann einer der begehrten plätze ergattert (ich war schon am überlegen, die stunde fußmarsch auf mich zu nehmen, da ich es seit geraumer zeit erfolglos versucht hatte, in einen bus zu kommen, da hatte es mich plötzlich gleichsam mit der menschenmenge zusammen hineingespült), sitzt man zumindest warm und trocken. ich in diesem fall aber nicht bequem, denn ich hatte nur den notsitz auf der radabdeckung erwischt, der normalerweise nur gut für kinder und jugendliche ist. mir gereicht mein jugendliches aussehen diesbezüglich nicht zum vorteil, denn einem damaszener meines alters (mindestens zehn jahre älter aussehend) hätte man sofort einen vernünftigen sitzplatz angeboten, immerhin saß zumindest ein jugendlicher auf einem anständigen sitzplatz. Dann geht die fahrt los, bzw. das hupen beginnt als erstes. Immer wenn die straße besonders schmal ist, hält an eben dieser stelle planmäßig ein taxi. An jeder kreuzung wird von ganz links nach rechts und von rechts nach links abgebogen. Selbst wenn man auf der ganz linken der fünf spuren nur drei meter weiter nach vorne kommt und in weiteren drei metern aber rechts abbiegen müsste, ist das kein grund, sich rechts zu halten, oh nein! Man kann ja auf der mitte der kreuzung mit lautem hupen von ganz links nach ganz rechts herüberfahren und so alle fünf spuren blockieren. Die autos von rechts wollen ja auch nach links, nach geradeaus will eh niemand, selbst wenn es jemand wollte, er käme nicht voran.

Wenn dann mal drei meter freie fahrt wäre, springen fußgänger auf die straße (die netterweise und anders als im libanon eben nicht totgefahren werden), was den verkehrsfluss – wenn man hier von fluss überhaupt sprechen kann – natürlich wieder bremst. Dann ist erstmal wieder rot. Aber die polizisten pfeifen und fuchteln mit den armen, was bedeuten soll, dass dennoch „weiter“ gefahren werden kann. Das kriegt nur keiner mit, da das hupen so laut ist. der angenehme nebeneffekt dieses eingriffes der staatsmacht: auch die straße, die jetzt fahren könnte, weil sie grün hat, darf nun nicht fahren. Und so steht alles und hupt sich gegenseitig blockierend. Ja, so liebt man den verkehr in damaskus. Noch ein paar autos mehr und es geht eben dann gar nix mehr. Man müsste nichtmal eine u-bahn bauen. Es würden schlicht die beachtung elementarster verkehrsregeln genügen, aber wem soll man das erklären...

14:50 19.02.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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