deutsche bürokratie, syrische absurdität und neo-osmanismus

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Nach dem aufstehen treffe ich endlich mal wieder meinen tandempartner. Er hat ein erstaunliches problem mit der deutschen bürokratie. Für sein studium in köln benötigt er ein sogenanntes sperrkonto bei einer deutschen bank. Da viele banken mit syrien (und damit auch mit syrern) keine geschäfte machen blieb nach langer suche nur die commerzbank. Dort hat er nun ein sperrkonto und eine dementsprechende bescheinigung. Bei der deutschen botschaft in damaskus aber hat man ihm das visum verweigert, da aus der bescheinigung der bank hervorgehen muss, dass er monatlich 624 euro (genau 642!) abheben kann. Eine solche bescheinigung wird (wie ihm auf antrag bestätigt wurde) von der commerzbank in köln nicht ausgestellt. Die commerzbank in dresden zum beispiel stellt eine solche bescheinigung problemlos aus, weigert sich jedoch, das sperrkonto von ihm zu führen, da dieser in köln studiert und nicht in dresden. Ein unlösbares problem, bei dem noch dazu die zeit drängt, denn in vierzehn tagen gehen die vorbereitungskurse zum studium in köln los und er muss ja nicht nur noch das flugticket kaufen, sondern sich dort auch noch eine bleibe suchen und seine alte wohnung in damaskus auflösen. Man fragt sich manchmal, wer sich dieses deutsche einwanderungsreglement ausgedacht hat. Wohl bemerkt: mein tandempartner ist einer von denen, die in deutschland angeblich willkommen sein sollten (er ist arzt, kann sehr gut deutsch und es geht um ein spezial-aufbaustudium). Wie muss es den anderen ergehen?

Seit zwei tagen erreiche ich ali nicht, was ungewöhnlich ist. dann meldet er sich endlich. Er sei im krankenhausgefängnis gewesen (ich erinnere mich an die gleichartige geschichte, die rafik mir mal berichtete, auch der hatte ja schon mal zwei tage im krankenhausgefängnis zugebracht). Und das kam so: er war des abends mit einem freund unterwegs und hat einen motoradunfall gesehen, ist dem schwer verletzten fahrer (helme sind ja unbekannt, geschwindigkeitsbegrenzungen und reglementierungen des motorrad-verkehrs auch) zur hilfe geeilt und hat ihn mit ins krankenhaus gebracht. Und nun ist das in syrien so: wenn ich jemandem zur hilfe komme, bin ich verantwortlich. Und da der mann im koma lag, konnte er nicht bestätigen, dass ali vollkommen unschuldig war und ihm eben nur geholfen hatte. So wurde er solange festgehalten, bis der verletzte bestätigte, dass ali unschuldig ist. eine unglaubliche regelung! Unter den bedingungen würde in deutschland (und ian stimmt mir zu, wohl in ganz europa) niemand mehr helfen. Auch ali war angepisst und meinte, er gehe das nächste mal lieber schnell weiter, wenn jemand dort verletzt liege. Aber hier setzt man offenbar auf die soziale verantwortung und das scheint ja tatsächlich aufzugehen. Dass man einem anderen zur hilfe eilen muss scheint gesetzt, denn die menschen machen es ja ganz offenbar trotz dieser absurden gesetzlichen regelungen. rafik verteidigte die noch und meinte, dass es, da es ja keinen rettungsdienst gebe, den man einfach anrufen könne und der sich dann um die verletzten kümmere, eben notwendig sei, die am unfall und an der rettung der unfallopfer beteiligten solange festzuhalten, bis die umstände des unfalles geklärt seien.

Im pages nerven heute englischsprechende syrische oberschichtangehörige („ah, mykonos is sooo cheap now!“), die offenbar das ererbte geld ihrer familien durchbringen müssen. Dann schocken die autovermietungen, mit denen ich mich am abend noch beschäftigen muss (wir wollen noch einen meinen aufenthalt hier beschließenden abschluss-ausflug zu alis familie machen), denn sie sind nun alles andere als sooo cheap now geworden! Haben wir im oktober noch einen wagen für 1400 pfund gemietet, kostet er nun 3800! Es sei (neben der gewöhnlichen ca. 150%-igen preissteigerung) eben auch der sommer und die hohe nachfrage an wagen wird mir erklärt. Budged, sixt (oder wie ali sagt: sikist) und europcar – alle zu teuer. Wir nehmen nun doch die autovermietung in mezze, die 2800 am tag (aber incl. zwei fahrern, versicherung und kilometern unlimmited) kostet und um die sich ali – inscha’allah – morgen kümmern wird.

Nach über zwei wochen schaffe ich es wieder, zum sport zu gehen. Es ist alles beim alten, außer dass die preis wohl erhöht wurden, was mir aber entgeht da ich erst nach langem und intensivem studium den zettel an der wand entziffere und mühe zahlen darauf entdecke, die eine preissteigerung bedeuten könnten. Da man es vermutlich als hoffnungslosen fall eingeschätzt hat, hat man mich beim bezahlen nichtmal drauf angesprochen. Oder ich habe als altmitglied schon bestandsschutz – wer weiß? Da es inzwischen so heiß geworden ist, zerfließe ich! Als ob man einen 15-liter eimer wasser über mich geschüttet hätte – so nass verlasse ich das studio und schleppe mich gen heimat. Am Nachmittag treffe ich rafik. Wir trinken saft und essen türkische kuchen, die hier nun überall zu haben sind. Überhaupt wird das land mit türkischen produkten überschwemmt. Ich habe neulich schon kritische anmerkungen gehört, dass sich leute beschwerten, dass es ja nicht so sei, dass man hier in syrien keine kuchen habe, wieso man denn diese aus der türkei importieren müsse. Auch andere dinge (insbesondere kleidung) werden schon lange importiert. Die neue türkische außenpolitik: wirtschaftsimperialismus oder neo-osmanismus?

15:51 16.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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hibou | Community