demographischer wandel, kindererziehung, männermoden und homosexuelle

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Rafik ist noch mal opa geworden. die frau seines sohnes hat letzte nacht per kaiserschnitt einen sohn geboren. Die freude ist groß und die wohnung wird enger. Jetzt also zu dritt in einem zimmer. Aber so kann der demographische wandel aufgehalten werden! Allerdings ist hier ja eher das gegenteil ein problem. Mit den vielen kindern pro frau liegt das durchschnittsalter der bevölkerung bei 18 jahren (in der brd 42!). und wo sollen all die jobs für die vielen jungen leute herkommen? Das angenehme an kindern hier ist, dass sie alle verdammt artig und so ruhig sind. Wenn sie schreien oder im trotz nicht wollen, sich auf den boden werfen oder sowas, werden sie von mama oder papa einfach wortlos genommen und getragen (ob sie strampeln oder nicht – die eltern lassen sich überhaupt nicht aus der ruhe bringen und es wird nur sehrsehr selten geschimpft). Ich glaube, dass die entschiedenheit und die ruhe, die die eltern ausstrahlen den kindern unbewusst signalisiert, dass sie mit ihrem theater keine chance haben. Meist hören sie innerhalb weniger augenblicke auf mit dem geschrei. Rafik muss nun die operation und den krankenhausaufenthalt zahlen (!) allein die op hat 16000, also ca 250 euro gekostet (dafür würde in deutschland wohl kein arzt auch nur den kittel anziehen), was hier aber das eineinhalbfache eines monatslohns ist. die junge mutter muss nun also schnell gesunden und raus aus dem krankenhaus, weil das zu teuer ist. so könnte man krankenhausüberbelegungen in deutschland doch auch lösen. Vielleicht sollte gesundheitsministerin von der leyen mal eine kleine anregungsreise nach syrien unternehmen. Das kleine wird übrigens rafiks namen tragen.

In einem älteren spiegel der mir hier in die hände gefallen ist – an aktuelle presseerzeugnisse ist gar nicht zu denken - ist ein artikel über homosexuellenverfolgung in der arabischen welt. Über syrien wird nicht berichtet. Ägypten wird wegen seiner beliebten schauprozesse genannt. Der iran wegen seiner darauf stehenden todesstrafe. Allein der libanon wird als positives beispiel hervorgehoben, denn dort gibt es ja inzwischen eine offene und westlich orientierte schwulenszene. Über den irak wird berichtet, dass fundamentalistische schwadronen dort auf homos, oder diejenigen, die sie für homos halten, jagd machen und es seien schon über 100 tote zu beklagen. Allein schon wer enge hose und enges t-shirt trägt und eventuell lange haare hat (angeblich zeichen der unmännlichkeit) laufe gefahr umgebracht zu werden.

Diesbezüglich ist die momentane damaszener herrenmode ja ein fauschschlag in die hässliche fratze des fundamentalismus. Man mag zu engen klamotten und insbesondere zu den hier inzwischen weit verbreiteten langen haaren bei männern stehen, wie man will, aber in dieser hinsicht gefallen sie mir inzwischen geradezu. Sie sind auf jeden fall ein deutliches zeichen, dass zumindest in sachen mode die fundamentalisten hier noch nicht das sagen haben. In scha’alan tummelt sich inzwischen eine so offene homoszene, die – obwohl es ja eigentlich verboten ist – ein bisschen an die szene in der ddr nach dem mauerfall erinnert. Es ist neu, es ist aufregend, man testet die grenzen aus. Rafik erzählt, dass vor einigen monaten, als sich eine sehr große gruppe von (wohl auch geschminkten und teils als tunten zurechtgemachten) schwulen auf der straße vor benetton traf, dann doch mal die polizei vorgefahren ist und sie vertrieben hat. Ansonsten lässt sich die geheimpolizei kaum noch blicken. Diese unauffälligen herren mit der pistole im hosenbund, die früher überal waren, sind ganz verschwunden. Auch die weißen wagen mit drei oder vier herren mittleren alters drin gibt es nur noch sehr selten. Im spiegelartikel hätte syrien in dieser hinsicht zumindest mal erwähnt werden können – aber was will man erwarten.

21:14 26.12.2009
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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