ein akt der sabbotage und schöne balletteinlagen der syrischen armee

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Ein akt der sabbotage muss es sein, dass meine anzeige zum sprachunterricht zwar erschienen ist, aber mit einer falschen telefonnummer! Ich hatte – ich schwör auf alles alder! – die richtige nummer angegeben. Dann wurden einige wörter vertauscht, also die reihenfolge wurde verdreht, was wohl dem aufbau der schrift von links nach rechts geschuldet ist, womit die layout-abteilung der sonst in arabischer schrift gesetzten zeitung überfordert war. Das aber nicht schlimm ist, verstehen weil kann auch so man ja in reihenfolge falscher, oder? Schlimmer ist der dritte fehler. Die anzeige begann mit: „german teacher...“ gibt stunden undsoweiter. Aber das „german“ wurde vergessen. Nun bietet ein lehrer stunden in irgendetwas an. Natürlich muss ich bei aller bescheidenheit sagen, dass ich mich in vielem auskenne und sicher in der lage wäre auch stunden in anderen dingen zu geben. Dennoch ist damit ein entscheidender bestandteil meines angebotes (eben die deutsche sprache) unterschlagen worden. Gespannt wäre ich eher, wer auf eine solche anzeige antworten würde und was für stunden dann von mir verlangt werden könnten. Leider ist die nummer falsch... Nun wird sich die revisionsabteilung oder die reklamationsabteilung damit befassen müssen, wenn nicht der präsident persönlich. Auf jeden fall kamen heute – erstaunlicherweise – noch keine anrufe. Meine arbeitssaison geht also dann wohl erst eine woche später los...

Gestern hatte ich einen lasy day im park, wo ich mit einem achmed gelbpulli meine rudimentären arabischkenntnisse amelioriert habe, dann mit ihm zu ian gefahren bin. Der taxifahrer verwickelt uns in ein gespräch und meint dann, er sei bei der polizei. Immer diese ungeheimen geheimpolizisten. Hatte ich mir ob seiner visage aber eh schon gedacht, dass er bulle ist und natürlich nichts diskreditierliches von mir gegeben. Immerhin will er, als wir in mezzeh ankommen, kein geld annehmen – ja die geheimpolizei: we are only here to serve you!

Gestern abend sehe ich ali, der mir auf seinem handy erstaunliche videos der syrischen armee zeigt, auf denen halbnackte männer martialische balletteinlagen vorführen. So etwas bizarres habe ich noch nie – und ich betone noch nie! – gesehen. Es tun sich immer wieder erstaunliche dinge auf, wenn man mit anderen kulturen bekanntschaft macht. Und der hier weit verbreitete militarismus muss ja auch irgendwie homosexuell überhöht werden. Angeregt durch das video bekomme ich diverse geschichten von alis militärzeit erzählt, die er mir alle lebhaft vorträgt. Ich habe fast das gefühl, dabei zu sein. Das passt alles so gar nicht zu unserer kultur der konfliktvermeidung, aber ich habe das gefühl, dass da kanalisiert etwas ausgelebt wird, womit jugendliche bei uns vor dem computer allein gelassen werden. Mir ist das alles fremd, aber ich komme auch nicht aus einer region, in der man in den letzten jahren kriege hatte.

Ich weiß noch, wie mich der libanonkrieg 2006 in damaskus überrascht hat und wie von einem auf den anderen tag die ganze kriegsmaschinerie angeworfen wurde mit kriegslieder im radio, videos im fernsehen und neuen plakaten und fahnen überall. Wo jeder laden glaubte, er müsse mindestens einmal am tag laut die nationalhymne spielen und wo die menschen sich tatsächlich (und fast routiniert) auf einen krieg auch hier in damaskus vorbereitet haben, indem sie nahrungsmittelvorräte angelegt haben, medikamente zusammengetragen und geklärt haben, wie im falle eines stromausfalls die wasserversorgung im haus sichergestellt werden könnte (generatoren). Ich wusste bis dahin gar nicht, dass man für wasser strom braucht und dass man strom zum kochen oder heizen natürlich gut durch gasflaschen kompensieren kann, aber die wasserpumpe sich damit eben nicht betreiben lässt. Nun, lange rede – kurzer sinn: mir ist diese kriegerische kultur nicht geheuer und nicht vertraut, aber ich komme eben auch nicht aus damaskus, sondern aus deutschland. ali sieht das ganz anders und zeigt stolz videos, die nicht nur die schönheit (das ist wieder das, was ich sehe), sondern eben auch die kampfbereitschaft der syrischen armee belegen. Mindesten die entschlossenheit, denn ich bezweifle, dass im falle eines falles dieses schöne ballett die israelis beeindrucken würde.

10:07 08.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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