das wunder grüner pflanzen und das scheitern am geldautomaten

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Die situation auf meinem dach stellt sich folgendermaßen dar: die blumen, die wir gießen sollten, deren herkunft aber fragwürdig ist (angeblich gehören sie einer alten verstorbenen dame, ich frage mich aber, warum nicht diejenigen sie nun gießen, die jetzt in der wohnung dieser verstorbenen dame wohnen und zu deren wohnung das stück dach offenbar gehört), sind nun zu 99% vertrocknet. Erstaunlich ist dennoch, dass 1%, das überlebt hat. Zwei monate in der sonne bei teils ja auch hohen temperaturen in einem vollkommen ausgetrockneten kleinen topf sandiger erde zu stecken und dennoch nicht das grün zu verlieren grenzt an ein wunder. Ich sollte die gene dieser pflanzen destillieren und sie meistbietend an gentechnikkonzerne in europa vermarkten, denn daraus lassen sich bestimmt hervorragend hitzeresistente sorten züchten – ja wieder eine unverwirklichte geschäftsidee! Stattdessen sitze ich hier in der sonne auf dem dach und trinke tee.

Also zum dach: ich hatte die idee, mir die ecke in der zur zeit die vertrockneten sträuche stehen mit neuen pflanzen schön zu machen, denn es ist die wirklich schönste ecke des daches mit gutem blick und sichtschutz. Momentan habe ich mich immer auf einen anderen part zurückgezogen, in dem ich im schatten einer überdimensionierten sattelitenschüssel sitze. Ich traue mich nicht (deutsche mentalität?) den anderen teil des daches zu nutzen, obschon ich noch nie jemanden dort gesehen habe. Ich muss also die nachbarn mal fragen, ob sich das machen lässt, wem der teil überhaupt gehört und dann geködert mit dem angebot, für eine neue begrünung zu sorgen, den teil für den rest der zeit hier zu benutzen. Dennich glaube nicht nur jetzt, auch im frühjahr kann man hier gut sitzen, bevor es im sommer dann wieder zu heiß wird.

Habe heute versucht, mit der vereinsbank servicekarte (!) geld abzuholen, was erstaunlicherweise eben nicht klappt (merke ich vollhonk aber erst beim dritten geldautomaten). Hätte auch die aok-card ausprobieren können! Ich wollte nämlich dem handyelend von rafik ein ende setzen und ihm ein neues günstiges aber funktionierendes gerät schenken. Seines ist nämlich inzwischen durch und durch schrott. Allein der akku ist in mindestens drei partien zerfallen und das display unbenutzbar (nicht, dass rafik ein virtuose der handynutzung wäre, er hat bis heute nicht herausbekommen, dass man die letzten gewählten nummern über die grüne taste direkt noch mal wählen kann – die tolle erfindung der wahlwiederholung – und sucht sie immer wieder aufs neue im telefonregister, aber auch er hat ein anrecht auf ein funktionierendes gerät finde ich). Da ich aber kein geld bekommen habe, hat rafik kein handy bekommen.

Nach arabisch treffe ich mich mit zwei deutschen homos, die in beirut waren und jetzt hier für drei in damaskus sind und wir trinken tee und tauschen tipps und verabreden uns für morgen zum frühstück. Ich brauche das ja, damit ich deutsch nicht verlerne... beide machen was mit IT, sind aber trotzdem ganz nett und einer wirkt auch erstmal aufgeschlossen und lustig, der andere ist (wie das in beziehungen immer so ist) eher der stille, leicht mürrisch guckende. Was für böse streiche die physiognomie manchmal spielen kann. Sie sind erst heute angekommen und haben einen kleinen kulturschock. Beirut ist ja fast wie berlin oder paris (womit ich nicht sagen will, dass berlin und paris das selbe sind – bei leibe nicht! Aber ich glaube beirut ist in vielerlei hinsicht näher an europäischen städten als am orient) nur schicker, teurer und etwas amerikanisierter, damaskus eben doch etwas anders. Wildes nightlive sucht man vergebens, wenn man es sich nicht im eigenen bett organisiert.

14:16 29.01.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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