dreipunktbuchstaben, tuntenfilme und reden über günstlingswirtschaft

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Nach dem frühstück im hotel treten wir unsere rückfahrt an. Nach dem kauf des tickets müssen wir uns am busbahnhof bei der geheimpolizei abmelden (jeder ausländer muss das tun, es dient angeblich dem schutze der im land reisenden touristen, normalerweise reicht aber die meldung bei einer polizeidienststelle am bahnhof oder busbahnhof). Hier müssen wir zu zwei unterschiedlichen polizeidienststellen, deren augenfälligstes unterscheidungsmerkmal es ist, dass die einen uniformen tragen und die anderen in zivil gekleidet sind. Vornehmstes möbelstück in den büros beider ordnungshüter ist jeweils ein durchgelegenes bett. Ob dies nun den langen dienstzeiten oder der insbesondere polizeibeamte schnell überkommenden müdigkeit (oder beidem) geschuldet ist, vermag ich nicht zu sagen. ich komme auch gar nicht dazu, mir darüber gedanken zu machen, denn der in zivil gekleidete herr, der meinen pass nun schon seite für seite mehrmals durchgeblättert hat, dabei aber bisher weder meine nationalität, noch meinen namen hat feststellen können, bombardiert mich mit stakatoartig vorgetragenen fragen. Wie ich heiße, woher ich komme, wo ich geschlafen habe, wohin ich wolle, was mein beruf sei, woher ich komme, wo ich genächtigt habe, wohin ich nun reise und wo ich dort sei, was meine tätigkeit und was mein name sei und so weiter (die fragen glichen sich und alle aspekte dieses wenig ergiebigen sujets wurden mindestens viermal gestellt). Ich schien ihm ein hochverdächtiges subjekt zu sein! Nachdem ich ihm mein visum und den einreisestempel (beides hatte er immer noch nicht im pass ausfindig machen können) gezeigt hatte, lies er mich widerwillig passieren.

Danach hob rafik zu einer ausschweifenden rede über korruption und günstlingswirtschaft an, die damit begann, festzustellen, dass es sich bei diesem geheimpolizisten um eine für seinen beruf ungeeignete person handele, da er nicht einmal in der lage sei, einen pass richtigrum zu halten. Noch dazu seien alle seine fragen obsolet, denn wir hatten gleiches schon im hotel angeben müssen und auch beim kauf des tickets schon hinterlegt. Solche menschen aber kämen auf ihre posten, weil sie jemanden aus ihrem dorf in der partei an entscheidender stelle oder in behörden hätten, oder weil sie sich die posten erkauften. So kämen eben nicht die besten, sondern die korruptesten und dümmsten in die entscheidensten stellen und andere (wie sein sohn, der sein studium in archäologie mit dem besten ergebnis des ganzen jahrgangs absolviert hatte) säßen ohne job da. Ja, die leistungsgesellschaft hat sich hier nicht durchgesetzt. Es handelt sich vermutlich um eine arabo-aristokratische semirepublikanische oligarchie oder so was.

Dann fielen mir kurz vor der abreise noch die vielen dreipunktbuchstaben auf. Das kurdische (das in der türkei im prinzip mit lateinischen, hier aber mit arabischen buchstaben geschrieben wird) kennt ja auch gegenüber dem türkischen buchstaben, die als besondere kurdische buchstaben gelten (das x und das w zum beispiel). Hier nun gibt es das ف (f) mit drei punkten oben, das dann das w sein soll (zum beispiel für den namen hawal) und das ج (jim) ebenfalls mit drei punkten (nun aber unten), das dann einem dschim-laut entspricht, den man durch das arabische alphabet nicht darstellen kann, den das kurdische aber braucht (im namen jivan zum beispiel). Ich kannte aus tunesien ja schon das ق (qaf) mit drei punkten oben – für ein g, welches es sonst nicht gibt. Ja so kann man mit punkten oben und unten viele neue buchstaben erschaffen, ols ob das arabische nicht schon genug hätte, anstatt sich zum beispiel um den jugenschutz zu bemühen. Mit dem liegt es nämlich im argen. Im bus wurden (obschon es zahlreiche kinder gab) härteste action- und brutalo-thriller gezeigt. So viel mord und totschlag brutalster art, dass ich mich angewiedert abgewendet habe. Die kleinen kinder aber wie unter schock und paralysiert glotzten die ganze zeit auf die monitore. Vielleicht ist auch das das geheimnis der artigen kinder: die stehen alle unter schock.

Im bus wurde noch ein weiterer (diesmal ägyptischer) film gezeigt, was auch nix gutes verspricht. Es handelte sich um einen dieser hier sehr beliebten tunten-komödien. Mühsam als frauen zurechtgemachte männliche schauspieler geben eine scharade, bei der mit abgeschmacktesten rollenklischees bis zum erbrechen versucht wird, komische situationen auszuschlachten (hach! Und immer wieder lustisch!). Aber dem publikum hier gefällt es. Schon gestern abend im hotelfoyer wurde mit großer begeisterung einer dieser filme gesehen. Man kann sich den homosexuellen hier eben nur als verkappte tunte vorstellen. Und gleichzeitig stehen so viele männer hier auf tunten, dass einem schwindelig wird. Vermutlich weil sie mit ihnen gleichgeschlechtliche sexualität ausleben können, ohne angst haben zu müssen, dass sie von ihrer als männlich empfundenen penetrierer-rolle abweichen müssten. Die rollenverteilung scheint (zumindest nach außen) klar. Gleichzeitig berichten viele tunten, dass sie, wenn die tür erstmal ins schloss gefallen ist, die herren der schöpfung auf dem bauch wiederfänden. Natürlich! Sonst könnten sie’s ja auch mit ihren frauen treiben. Aber das ist eben nicht, was sie (in der spezifischen situation) eigentlich suchen. Überhaupt – aber das steht auf einem anderen blatt – scheint sexualität hier angenehm wenig mit identität verknüpft zu sein. Ein mann kann auch mal mit einem mann (solange er aktiv bleibt, oder sich „nur“ einen blasen lässt), ohne sich die frage stellen zu müssen, ob er evtl. schwul sein könnte. Es ist angenehm, dass man hier anscheinend mit männern sex haben kann, ohne zu glauben, man müsse sich nun auch einen entsprechenden gay-lifestyle zulegen.

10:54 01.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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