die mühen des spracherwerbs und die mysterien der briefzustellung

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Heute beim arabischkurs habe ich noch gut mithalten können. Aber es ist anstrengend! Der stapel der vokabeln allein aus den beiden tagen ist eher ein wochenprogramm, dabei muss ich nicht mal alle vokabeln lernen, denn einige kann ich schon. Allerdings muss ich einige hocharabische wörter neu lernen, wo ich syrisch-arabische kann. „ams“ heißt gestern, auf syrisch aber „mbareh“. Das hat keine ähnlichkeit und so geht es mit cirka einem viertel aller wörter. Inder schule habe ich trotz meiner müdigkeit gemerkt, wie schlecht doch unser lehrer ist. Wir sollten dialoge im restaurant sprechen, aber anstatt dass er uns ein bischen zeit gibt und machen lässt und dann korrigiert, hat er jedes wort sofort korrigiert und wenn etwas nicht schnell genug kam, was er hören wollte einem das wort vorgesprochen, so dann man immer nur wie ein papagei nachgeplappert hat. So kann man überhaupt nicht sprechen lernen!

Außerdem ist der kurs extrem grammatiklastig: allein in den ersten tagen die personalpronomen, der dual (!), ein suffiertes besitzanzeigendes dingsda für den genitiv und die possesivpromonina aller 21 personalpronomen mit ihren jeweiligen endungen! Zum glück kamen in der zweiten hälfte tandempartner (syrische deutschlernende) und das war sehr lustig. Habe zu viert mit einer sehr netten türkischen islamwissenschaft-studierenden aus freiburg und zwei deutschlernenden syrern (die allerdings schon bedeutend besser deutsch als wir arabisch konnten) eine kleine gruppe gebildet und das hat wirklich was gebracht und spaß gemacht. Allerdings lassen sich fortschritte nur im mikroskopischen bereich messen. Es gibt in unsererm kurs einige, die seit jahren arabisch studieren und es immer noch nicht können und meinen, man brauche sicher 10 jahre um es zu lernen. Ja, das macht hoffnung.

Gestern abend sprach mich ein mir vom sehen bekannter herr in meiner straße an, es sei ein „rissala“ für mich angekommen. Ich habe, obschon wir am tag noch beim sprachkurs „bil barid“ – bei der post – hatten, kein wort verstanden. Ja so ist das: grau ist alle theorie. Rissala heißt brief. Nun scheinen briefe hier nicht an den empfänger zugestellt zu werden, hätte mich auch gewundert, denn ich habe noch nie einen postboten gesehen und auch weder briefkasten noch einwurfschlitz, sondern an einen laden in der nähe, der sich dann um die weitere verteilung kümmert. Leider weiß ich nicht, in welchem laden der herr arbeitet, so dass ich auch auf dem rückweg noch mal langsam die straße auf und ab gegangen bin, in der hoffnung, es käme vielleicht einer aus einem laden auf mich zugesprungen und bedeutete mir, es sei ein brief für mich da, aber nichts! Ich bin dann noch in einen laden hereingegangen, den ich in verdacht hatte (einen zeitungsladen. Das würde ja zumindest wegen des papiers besser passen als der klempner oder die tischlerei), aber auch dort war der herr nicht und ich wollte nun nicht überall blöd „rissala“ fragen gehen. So muss ich mich nun also gedulden. Ein brief erreicht bekanntlich ja immer irgendwie seinen empfänger.

Am abend gehen wir zu ahl schams am arnous essen, wo man so herrlich auf der dachterrasse sitzen kann. Es sind fast nur frauen anwesend und kinder. Es scheint sich um eines der letzten restaurants in staatsbesitz zu handeln, auf jeden fall ist das personal heute ähnlich unorganisiert wie damals in der ddr. Allerdings netter. Der kellner ist zu scherzen aufgelegt, weil weder der salzstreuerfunktioniert, noch genug gabeln da sind. Das essen aber ist gut. Schisch tawuk und steak mit senfsauce. Vorher tabboulee und humus und einen limonensaft mit minze (ein wirklich erfrischendes getränk, das ich neu entdeckt habe). Vollgefressen machen wir uns auf den weg nach hause und hören zuhause noch die beiden neuen cd’s von schirin und george wassouf, die wir vorhin noch erstanden haben (jede für ungerechnet nur ca. zwei euro!).

17:18 04.01.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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